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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 23.09.2005

Evolutionsbiologe warnt vor Infragestellen der Evolution

Josef Reichholf kritisiert christliche Fundamentalisten

Moderation: Eckhardt Roelcke

Die Gehirne von Elefant, Pferd, Schimpanse und Fleckenhyäne (v.l.n.r.). (Deutsches Hygiene-Museum, Foto: Volker Kreidler)
Die Gehirne von Elefant, Pferd, Schimpanse und Fleckenhyäne (v.l.n.r.). (Deutsches Hygiene-Museum, Foto: Volker Kreidler)

Anlässlich der Evolutionsausstellung im Hygienemuseum Dresden hat der Evolutionsbiologe Josef Reichholf vor christlich-fundamentalistischen Bewegungen gewarnt, die die Evolution anzweifeln. Er wandte sich vor allem gegen die US-amerikanische Strömung des "Intelligent Design".

Roelcke: Am Telefon begrüße ich nun den Evolutionsbiologen Prof. Josef Helmut Reichholf, er ist Wissenschaftler an der Zoologischen Staatssammlung München und hat zahlreiche Bücher zum Thema Evolution veröffentlicht. Guten Morgen, Herr Professor Reichholf!

Reichholf: Guten Morgen!

Roelcke: Fundamentalistische Weltanschauungen haben großen Zulauf überall auf der Welt, in der islamischen Welt, auch in den christlich geprägten USA. In Deutschland muss man auch nicht lange suchen, um islamistisch beeinflusste Menschen zu treffen, die behaupten, dass die Entstehung der Menschheit nicht so verlaufen sei, wie es die Evolutionstheorie erklärt. Der Vorwurf lautet, die Evolutionstheorie sei eine Pseudowissenschaft. Wie begegnen Sie denn als Evolutionsbiologe diesem Vorwurf?

Reichholf: Nun, das kann man auf mehreren Ebenen machen. Zunächst einmal: Der historische Rückblick zeigt, dass solche Kämpfe immer zu ungunsten von Fundamentalisten, von Glaubensrichtungen ausgegangen sind. Beispiel: die lange Ablehnung, der Versuch der Ablehnung, dass die Erde eine Kugel ist. Man wollte auch am so genannten geozentrischen Weltbild unbedingt festhalten. Es hat sich einfach nicht aufrechterhalten lassen und heute wird kein Fundamentalist mehr befürchten, dass er, wenn er um die Erde reist, am Rand der Welt abstürzt. Das heißt, die Geschichte lehrt uns, so etwas hat es immer wieder gegeben. Das ist gleichsam die Begleiterscheinung des Wissensfortschritts, den die Menschheit macht. Grundlegender ist aber das Problem, wenn wir uns dem Inhalt der Evolution zuwenden, und da wird in der Regel nicht unterschieden zwischen der Tatsache, der Gegebenheit der Evolution, die genauso sicher ist und unbezweifelbar wie, dass die Erde rund ist oder wie etwa unser Planetensystem aufgebaut ist, und der Mechanismen, die zur Entwicklung, zu den Veränderungen der Arten geführt haben, dass wir die Mechanismen in manchen Bereichen noch nicht vollständig kennen, durchschauen können, ist genauso eine Tatsache, und daran sozusagen setzen die Fundamentalisten mit ihrer Kritik an. Und sie sind heute, das ist der dritte Punkt, in unserer Zeit besonders aktiv geworden, weil natürlich allgemein bekannt ist, dass wir die Schwelle überschritten haben zum Eingriff in das Erbgut, also in das evolutionäre Geschehen. Wir sind nicht mehr auf Zufall und zufallsbedingte Variation angewiesen, sondern wir können direkt eingreifen und das ist das, was natürlich aus der Sicht der fundamentalistischen Strömungen etwas ganz ganz Schreckliches ist und abgelehnt und bekämpft werden muss.

Roelcke: Wenn wir in diesem Zusammenhang von Fundamentalismus sprechen, dann sprechen wir nicht nur von islamischen, islamistischen Fundamentalismus. In den USA gibt es gleich mehrere Bewegungen, die die Evolutionstheorie bezweifeln, da wird zum Beispiel vom "Intelligent Design" gesprochen, von einem höheren Wesen, das das Leben auf der Erde entwickelt habe. Wie ernst muss man denn solche christlich-fundamentalistischen Strömungen nehmen?

