Euroregion Maas-Rhein

Auf Augenhöhe im Dreiländereck?

Luftaufnahme des Stadtzentrums der Stadt Aachen mit der Kathedrale in Nordrhein-Westfalen © imago / Westend61
Von Ursula Rütten · 16.01.2015
Länderübergreifendes Miteinander: Dafür stehen das deutsche Aachen, das belgische Lüttich und das niederländische Maastricht - seit 1976 im institutionellen Rahmen der Euroregion Maas-Rhein. Trotz der guten Nachbarschaft gibt es Reibeflächen, etwa bei der Bürokratie.
Nein, wir sind sprachlich nicht in Holland. Nicht im belgischen Flandern, auch nicht in Luxemburg. Wir sind sprachlich – oder besser gesagt: altsprachlich - in Aachen. Denn Öcher Platt spricht hier und heute im urbanen Oberzentrum der Euregio Maas-Rhein die Nachkriegsgeneration kaum noch. Vertrauter mit plattdeutschen Varianten ist man eher in der weitläufigen ländlichen Umgebung diesseits wie jenseits der Staatsgrenzen in Richtung Niederrhein, Eifel, Hohes Venn und Ardennen. Bis nach Luxemburg. Ich als gebürtige Aachenerin, aber von Hause aus nicht in diesen Dialekt hineingewachsen, muss passen, wenn es ums Übersetzen geht. Geläufiger sind aus der Kindheit die vielen, damals noch zum Alltagswortschatz gehörenden französischen Versatzstücke – Verbalerbe aus napoleonischer Besatzungszeit: Plafond, Chaiselongue, Trottoir, Pissoir, Portemonnaie, Parapluie. Sprachliche Vielfalt oder besser gesagt: Ein sprachliches Mischmasch ist eine prägende Erinnerung der eifrigen Grenzgängerin noch aus Jahren vor der Gründung der Euregio Maas-Rhein 1976 – mit Aachen als größtem Wirtschafts-, Industrie- und Hochschulzentrum im Dreiländereck Belgien - Deutschland - Niederlande.
Herbert Ruland, Fachmann für Grenzgeschichte an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft im belgischen Eupen, sorgt mit einem Abstecher an den wohl markantesten Ort dieser Region, eine Anhöhe im niederländischen Vaals, für den angemessenen Überblick:
"Wenn wir uns jetzt oben auf diesen Punkt stellen, diesen berühmten Vierländerpunkt - weil da kommen heute Deutschland, die Niederlande, die deutschsprachige und die französischsprachige Gemeinschaft zusammen - und man schlägt von da 'nen Radius, da kommt man so'n bisschen nach Südlimburg rein, Vaals und Heerlen und so weiter. Wir haben Aachen dabei und die Region um Aachen. Wir haben die Gebiete von Eupen und Malmedy dabei und das belgische Grenzland bis nach Verviers.
Und das schöne war, die Leute von Kerkrade bis in die Eifel, bis rüber fast vor Verviers, konnten sich in einer Sprache unterhalten, das war plattdeutsch. Man war verwandt über die Grenze, man heiratete über die Grenze, man feierte Kirmes über die Grenze. Die Menschen saßen in Neutral-Moresnet auf der Kirmes in deutschen, holländischen und belgischen Uniformen und haben zusammen gesoffen. Da gab es überhaupt keine Probleme. Das Wichtigste für die Menschen damals war arbeiten. Man ging dahin, wo Arbeit war. Das ist eine Region hier. Da ist der Erste Weltkrieg tatsächlich die Zäsur."
Eine Region. Längst mit durchlässigen, im wörtlichen Sinne barrierefreien Grenzen. Kein Einblick in deren heutigen Alltag ohne Rückblick auf zwei Weltkriege. Und ohne diesen Rückblick erst recht keine gebührende Wertschätzung der enormen politischen und zwischenmenschlichen Leistungen ebendort in den letzten Jahrzehnten.
Deutsche Heerscharen mordeten, plünderten, brandschatzten und deportierten in beiden Kriegen in beiden Nachländern. Ziel war 1914 der schnelle Vormarsch nach Frankreich. In politischer und damit existenzieller Hinsicht besonders folgenreich, namentlich für die deutsche Minderheit, war der verlorene Erste Weltkrieg.
