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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.08.2015

Evangelische Sexualethik"Das ist nicht einfach billiger Zeitgeist"

Der Theologe Peter Dabrock im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Zwei Frauen küssen sich im Rahmen einer Gay Pride Parade in Rio de Janeiro (picture alliance / dpa)
Die evangelische Kirche muss auch offener gegenüber homosexuellen Partnerschaften werden, findet Peter Dabrock (picture alliance / dpa)

Die evangelische Kirche muss ein sexualfreundlicheres Verständnis entwickeln: Das mahnt der Theologe Peter Dabrock an. Menschen dürften wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht schlechter als andere behandelt werden.

Der Theologe Peter Dabrock hat sich enttäuscht darüber gezeigt, dass der von ihm und weiteren Autoren erarbeitete Entwurf zu einer neuen evangelischen Sexualethik von der Kirche nicht als offizielles Dokument veröffentlicht wurde. Nach der intensiven Debatte zur Orientierungshilfe zu Ehe und Familie habe man sich bei der EKD dem Themenfeld Lebensführung offenbar nicht mehr zuwenden wollen, mutmaßt Dabrock. Heute nun veröffentlicht er mit seinen Co-Autoren den Text als Buch ("Unverschämt - schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah").

Dabrock zufolge geht es darum, ein leib- und sexualfreundlicheres Verständnis zu entwickeln: "Da (...) gibt es in der langen Geschichte des Christentums erheblichen Nachholbedarf." Die "Distanz zum Leib", die Trennung von Körper und Geist sei eine Dimension, die nicht originär aus der biblischen Tradition stamme, so der Professor für systemische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie sei vielmehr über andere Traditionen ins Christentum "hineingesickert". Dagegen wollten die Autoren einen Kontrapunkt setzen und eine "dankbare, verantwortliche Form der Sexualität" bewerben.

"Ich glaube tatsächlich, dass diese Auffassung, die wir hier vertreten, nicht einfach billiger Zeitgeist ist", so Dabrock, "sondern dass (sie) tatsächlich den Kern der Religion wiedergibt." Mit Paulus könne man sagen, dass alle Menschen in Christus gleich seien und dass man deswegen nicht Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung schlechter behandeln könne. "Das ist für mich ein religiöses Argument und nicht einfach ein Zeitgeist-Argument", betont der Theologe.

 


 

Das vollständige Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Wir müssen über Sex reden! Das tut man ja bekanntlich immer mal gerne, nur offenbar nicht in der evangelischen Kirche, jedenfalls nicht aller Orten, könnte man zumindest meinen, denn sehr lange hat die EKD ein Papier zur modernen Sexualethik angekündigt. Es gab – na klar – eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Peter Dabrock, nur am Ende wollte die EKD das Papier nicht veröffentlichen, wohl auch, weil ihr nach Veröffentlichung der Orientierungshilfe, die homosexuelle Partnerschaft der heterosexuellen quasi gleichstellte, der Wind bereits hart entgegenblies.

Stattdessen erscheint nun heute ein Buch, das nicht die EKD, sondern Peter Dabrock und weitere Autoren aus dieser Kommission – einige haben zumindest darin gesessen – veröffentlicht haben. Peter Dabrock ist Professor für systemische Theologie an der Uni Erlangen-Nürnberg und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Herr Dabrock, schönen guten Morgen!

Peter Dabrock: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Es ist ja schon ein, zwei Tage her – um es ironisch zu formulieren –, nämlich 1971 war das, als die evangelische Kirche eine Denkschrift zu Fragen der Sexualethik vorgelegt hat. Das geplante Papier, das neue, an dem Sie mitgearbeitet haben, das wurde nun gestoppt. Wie enttäuscht sind Sie darüber?

Dabrock: Ich meine, wenn man eine gewisse Zeit an einem Text gesessen hat, dann ist man natürlich nicht hocherfreut darüber, wenn ein Text dann nicht als offizielle Stellungnahme der EKD veröffentlicht wird. Wir Autoren hätten uns das auf jeden Fall gewünscht, aber das weiß man eigentlich, wenn man in solche Kammern reingeht, dass das nicht immer genau das wird, was man sich vorher erhofft hat, aber keine Frage, wir hätten es uns gewünscht.

von Billerbeck: Sie sagen, wir Autoren, das heißt, das ist in der Arbeitsgruppe auch nicht kontrovers diskutiert worden? Es gab da eine einhellige Meinung?

Dabrock: Sie werden Verständnis dafür haben, dass man über solche Kommissionsdinge sich öffentlich nicht äußert, aber man kann jedenfalls entnehmen, dass diese fünf Autorinnen und Autoren, die jetzt dieses Buch veröffentlicht haben, die übrigens alle Mitglieder der Kommission waren, sicherlich es gewünscht hätten, wenn der Text auch als ein offizielles Papier der EKD veröffentlicht worden wäre, aber nach der intensiven Debatte zur Orientierungshilfe hat man sich, glaube ich, diesem ganzen Themenfeld Lebensführung so nicht mehr zuwenden wollen.

von Billerbeck: Es war eine diplomatische Antwort, Herr Dabrock, aber ich muss das natürlich auch fragen, das werden Sie auch verstehen.

Dabrock: Ja klar.

von Billerbeck: Wie sollte denn nun der Sexualitätsbegriff der Kirche aktualisiert werden, was fordern Sie da?

Dabrock: Also fordern, das ist immer schwierig.

