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Tonart | Beitrag vom 24.10.2016

Ex-Bassist Bill Wyman"Die Stones haben es nicht mehr drauf"

Von Marcel Anders

März 1967: Rolling-Stones-Bassist Bill Wyman raucht während einer Pressekonferenz in Bremen. (imago/Mollenhauer)
März 1967: Rolling-Stones-Bassist Bill Wyman raucht während einer Pressekonferenz in Bremen. (imago/Mollenhauer)

Als Bassist der Rolling Stones hat Bill Wyman die goldenen Jahre der Band miterlebt - bis er sich für Familie, Fotografie und einen ruhigeren Lebenswandel entschied. Zu seinem 80. Geburtstag spottet er über seine alten Kollegen.

"Wann hatten die Stones ihre letzte Nummer 1? Das ist ewig her – weil sie es nicht mehr drauf haben und nicht mehr die richtigen Songs an den Start bringen. Trotzdem verkaufen sie noch jede Menge Konzerttickets, was ein echtes Phänomen isr. Aber: Ich hatte keine Lust, den Rest meines Lebens mit den immer gleichen, alten Nummern zu verbringen. Ich wollte etwas Neues probieren."

Die Stones als ausgebrannter Dinosaurier. Eine Tatsache, der sich Bill Wyman schon in den späten 70ern bewusst war – genau wie der Dominanz der Songwriter Jagger/Richards, die es ihm unmöglich machten, eigene kreative Ansprüche auszuleben. Also versuchte er sich als Solist – lange vor seinen Kollegen, aber mit bescheidenem Erfolg. Einfach, weil er kein herausragender Sänger ist, und weil seine Songs oft wie Parodien anmuten. Wie sein einziger echter Hit: "Je Suis Un Rockstar".

"Er ist ironisch gemeint und macht sich über die Franzosen lustig. Als ich die Bänder zur Plattenfirma nach Paris geschickt habe, bekam ich aufgeregte Briefe, in denen es hieß: 'Das kannst du hier nicht veröffentlichen, weil die Grammatik vollkommen falsch ist. Das musst du korrigieren.' Sprich: Sie haben das ernst genommen und den Witz nicht verstanden. Nämlich Franglais – halb Englisch, halb Französisch. Nach dem Motto: "Voulez vous come avec moi to my house in France?" Ich habe es vermischt. Wie englische Touristen in Frankreich."

Ein Stück, mit dem Wyman Humor bewiesen, aber sich auch von seinem Berufsstand abgegrenzt hat. Denn der kleine Mann mit der dicken Hornbrille war zwar ein Rockstar, der Millionen verdiente und Sex mit über 1000 Groupies gehabt haben will - gleichzeitig verstand er sich aber auch als der Schöngeist der Stones.

Zum großen Maler hat es nie gereicht

Er residierte in Südfrankreich und auf einem historischen Anwesen westlich von London, widmete sich der Literatur, betätigte sich als Fotograf, Maler und Hobby-Archäologe und flanierte in der Kunstwelt. So war er gern gesehener Gast bei Picasso und Chagall.

"Ich habe da nicht nur mit Chagall und seiner Frau Vava gesessen und über Kunst und allgemeine Dinge gesprochen, sondern auch die ganze Atmosphäre aufgesogen. Bei ihnen hingen riesige Gemälde in wunderbarem Rot und Blau. Dazwischen standen Töpferwaren von Picasso, denn die beiden haben regelmäßig Sachen getauscht. Es waren überall Kunstwerke und Bücher - und Chagall hörte die ganze Zeit klassische Musik von Stravinsky. Einmal hat er mir erzählt: Sobald er ein Bild beendet, nimmt er es mit in den Garten und stellt es neben die Blumen. Sieht es echt aus, ist es ein glückliches Bild. Wenn nicht, ist es ein krankes, das er weiter bearbeiten muss."

Zum großen Maler hat es bei Bill Wymen nie gereicht. Dafür ist der Sohn eines Maurers ein angesehener Fotograf mit regelmäßigen Ausstellungen, ein erfolgreicher Geschäftsmann mit drei Restaurants und ein Bestsellerautor, der sieben Bücher über die Stones und seine Musiker-Karriere veröffentlicht hat.

"Wir liefern Qualität"

Zudem hat er mit namhaften Kollegen von Jeff Beck bis Eric Clapton gejammt und unterhält mit den Rhythm Kings eine Hobby-Band mit missionarischem Anspruch, die bereits fünf Alben veröffentlicht hat – und regelmäßig live spielt.

"Ich re-kreiere eine Menge früher Musik. Und zwar unterschiedlichste Stile, weil ich vier großartige Sänger in meiner Band habe – und Musiker, die alles von Rockabilly über Boogie, Blues, Jazz, Soul und New Orleans-Kram bis zum jungen Elvis beherrschen. Wenn wir auf der Bühne sind, besteht das Publikum zu 20 Prozent aus jungen Leuten. Und wenn wir nach zwei Stunden fertig sind, rasten sie völlig aus – sie schreien und pfeifen sich die Seele aus dem Leib. Also geben wir Zugaben, bis die Saalbeleuchtung angeht. Das liegt einfach daran, weil wir die einzige Band auf Erden sind, die so viel Vielfalt und Können auffährt. Wir liefern Qualität."

Mit den Rhythm Kings steht er nächsten Freitag auf der Bühne der Londoner O2-Arena – für ein Konzert aus Anlass seines 80. Geburtstags und mit illustren Gästen wie Robert Plant, Chris Rea und vielleicht dem einen oder anderen Rolling Stone. Ansonsten feiert er heute im Kreis seiner Familie, die – so sagt er - das Wichtigste in seinem Leben sei. Und ihn Anfang des Jahres bei der Bekämpfung seines Prostata-Krebs unterstützt habe.

Von links nach rechts: Brian Jones, Mick Jagger, Keith Richards, Bill Wyman und Charlie Watts vor einem Auftritt im Circus Krone-Bau in München im September 1965. (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)Von links nach rechts: Brian Jones, Mick Jagger, Keith Richards, Bill Wyman und Charlie Watts vor einem Auftritt im Circus Krone-Bau in München im September 1965. (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)

Sexuelle Eskapaden wie mit dem damals 14-jährigen Starlet Mandy Smith, mit der er Mitte der 80er liiert war, interessieren ihn dagegen nicht mehr. Und das Alter sei auch nicht so schlimm, wie zunächst befürchtet.

"Je älter du wirst, desto öfter blickst du zurück und entdeckst tolle Sachen in der Vergangenheit. Etwa Oscar Wilde und seine fantastischen Schriften. Oder Musik, die du nie zuvor gehört hast. Wie eine Sängerin aus den 40ern namens Julia Lee, die Boogie gespielt hat. Und wenn du ein Maler bist, entdeckst du Leute aus den 1920ern, von denen niemand etwas weiß. Das hat damit zu tun, du im Alter mehr Zeit hast, zu recherchieren und darüber nachzudenken. Bist du dagegen 17, 18 Jahre alt, willst du nur in den Pub und Mädchen treffen, Spaß haben und auf Partys gehen. Alles andere kommt erst später im Leben."

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