"1918, Kriegsende, Waffenstillstand. Dass man hier in Eupen belgisch werden könnte, konnte sich erstmal kein Mensch vorstellen. Man forderte eigentlich die Freie Rheinische Republik im freien Deutschen Reich. Also nix Separatismus, sondern Föderalismus. Weg von Berlin. Weg von diesen Obrigkeitsstrukturen, für Selbstverwaltung in der Region. Dann kommt der Versailler Vertrag, und man fühlte sich hier in Eupen und Malmedy - die Mehrheit der Bevölkerung -, als wenn man eine in die Fresse gekriegt hätte."
Schauplatz des Aufbäumens der Nazis
Eine höchst fragwürdige Volksbefragung seitens der belgischen Behörden ergab ein fast hundertprozentiges Votum der Eupen-Malmedyer für Belgien. Doch schon 1925 erhielten die deutschsprachigen Neubelgier zumindest formal die gleichen Rechte im Königreich Belgien wie ihre Landsleute. 1927 gründeten belgische Verlegerfamilien die deutschsprachige Tageszeitung Grenzecho.
Chefredakteur: Lutz Bernardt: "Als ein Organ, dass damals dafür sorgen sollte, dass sich die deutschsprachigen Ostbelgier belgisch fühlen sollen."
Verweist der heutige Chefredakteur des Blattes, der Aachener Lutz Bernardt - und damit der erste nichtbelgische Chefredakteur -, auf dessen ursprüngliche Mission.
Bernardt: "Also eigentlich war es eine Zeitung, die, wie man sie nannte, die verlorenen Brüder der Ostkantone wieder zurückholen sollte - auch mental und geistig, in den Club der Belgier."
Ruland: "Und was machen die? Die wählen natürlich Parteien, die revisionistisch, 'Heim ins Reich' eingestellt sind. Großen Zulauf bekommen auch die Sozialisten, weil sie sich für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einsetzten, selbst in der Eifel."
Erinnert Herbert Ruland. Doch das ideologische Netzwerk der Nazis hat sich nach 1933 längst auch im grenznahen Belgien ausgedehnt:
"Da wurde aus den prodeutschen Kräften die sogenannte Heimattreue Front gegründet. Die Heimattreue Front hätte man auch direkt NSDAP nennen können. Alles, was es im Reich gab, gab es hier unter anderem Namen auch. Die SS in Eupen waren die Segelflieger. Beim Einmarsch am 10. Mai 1940 übernahmen nicht deutsche Gestapo und Militär hier die Macht in den ersten Tagen sondern Eupener Nazis. Viel Unheil wird hier in den ersten Kriegstagen angerichtet von Einheimischen."
Dann haben die Deutschen die Macht übernommen und das kleine Land, namentlich Ostbelgien und Nord-Luxemburg, im Winter 1944/45 zum verheerenden Schauplatz des letzten verzweifelten Aufbäumens der Nazis im Westen, der Ardennenoffensive, werden lassen.
"Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war hier auch sehr problematisch."
… resümiert Karl-Heinz Lambertz, langjähriges führendes Mitglied der Sozialistischen Partei und des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) in Ostbelgien. Von Anfang der 1980er-Jahre an bis 2014 war er deren Ministerpräsident. Mit innen- wie außenpolitisch zunehmenden Befugnissen. Lambertz vertritt die deutschsprachige Gemeinschaft unter anderem im Ausschuss der Regionen bei der EU in Brüssel.
"Es ging auch darum, ob die deutsche Sprache und Kultur erhalten werden konnten."
Ein Problem indes nur für die DG. DG - das landläufige Kürzel für die Deutschsprachige Gemeinschaft; gegründet 1984 mit der Einsetzung ihrer ersten Regierung in Eupen, als autonomer Gliedstaat der belgischen Föderation.
"Der Vorteil dieser Region ist, dass sie zwar klein aber ein geschlossenes Siedlungsgebiet ist."
Bernardt: "Wir reden jetzt nun wirklich von der Einwohnerzahl einer deutschen Kleinstadt."
Mit rund 77.000 Einwohnern. In neun Gemeinden. Viel Wald- und Weideland, Hochmoor. Vorwiegend kleine und mittelständische Betriebe. Im politischen und ökonomischen Zentrum, Eupen, leben 18.000 Menschen.