Die Trennung von Körper und Geist stammt nicht aus der biblischen Tradition

von Billerbeck: Oder was schlagen Sie vor? Machen wir es so.

Dabrock: Wofür wir in diesem Buch werben ist zunächst erstmal, dass man gegenüber einer langen Tradition im Christentum ein leibfreundlicheres Verständnis überhaupt personaler Begegnung und auch eben ein sexualfreundlicheres Verständnis entwickelt. Da, glaube ich, gibt es in der langen Geschichte des Christentums erheblich Nachholbedarf.

Das Spannende ist eigentlich, dass diese Distanz zum Leib, diese Trennung von Körper und Geist, eigentlich eine Art Dimension ist, die gar nicht originär aus der biblischen Tradition heraus stammt, sondern die über verschiedene Traditionen, vor allem des Neuplatonismus, ins Christentum hineingesickert ist und dort so wirkmächtig geworden ist. Und dagegen einen Kontrapunkt zu setzen, das wollen wir, aber nicht einfach, indem wir jetzt "Hurra!" schreien, "Sex ist einfach immer unproblematisch!", sondern dass wir eben doch eine dankbare, verantwortliche Form von Sexualität bewerben wollen.

Nicht irgendwelche Passagen aus der Bibel wortwörtlich zitieren

von Billerbeck: Das klingt sehr evangelisch, Herr Dabrock. Heißt das nicht einfach, die evangelische Kirche muss etwas sinnenfroher werden und dazu gehören eben auch Arten der Sexualität, die eben nicht nur Mann-Frau betreffen?

Dabrock: Also da rennen Sie bei mir offene Türen ein und da rennen Sie nicht nur deswegen offene Türen ein – das hört man dann immer wieder –, weil es einfach den billigen Zeitgeist bedient, sondern weil wir tatsächlich der Auffassung sind, dass diese grundlegende Anerkennung der sexuellen Orientierung einer menschlichen Person im Grunde biblisch grundgelegt ist. Und dann fragt man natürlich immer: Ja, was heißt denn biblisch grundgelegt? Und dann kommt es nicht einfach darauf an, dass man irgendwelche Passagen aus der Bibel wortwörtlich zitiert, sondern dass man die Auslegungsregel, die jeder hat, wenn es um biblische Tradition geht, offenlegt.

Und unsere Auslegungsregel ist einfach ganz mit Luther, "was Christum treibet" – und was Christum treibet heißt tatsächlich, auf der Grundlage einer Dankbarkeit gegenüber dem treuen Gott dem anderen Menschen mit Respekt und Achtung begegnen und sich nicht von irgendwelchen Pseudonatur- oder was für anderen Kategorien leiten zu lassen. Und deswegen – das ist dann natürlich die Konsequenz – bedeutet das, dass man Menschen nicht aufgrund ihrer sexuellen Orientierung – Klammer auf, das ist übrigens ein Begriff, den es in der Bibel noch gar nicht gab – deswegen schlechter stellt als andere.

von Billerbeck: Das heißt, Sie argumentieren religiös, um den Kritikern entgegen zu treten, die sagen, da wird der Kern unserer Religion getroffen, wenn man sich da verändert in Sachen Sexualität.

Dabrock: Richtig. Ich glaube tatsächlich, dass diese Auffassung, die wir hier vertreten, nicht einfach billiger Zeitgeist ist, sondern dass er tatsächlich den Kern der Religion wiedergibt. Also mit Paulus könnte man sagen, dass alle Menschen in Christus gleich sind, gleich würdig sind und dass man deswegen nicht Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung schlechter behandeln kann. Das ist für mich ein religiöses Argument und nicht einfach ein Zeitgeistargument.

Die Luthersche Zentralbotschaft heißt: "Was Christum treibet"

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, dass es auch in der evangelischen Kirche Menschen gibt, die die Angst haben, dass da eben der Zeitgeist an Dingen rüttelt, die ihnen ganz wichtig sind. Wie schwierig ist denn diese Abwägung, wie viel Wandel braucht eine Religion, wie viel Konstanz?

Dabrock: Ich glaube, wenn man sich – und das sollten ja eigentlich alle oder tun auch alle Theologiestudierenden – mit der Geschichte der Religion beschäftigt, angefangen mit der biblischen Tradition, die ja auch Traditionselemente von über 1.000 Jahren beinhaltet und 2.000 Jahre Kirchengeschichte, dann sieht man einfach: Religion ist per se immer eine Wechselwirkung zwischen Konstanz und Transformation. Und es muss darauf ankommen, diese Transformationselemente immer auch mit Blick auf die erkannte Zentralbotschaft – was wir hier sagen würden, "was Christum treibet" – in ein Wechselverhältnis zu bringen und dann nicht einfach irgendwie sich billig dem Zeitgeist anzupassen. Aber das, glaube ich, tun wir tatsächlich nicht, sondern wir lassen uns durch die Gegenwart, also durch viele Gesetze, durch viele Entscheidungen, beispielsweise des Bundesverfassungsgerichts, zu der Kernbotschaft unseres eigenen Glaubens zurückrufen.

von Billerbeck: Peter Dabrock war das, einer der Autoren des jetzt erschienenen Buches "Unverschämt - schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah", die weiteren Autoren sind Renate Augstein, Cornelia Helfferich, Stefanie Schardien und Uwe Sielert. Wenn Sie also interessiert, was da drinsteht, kümmern Sie sich um dieses Buch, lesen Sie es, "Unverschämt schön". Herr Dabrock, herzlichen Dank!

Dabrock: Vielen Dank, Frau Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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