Reichholf: Man muss sie sehr ernst nehmen, weil sie mit einer außerordentlich geschickten Art und Weise der Argumentation vorgehen und ich hatte vorhin auch ganz bewusst vermieden, Fundamentalismus etwa auf den Islam zu beziehen, das wäre völlig ungerechtfertigt und geradezu unfair, denn gerade die christliche Welt ist voll von solchen fundamentalistischen Strömungen. Was nun die Neuversion des "Intelligent Design" betrifft, so hat die deswegen wahrscheinlich so viel Zulauf und auch bei vor allen Dingen Nichtbiologen so viel Faszination erweckt, weil sie scheinbar den Zustand sozusagen das Schöne in der Welt erklärt, das harmonisch Zusammenpassende – und wir alle streben ja unbewusst oder aktiv nach Harmonie, nach einem guten Leben – und da setzt diese Theorie an. Sie hat grundlegende Mängel, Fehler, die also wirklich ganz katastrophal sind, weil sie nach einem Prinzip vorgeht, das natürlich die Naturwissenschaft absolut ablehnen muss. Sie greift nämlich selektiv das heraus, was passt, und lässt alles Übrige unberücksichtigt.

Roelcke: Ignoriert also auch die wissenschaftlichen Tatsachen.

Reichholf: Ganz genau.

Roelcke: Wenn jetzt der amerikanische Präsident fordert, "Intelligent Design" solle gleichwertig mit der Evolutionstheorie in den Schulen gelehrt werden, kann man dann sagen, dass der amerikanische Präsident in dieser Hinsicht fundamentalistischer Anschauung ist?

Reichholf: Was Politiker für Anschauungen wirklich haben, entzieht sich ja meistens der Öffentlichkeit. Er hat aber als kluger Politiker sehr wohl erkannt, dass er damit punkten kann, dass er seine Wählerschaft stärken kann, wenn er sich in diesem Bereich hineinbewegt und seine Botschaften, seine Erleuchtungen von jenseits der Sterne bezieht, wie er sich beim Irakkrieg ausgedrückt hat, das hat alles politische Hintergründe, und das würde ich gar nicht so direkt nehmen, dass es seiner Überzeugung entspricht. Wenn ja, dann repräsentiert er ja in der Tat die Mehrheit der Bevölkerung in den USA, die sich ja nicht gerade durch ein sehr gründliches System von Ausbildung in den Naturwissenschaften auszeichnet. Die USA hat Spitzenwissenschaftler praktisch auf allen Gebieten und gerade auch in den Naturwissenschaften, aber auch katastrophale Unkenntnisse. Es gibt noch viele, die annehmen, die Sonne drehe sich um die Erde, in den USA.

Roelcke: So, wie Sie das beschreiben, merken Sie durchaus auch in der Wissenschaftsszene einen Geist der Gegenaufklärung?

Reichholf: Durchaus, denn es ist verlockend für manche auch, die in biologischen Bereichen tätig sind, die nicht direkt oder kaum mit evolutionären Veränderungen, mit Prozessen zu tun haben, und da scheint die Verknüpfung mit der Religion auf diese elegante Weise möglich zu sein. Aber es ist bezeichnend, dass gerade diejenigen, die an den Bereichen forschen, die mit den negativen Seiten des Lebens, mit den Krankheiten, dem Elend, den Missbildungen, den Fehlern, den Mängeln zu tun haben, natürlich ganz und gar nicht dieser Richtung zuneigen, denn das wäre ein höchst unintelligentes Design gewesen. Selbst wenn man es auf den Menschen bezogen, als Strafe bezeichnen möchte, können doch missgebildete Kinder nichts dafür, die können doch nicht bestraft werden für etwas, das sie gar nicht getan haben und noch weniger können Tiere dafür oder Pflanzen, wenn sie von Krebs, von Missbildungen befallen werden. Das wird alles ausgeblendet beim "Intelligent Design". Auch die vielen Mängel in der Entwicklung, dass wir mit Problemen zu kämpfen haben, die aus unserer Vorgeschichte stammen, die bis heute nicht wirklich behoben sind, und wo wir die Medizin brauchen. Bei Haltungsschäden, bei Problemen mit der Verdauung, bei vielen Dingen in der Medizin, die uns immer wieder Schwierigkeiten machen, die andere Tiere, die anders geworden sind, nicht haben.

Roelcke: Haben Sie als Wissenschaftler nicht auch die Aufgabe, jetzt in diesem Fall mal politisch zu wirken, um diesem unwissenschaftlichen Unfug auch mal öffentlich Paroli zu bieten?

Reichholf: Wir machen das und ich werde auch mit meinem Vortrag im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden anlässlich dieser Evolutionsausstellung auf dieses Thema eingehen und ich kann sagen, die katholische Kirche ist da sehr viel offener als ihr oft vorgehalten wird, die evangelische sowieso, die können oft nur kopfschüttelnd registrieren, was in den USA da produziert wird.

Roelcke: Fundamentalisten wettern gegen die Evolutionstheorie. Das war der Evolutionsbiologe Prof. Josef Reichholf.

Service:

Die Ausstellung "Evolution. Wege des Lebens" ist im Deutschen Hygiene-Museum Dresden vom 24. September 2005 bis 23. Juli 2006 zu sehen.

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Links bei dradio.de:

Plan kontra Darwin

Externe Links:

Deutsches Hygiene-Museum Dresden: "Evolution. Wege des Lebens"

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