Anders in der grenznahen Provinz Limburg in Südholland. Dort sind die meisten Deutschen zugewandert. Vor allem seit der kleine Grenzverkehr in den 70er-Jahren erleichtert wurde und das Wohnen dort erheblich billiger war. Deutsche gelten hier jedoch nicht als nationale Minderheit mit Anspruch zum Beispiel auf Deutsch als Amtssprache wie in Ostbelgien. Wo die deutschsprachigen Belgier allein schon verfassungsrechtlich andere Ansprüche haben dürfen, wie Karl-Heinz Lambertz bekräftigt:
"Das Besondere der Rechtsstellung der DG ist, dass sie nicht eine spezifische Extrawurst gebraten bekommen hat wie es mit den Åland-Inseln in Finnland, mit Madeira in Portugal der Fall ist oder mit Südtirol in Italien, sondern dass wir integraler Bestandteil des belgischen Bundesstaatsmodells sind."
Symbolfigur für Aussöhnung
Dank des zwar langwierigen aber höchst demokratischen Entwicklungsprozesses der belgischen Föderation nach dem Territorialprinzip beziehungsweise den Sprachgebieten. Die bislang sechs sensibel austarierten Staatsreformen zielen auf maximale Autonomie aller Teilstaaten - mit der Föderalregierung und den ihr verbliebenen Kompetenzen wie etwa Verteidigung und Justiz und dem König als repräsentativer Person an der Spitze.
"Das heißt, wir haben dieselben Handlungsmöglichkeiten, dieselben Rechtsgrundlagen, auch dieselben Zugänge zu der europäischen Entscheidungsebene, auch dieselben Mitbestimmungsrechte dort."
Wie Flamen und Wallonen.
"Wobei wir großen Wert darauf legen, dass wir uns hier selbst gestalten und organisieren. Wir haben nie besonderen Wert darauf gelegt, von der Bundesrepublik als eine zu unterstützende Minderheit gesehen zu werden."
Karl-Heinz Lambertz ist nicht nur Amtsträger sondern auch Symbolfigur für Aussöhnung, Diplomatie und Abbau des Nationalismus in diesem historisch prekären Dreiländer-Großraum. Dessen politische Kräfte, also in Belgien, Deutschland und den Niederlanden, haben, nicht zuletzt im Rückenwind des Europäischen Einigungsprozesses, weitsichtig die grenzübergreifenden Gemeinsamkeiten von Interessen und strukturellen Vorteilen erkannt. 1976 gründeten sie die Euregio Maas-Rhein, kurz EMR. Als Arbeitsgemeinschaft von fünf Partnerregionen: Südlimburg und die Provinz Limburg, Niederlande. Die Deutschsprachige Gemeinschaft und die Provinz Lüttich, Belgien. Auf deutscher Seite ist es die Region Aachen.
"Erfolgreich sind die Regionen, die zwei Voraussetzungen erfüllen: einerseits eine tief verwurzelte Identität, ein Selbstbewusstsein, auch ein Bekenntnis zur eigenen Kultur und Sprache, aber gleichzeitig auch eine ganz starke Öffnung, eine Vernetzung, eine Bereitschaft, mit anderen zusammen zu arbeiten, in Wechselbeziehung zu treten.
Wenn man hier wirtschaftlich überleben will, muss man mehr als nur seine Muttersprache können. Der Handwerker, die Verkäuferin im Geschäft, braucht Kenntnisse. Jeder, der über die Grenzen hinweg tätig sein will, muss Französisch und niederländisch können."
Beziehungsweise Deutsch. Tagtäglich wechseln allein mehrere tausend Pendler vom Wohn- zum Arbeitsplatz über die Staatsgrenzen hinweg. Seit 2007 hat die Euregio Maas-Rhein ihren Sitz in Eupen. Karl-Heinz Lambertz ist im Zuge des Rotationsprinzips seit März 2013 Vorsitzender dieser grenzübergreifenden Arbeitsgemeinschaft.
