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Religionen | Beitrag vom 11.10.2020

Evangelischer Werbedienst KOMMLutherbonbons und Engelanhänger

Von Josefine Janert

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Vor einem rotgefärbten Abendhimmel sieht man die Silhouette eines Engelanhängers. (Gettyimages / EyeEm / Anne Neumann)
Mit Accessoires den eigenen Glauben bekennen – das will der evangelische Werbedienst KOMM ermöglichen. (Gettyimages / EyeEm / Anne Neumann)

Engel, Paradies und letztes Abendmahl – die Werbung nutzt gern religiöse Motive und Anspielungen. Gar nicht so einfach also, wenn die Kirchen selber Werbung designen. Über Engel mit Tiefgang, Lutherbonbons und den Waschhandschuh "Gottesgeschenk".

Der Herbst ist da. Bald werden sich die Menschen wieder darauf vorbereiten, Halloween zu feiern. Alle? Nein. Ein paar Christinnen und Christen erinnern sich noch an ein anderes Fest, das zu dieser Zeit traditionell begangen wird – den Reformationstag, im Gedenken an Martin Luthers reformatorische Ideen. Ein christliches Unternehmen will uns diesen Reformationstag schmackhaft machen – mit Lutherbonbons. Betriebswirt Timo Siefert rechnet vor:

"Die sind in Tüten zu 500 Gramm verpackt, und da verkaufen wir so um die tausend Tüten im Jahr."

Mit Gimmicks gegen Halloween-Süßkram

Die Idee hatte ein Hamburger Theologe schon vor 15 Jahren, als sich Halloween in Deutschland immer mehr ausbreitete. Er schlug sie dem evangelischen Werbedienst KOMM vor, der daraus einen Verkaufsschlager entwickelte. KOMM steht für Kommunikation. Gemeinden können beim Werbedienst Taschen, Schlüsselanhänger und andere Artikel mit religiösen Symbolen und Aufschriften bestellen. Diese verschenken sie zum Beispiel an Konfirmanden, Senioren und Ehrenamtliche. Zunehmend bekommt der Werbedienst auch Anfragen von Privatpersonen.

Bettina Patzwald sitzt am Kundentelefon. Sie weiß: Lutherbonbons gehen immer.

"Luther war ein Genussmensch. Er hat täglich sein Bier getrunken und viele andere Dinge, auch genussvoll gelebt. Luther war ein Lebemann, ja! Es ist in so nettem Papier, wo auch Luther drauf ist mit kleinen Jahreszahlen. Dann hat man das Rascheln, dieses Aufmachen und diese Spannung. Und dann gibt’s das noch in drei verschiedenen Geschmackssorten, sodass man auch ein unterschiedliches Erlebnis hat durch die Geschmackssinne. Das beflügelt noch mal das gesprochene Wort der Kirche, indem ich das sehr stark für mich wahrnehmen und dann auch mit nach Hause tragen kann."

Kreativ im Fußballstadion

Der evangelische Werbedienst KOMM wurde 1970 in Hannover gegründet und gehört mittlerweile zum evangelischen Presseverband für Westfalen und Lippe. Zwei-, dreimal im Jahr treffen sich die Mitarbeiter mit einem Beirat zur Ideenfindung. In diesem Gremium sitzen Öffentlichkeitsarbeiter aus den Landeskirchen. Meist kommen sie in einem Konferenzsaal zusammen, doch es gab auch schon eine Versammlung im Fußballstadion von Arminia Bielefeld. Diese Umgebung sollte die Kreativität beflügeln.

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Was letztlich produziert wird, entscheidet der Werbedienst. Er sucht dafür Geschäftspartner, die möglichst umweltfreundlich, regional oder fair produzieren – und gleichzeitig kostengünstig, damit die Gemeinden es sich leisten können. Timo Siefert:

"Wir sind ja als Werbedienst für die evangelische Kirche sehr bemüht, auch zu zeigen: Kirche ist was Gutes, Gott ist was Gutes. Wir haben so einen Bio-Kaffeebecher gemacht aus Bambusholz, wo einfach nur draufsteht: ‚Mich dürstet‘. Und da wurde ganz kritisch diskutiert. Da hatten wir dann auch Zuschriften bekommen, dass das ja der Ausruf ist, den Jesus am Kreuz getätigt hat, und dass das deswegen negativ besetzt wäre. Aber man findet das Zitat ‚Mich dürstet‘ auch noch an anderen Stellen in der Bibel, wo es positiv besetzt ist. Ich glaube, zu strittige Sachen würden auch nicht gemacht werden."

Mit Werbeartikeln den Glauben bekennen

Stattdessen verpacken die Kollegen vom Vertrieb Kalender mit religiösen Motiven, Schlüsselanhänger mit dem Schriftzug "Teilzeit-Engel" und Aufkleber mit der Aufschrift "Viele Grüße von Ihrer Kirchengemeinde". Bekanntlich hat die evangelische Kirche in den vergangenen Jahren etliche Mitglieder verloren. Bettina Patzwald findet es deshalb wichtig, sich zu ihr zu bekennen:

"In Zeiten, wo Kirche nicht mehr unbedingt immer durch Gebäude und Ähnliches präsentiert wird, ist die Individualität einfach viel wichtiger. Und das heißt, man kann durch verschiedene Artikel sich selbst darstellen als Christ. Ich kann den Artikel nutzen und zeige nach außen: Ich gehöre der Kirche an, ich stehe zu meinem Glauben."

Zwei Frauen und zwei Männer stehen vor einem Bücherregal und lächeln in die Kamera. (Josefine Janert)Die Mitarbeiter des evangelischen Werbedienstes KOMM: M. Landefeld, T. Siefert, H. Möhler, B. Patzwald (v. links) . (Josefine Janert)

Wegen Corona haben Gemeinden viele Veranstaltungen abgesagt und deshalb weniger bestellt. Deshalb ist der Umsatz um ein Drittel eingebrochen. Doch Produkte, die Mut machen und Schutz versprechen, laufen trotzdem – so wie Engelfiguren oder ein reflektierendes Armband mit der Aufschrift: "Ich bin bei dir. Gott." Ein Bestseller ist nach wie vor der Waschhandschuh.

"Da ist draufgeprägt ‚Gottes Geschenk‘", sagt Patzwald. "Und das ist was, was die Gemeinden eigentlich immer gerne nehmen für die Taufe, weil der Pfarrer, die Pfarrerin dem Täufling das halt hinterher mitgeben kann."

Wunsch nach Beständigkeit

Egal, ob Lutherbonbons, Armbänder oder Waschlappen – die Produkte kommen überall in Deutschland gleichermaßen gut an. Das hat eine Verkaufsstudie gezeigt. Schon vor Jahren hat man sich darauf geeinigt, im Katalog möglichst keine Anglizismen zu benutzen. Und so liefert der Werbedienst genau die Beständigkeit und Beschaulichkeit, die sich viele seiner Kunden in diesen unruhigen Zeiten wahrscheinlich wünschen.

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