Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Die Schatten nicht gelebter Träume

05:28 Minuten
Cover des Romans von Ewald Arenz "Fünf, sechs, sieben, acht"
© Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Ewald Arenz

Fünf, sechs, sieben, achtDuMont Buchverlag GmbH & Co. KG , Köln 2026

256 Seiten

25,00 Euro

Von Jörg Magenau |
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Ein sechzigjähriger Stepptänzer setzt sich mit dem Altwerden auseinander – und mit den verpassten, ungelebten Möglichkeiten seines Lebens. Doch was versäumt wurde, lässt sich nicht mehr nachholen.
„Altlicht“ nennt man die schmale Sichel des abnehmenden Mondes in der Nacht vor Neumond. Altlicht scheint auch auf den alternden Stepptänzer, dessen Vertrag nicht mehr verlängert wird, aus Ewald Arenz‘ neuem Roman.

Die Nacht war klar. Die beiden Domspitzen zeichneten sich schwarz und scharf gegen den Himmel ab, obwohl Altlicht war. (…) Altlicht. Das Wort hatte er das erste Mal von Jo gehört, und es war zu Anfang des Sommers gewesen. Nicht weit von hier. Auf der Brücke in die Altstadt. Vielleicht war es noch ein bisschen später gewesen als jetzt.

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Jo war Antons erste große Liebe, mit der er sein Leben verbracht hätte, wenn sie ihn nicht von jetzt auf nachher verlassen hätte und spurlos verschwunden wäre. Dass er nie erfuhr, warum sie wegging und ob sie überhaupt noch am Leben ist, war ein Schock und ist Antons unvergängliches Trauma.
Was wäre aus diesem ungelebten Leben geworden? Stattdessen hat er Katja geheiratet und sich von ihr getrennt, obwohl die beiden eigentlich ein gutes Verhältnis haben. Die gemeinsame Tochter Emma ist auch schon dreißig, ist Tänzerin und Choreografin wie der Vater.

Die Macht des Versäumten

Anton fühlt sich mit sechzig noch ganz gut. Vielleicht sind seine Steppschritte nicht mehr so schnell wie früher, dafür hat er mehr Erfahrung. Doch dann teilt ihm die neue Intendantin mit, dass sie nicht mehr mit ihm plant und ausgerechnet seine Tochter ihm nachfolgen soll.
Die Kränkung ist enorm, doch auf die Wut und die Enttäuschung folgt das Bedürfnis, Bilanz zu ziehen und, nachdem es seiner Tochter gelang, Jo im Internet als Lehrerin an einer Grundschule in Irland ausfindig zu machen, mit ihr dorthin zu reisen und sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Was tat er hier eigentlich? Was hatte er sechzig Jahre lang gelebt? Zwei kaputte Beziehungen und ein paar bedeutungslose Affären. Zwei-, dreihundert Stücke, an deren Tanznummern sich niemand mehr erinnerte. (...) Und er hier in Irland im Nirgendwo auf einer von Beginn an sinnlosen Suche nach einer Jugend, die es nicht mehr gab.

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Das Genre des alternden Mannes, der endlich aus dem Schatten der nicht gelebten Möglichkeiten heraustreten möchte, hat derzeit Konjunktur. Hans-Ulrich Treichel behandelt in seinem aktuellen Roman „Das Karussell“ dasselbe Thema in heiter-melancholischer, leiser Variante.
Jim Jarmusch hat mit seinem Film „Broken Flowers“ schon vor 20 Jahren Maßstäbe gesetzt, indem er Bill Murray all seine verflossenen Geliebten und mit ihnen die alten Träume aufsuchen ließ.

Illusionen einer verhinderten Liebe

Bei Arenz, inzwischen selbst sechzig geworden wie sein Protagonist, kommt die Wende zum Alter dennoch überraschend, waren seine großen Bestseller-Erfolge „Alte Sorten“ und „Der große Sommer“ doch Jugendromane.
In „Fünf, sechs, sieben, acht“ setzt er sich mit dem Gefühl der Vergeblichkeit auseinander und choreografiert die ganze Vielfalt widersprüchlicher Empfindungen. Den Konflikt zwischen Vater und Tochter treibt er bis zum Äußersten. Und er ergründet die Illusion einer verhinderten Liebe, die, wie Anton schließlich vermutet, ihn unfähig gemacht hat, sich mit Zuneigung und Entschlossenheit auf das Näherliegende einzulassen.

Gegen Träume hat man keine Chance. Aber (…) es waren nicht die Träume, sondern das andere Leben, gegen das man keine Chance hatte. Das ungelebte Leben mit all seinen tausend Möglichkeiten, tausend Glücksmomenten, die vielleicht alle hätten Wirklichkeit werden können. Nach denen sehnte man sich, weil man dieses Leben nicht gelebt hatte.

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Der Rhythmus des Stepptänzers

Arenz ist ein so schlichter wie wirkungsvoller Erzähler. Er schreibt Literatur in einfacher Sprache mit Sätzen, deren Satzteile von Punkten in kleine Häppchen zerteilt werden. Das Stakkato, das er auf diese Weise erzeugt, passt jedoch zum Rhythmus des Stepptänzers und dem Klackern der Platten an seinen Schuhen.
Wie ein Tänzer beherrscht Arenz auch Tempowechsel, beschleunigt nach Phasen der Erholung, dramatisiert einen Showdown auf einem schwindelerregenden Pfad an der irischen Steilküste und lässt den nie allzu komplex werdenden Gedanken den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten.
Auf diese Weise erzeugt er eine emotionale Anteilnahme und schafft lebensnahe, glaubwürdige Figuren. Ein ergreifendes wunderschönes Happy End gibt es auch, sodass eigentlich nichts dagegenspricht, dass Ewald Arenz auch mit „Fünf, sechs, sieben, acht“ wieder einen Bestseller landen wird.
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