Als ihr erklärtes Ziel will die Euregio im praktischen, alltäglichen Leben die Chancen und Vorteile des europäischen Binnenmarktes und der regionalen Standortvorteile so gut wie möglich ausschöpfen. Das mag funktionieren, wenn sie Unternehmen und Forschungseinrichtungen gewinnbringend zusammen führt. Oder auch regionale öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender mit einem gemeinsamen Magazin. Das Literaturbüro Euregio Maas Rhein arbeitet dagegen fast sprichwörtlich auf Sparflamme, wie Eva Boßmann beklagt:
"Literaturbüro EMR ist ein hartes Erbe, weil wir immer wieder darauf angesprochen werden, wie wir überhaupt arbeiten, länderübergreifend. Sie können sich vorstellen, dass das schwierig ist, wenn man kein Büro hat, wenn man keinen Hauptamtlichen hat. Wir machen das alles ehrenamtlich. Das Büro ist virtuell. Das Büro habe ich auf meinem Computer, aber nichtsdestoweniger ist es so, dass wir über die Grenzen gehen und auch Projekte haben."
Zum Beispiel den Euregio-Schüler-Literaturpreis. Schüler küren ihren Lieblingsautor der EMR:
"Schüler aus Deutschland, Holland, Belgien werden angesprochen, innerhalb eines Schuljahres sechs Bücher zu lesen, jeweils zwei von einem deutschsprachigen Autor, zwei von einem niederländischsprachigen, zwei von einem französischsprachigen Autor. Die müssen innerhalb der letzten drei Jahre publiziert sein, auch in allen drei Sprachen erschienen sein. Voraussetzung ist, dass sie sich auch mit den Schülern treffen, auseinandersetzen. Der Preisträger bekommt 5000 Euro, der Übersetzer oder die Übersetzer jeweils noch mal 2000."
Es funktioniert, solange Geld da ist
Im privaten Leben hat Eva Boßmann als Grenzgängerin auch ihre Erfahrungen mit der Euregio, nämlich dass der Teufel im Detail liegt:
"Ich wollte mein Auto hier anmelden. Da gab’s diverse Probleme, die ich nicht überwinden konnte."
Eva Boßmann wohnt seit einigen Jahren jenseits der holländischen Grenze im nahen Vaals. Täglich fährt sie die fünf Kilometer zur Arbeit nach Aachen. Mit dem Fahrrad. Seit sie ihr Auto abgeschafft hat.
"Erstmal hätte ich einen Einfuhrzoll bezahlen müssen, bis 1000 Euro. Das hätte ich noch auf mich genommen, aber da gab es noch diverse Hürden, was die Versicherung anging, denn man muss dann eine holländische Haftpflicht-Versicherung annehmen und es stellte sich heraus, dass meine ganzen unfallfreien Jahre gar nicht berücksichtigt werden können. Man nimmt nur die letzten fünf. Das war so ein Riesenaufwand. Das Auto ist weg, abgemeldet.
Ich hätte mich gerne hier integrier. Ich kann auch ein bisschen holländisch., möchte gar nicht unbedingt immer nach Deutschland rüber. Aber das sind denn so Dinge, die einem das erschweren, dass man sich hier heimisch und zugehörig fühlt."
Eigentlich gibt es für derartige Fragen des täglichen Lebens Ansprechpartner in der Euregio. Sporadische Grenzgänger-Sprechtage in den jeweiligen Ländern und vor allem den Grenzinfopunkt, kurz GIP, in Aachen sowie im nahen Herzogenrath. Kommunale Angestellte beantworten zu festen Öffnungszeiten kostenlos Fragen zu Wohnen, Arbeitsmarkt, Steuern und Versicherung, Melde- und Aufenthaltsrecht. Zusätzlich bietet eine vorbildlich gestaltete Internetseite Informationen zum Beispiel zu transnationalen Verkehrsverbindungen, Tourismus, Kulturveranstaltungen usw. Laut GIP muss sich, wer wie zum Beispiel, Frau Boßmann, von Aachen ins niederländische Vaals umzieht, dort innerhalb von fünf Tagen anmelden, mit den üblichen Unterlagen wie hierzulande auch. Doch damit nicht genug:
"Ich hab mich hier angemeldet. Ich habe ja einen deutschen Pass. Mit dem deutschen Pass musste ich in Deutschland zum Amt gehen, zum Ordnungsamt, und mich abmelden. Dann kriegt man auf den deutschen Pass einen Kleber drauf, da steht drauf 'Keine Wohnung in Deutschland'. Mit diesem Pass gehe ich dann zum Einwohnermeldeamt in Holland und hoffe, dass die mir irgendwas aushändigen, womit ich beweisen kann, dass ich irgendwo wohne. Bekommt man aber nicht, weil die Holländer geben so was nicht. Entweder man hat einen holländischen Pass oder man hat nichts.
