Ex-Häftling und Autor Jens Söring

    "Ich würde gerne meine Unschuld beweisen"

    32:45 Minuten
    Porträt von Jens Söring. Er trägt eine Brille und lacht herzhaft.
    Als Häftling in US-Gefängnissen konnte er nicht einmal unbewacht zur Toilette gehen – jetzt ist wieder alles für Jens Söring möglich. © Janna Tolle
    Moderation: Katrin Heise · 04.10.2021
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    Er saß 33 Jahre in US-Gefängnissen – für Doppelmord. Doch Jens Söring hat die Tat seit dem Prozess immer bestritten. 2019 kam er frei und wurde nach Deutschland abgeschoben. Die Frage von Schuld und Unschuld begleitet ihn auch in der Freiheit.
    Seit Dezember 2019 ist Jens Söring ein freier Mann. Auf Bewährung hat man ihn aus einem US-Gefängnis entlassen und nach Deutschland abgeschoben. Was bedeutet es für ihn, nach über drei Jahrzehnten seine Freiheit zurückzuhaben? Am besten, sagt Söring, beschreibe dieses Gefühl eine Postkarte, die neben seinem Bett stehe.
    Darauf ist zu lesen: "Ich muss gar nichts." Dieser Satz treffe seine Gefühlswelt, ganz besonders in den ersten Monaten nach der Haft, auf den Punkt.
    "Im Gefängnis lebt man unter ständigem Zwang. Jeder, wirklich jeder Aspekt, sogar wann man aufs Klo geht, ist ja geregelt. Und jetzt kann ich tun und lassen, was ich will." Mit Zweifeln an seiner Unschuld wird Jens Söring aber weiterhin konfrontiert, in den USA, aber auch in Deutschland.

    Prominente Unterstützer

    Hat der Mann die Eltern seiner Ex-Freundin 1985 tatsächlich nicht umgebracht? Saß er 33 Jahre zu Unrecht im Gefängnis? Oder ist Söring doch der Täter? Schließlich hatte er die Tat zunächst gestanden, wurde wegen Doppelmordes zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt.
    In den letzten Jahren seiner Gefängniszeit gab es auch prominente Unterstützer. So setzten sich der Autor und Rechtsanwalt John Grisham, der amtierende Sheriff im US-Bundesstaat Virginia, Chip Harding, oder auch Chuck Reid, einer der ehemaligen Ermittler im Mordfall, für Sörings Freilassung ein. Doch die Bedenken, sagt der 55-Jährige, die würden immer bleiben.
    "Das ist hart für mich zu ertragen. Ich würde natürlich sehr gerne meine Unschuld beweisen. Ich kann es nicht. Und ich kann nur sagen: Wenn man sich die Beweislage in meinem Fall heute mit offenen Augen und einer fairen Einstellung anschaut, kommt man, wie Chip Harding, wie Chuck Reid, wie John Grisham zu dem Schluss, dass ich nicht verurteilt worden wäre."

    "Ich wollte den Helden spielen"

    1986, nach der Festnahme, gesteht Jens Söring den Doppelmord zunächst, zieht das Geständnis später wieder zurück. "Ich hatte eine gute Absicht. Ich wollte ein Menschenleben retten. Ich wollte den Helden spielen, deshalb habe ich die Polizei belogen", sagt er rückblickend.
    Mit seinem Geständnis habe er seine ebenfalls verhaftete Ex-Freundin vor dem elektrischen Stuhl bewahren wollen.
    Seine 33 Jahre im Gefängnis, so erzählt Söring, könne man in vier Phasen unterteilen. In der ersten "war ich unter direkter Androhung der Todesstrafe". In den 1990er-Jahren sei es besonders darum gegangen, "dass ich nicht vergewaltigt werden wollte. Das passiert sehr, sehr oft im amerikanischen Strafvollzug".
    In den 2000er-Jahren beschäftigt sich Söring intensiv mit dem US-Justizsystem, schreibt kritische Artikel und Bücher darüber. "Das mochte man natürlich nicht auf hoher Ebene. Ich habe mir also das Justizsystem zum Feind gemacht."
    In den letzten Jahren seiner Haft habe er vor allem darum gekämpft, "neue Beweise zu sammeln, um meine Unschuld darzulegen und rauszukommen".

    "Meditieren hat mir das Leben gerettet"

    Die Frage von Schuld und Unschuld habe ihn auch während der Haftzeit ständig begleitet.
    "Nach 15 Jahren begann ich zu meditieren, zwei Stunden am Tag, das letzte Jahr sogar drei Stunden am Tag. Das hat mir geholfen, mit den Schuldgefühlen, vor allen Dingen mit dem Selbsthass besser fertig zu werden. Ich würde sagen, das hat mir das Leben gerettet. Und vor allen Dingen auch meine, wenn es so etwas gibt, auch meine Seele gerettet."
    Anders als viele seiner Mithäftlinge, die ihre Haftzeit "passiv ertragen mussten", habe ihm das "Fehlurteil" geholfen, "am Leben zu bleiben und weiterzukämpfen, das gab mir die Energie", erzählt der Autor. Gerade ist sein neues Buch erschienen: "Rückkehr ins Leben – Mein erstes Jahr in Freiheit nach 33 Jahren Haft".
    In den letzten Monaten hat sich Jens Söring als Redner ausbilden lassen. In Zukunft wolle er über Resilienz sprechen. "Ich möchte gerne das, was ich im Gefängnis darüber gelernt habe, an andere Menschen weiterreichen. Ich möchte damit anderen Menschen helfen, aber auch mir selbst."
    (ful)
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