Ich hatte dann das Problem, ich hatte eine ärztliche Behandlung in Jülich im Forschungszentrum. Da muss man sich vorne einchecken mit Pass und wurde gefragt, wenn ich denn in Deutschland nicht wohne, wo ich denn dann wohne. Ich konnte aber nichts vorweisen. Ich also wieder zurück zum Einwohnermeldeamt. Wurde mir dann auf mein Bitten gesagt, wenn ich das denn unbedingt haben wollte, müsste ich acht Euro hinterlegen. Das habe ich gemacht und hab jetzt ein Dokument, DIN A 4, was ich überall hin mitnehmen muss, wo ich in Holländisch beweisen kann, dass ich hier wohne, dass ich hier angemeldet bin. Finde ich ein Unding."
Bürokratische Reibflächen auch im benachbarten Belgien:
Bernardt: "Mein Gefühl sagt mir, dass die Belgier es sich zur Aufgabe machen, alles sehr kompliziert zu machen."
Es ist das Gefühl von Lutz Bernardt, der Belgien als Chefredakteur vom deutschsprachigen Grenzecho tagtäglich begutachten muss.
"Beispiel: Die Gesundheitsversorgung ist zum Teil Zuständigkeit der DG, zum Teil immer noch föderale Gesetzgebung. Raumordnung: Da wird schon lange gestritten, dass die Deutschsprachigen die Raumordnungskompetenzen bekommen. Da ist gar nicht klar, wer entscheidet, in welchem Plan was gebaut werden soll, wie es gebaut werden darf. Das geht über verschiedene Verwaltungsinstanzen. Da gibt es eine Menge zu erklären."
Dabei hilft auch kein Grenzinfopunkt der Euregio weiter. Vor allem dürfte eine solche, von oben konzipierte, politische und wirtschaftliche Interessengemeinschaft kaum die Befindlichkeit der Bewohner dieser Region tangieren, ihr Wir-Gefühl, ihre Verortung im Raum, ihre kulturellen und mentalen Bezugspunkte.
"Kulturell spielt vieles, was aus Deutschland kommt, eine große Rolle, Kabarett, Musik, Fernsehen, Theater. Aber das hat nichts damit zu tun, dass sich die Leute als Deutsche fühlen. Im Gegenteil: das ist ein Reizwort. Wenn man verwechselt Deutschsprachig und Deutsch, da kriegt man schnell eins auf den Deckel."
"Die Menschen hier, was das Persönliche angeht, die Kontakte, waren viel intimer als sie heute sind. Ich kann das wirklich beurteilen. Wir haben viele grenzüberschreitende Kontakte, viele Projekte gemacht",
… ist der Zeitgeschichtler Herbert Ruland von der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft überzeugt.
Das meiste, vor allem im frankophonen Raum, funktioniert, solange wie Geld da ist. Danach ist das Interesse auch weg. Die wirklich nicht organisierten Bürgerbegegnungen, wie sie vor 1914 der Fall waren, gibt's eigentlich nicht. Das ist ein Popanz, wird groß verkauft als die Euregio und so weiter. Schön für Sonntagsreden, aber die Publikumskontakte sind doch meist aufs Offizielle beschränkt. Man geht einkaufen im anderen Land."
Oder wandern, Rad fahren, die bessere oder preiswertere Gastronomie genießen. Und wie attraktiv ist Deutschland für den deutschsprachigen Zwergstaat im belgischen Nachbarland? Falls die föderale Einheit am Ende sein sollte?
"Es gibt ja immer mal so Umfragen, was mit Belgien passiert, wenn sich Flamen und Wallonen am Ende doch nicht einig werden. Dann wird auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft gefragt: Was würdet ihr eigentlich wollen? Es gibt da keine präzisen Daten, aber ein Großteil derjenigen, die befragt werden, sagen dann immer, vielleicht wäre Luxemburg eine Alternative. Also, sich Deutschland anzugliedern, da gibt es durchaus Vorbehalte."
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