Europäische Integration

Bosniens Los ist "moralische Katastrophe ersten Ranges"

Blick auf Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina © picture alliance / dpa /Matthias Schrader
Moderation: Liane von Billerbeck · 21.01.2014
Die EU verhandelt mit Serbien über seinen möglichen Beitritt. Der kroatische Verleger Nenad Popovic kritisiert, dass Brüssel das "große Opfer" des Jugoslawien-Krieges allein lasse: Bosnien solle mit besonderer Sensibilität behandelt und "trotz der Misere" EU-Mitglied werden.
Liane von Billerbeck: Heute beginnen die Verhandlungen mit Serbien über einen möglichen Beitritt zur Europäischen Union. Schon voriges Jahr, im Juli, ist Kroatien Teil der EU geworden, und man hat das Gefühl, nach und nach schlüpfen die Länder des einstigen Jugoslawien unter das Dach der EU. Wie aber verändert das das Selbstverständnis dieser einstigen jugoslawischen Teilstaaten? Hilft der Geist der europäischen Integration, diese problemgeschüttelten Beziehungen untereinander zu verbessern? Und welche Hoffnungen verbinden sich für diesen Kulturraum Jugoslawien mit den EU-Verhandlungen?
Darüber erhoffe ich mir jetzt Antworten von dem kroatischen Autor und Verleger Nenad Popovic, der nach 1990 seinen Verlag Durieux in Zagreb gegründet hat. Er ist Mitglied des kroatischen PEN-Zentrums und des Kroatischen Helsinki-Komitees. Herr Popovic, ich grüße Sie!
Nenad Popovic: Guten Morgen!
von Billerbeck: Kroatien ist ja seit einem halben Jahr in der EU – orientieren sich kroatische Kulturschaffende seitdem mehr in Richtung anderer europäischer Länder als zuvor?
Popovic: Ehrlich gesagt, nein. Die Beziehungen, die Verbindungen, die Orientierung existiert schon immer, war schon während des Krieges in den 90er-Jahren sehr intensiv durch das Interesse Europas für uns. Für die Kultur selbst oder diesen Bereich spielt der formelle Beitritt zur EU keine große Rolle. Es ist ja ein allgemeiner Rahmen, der eher etwas mit dem allgemeinen Status der Bürger zu tun hat, und natürlich ein Rahmen für unsere politischen Eliten. Substanziell hat sich wenig verändert. Sechs Monate sind allerdings eine sehr kurze Zeit.
von Billerbeck: Dann nehmen wir einen längeren Zeitraum in den Blick. Sie beobachten die Veränderungen ja seit Jahrzehnten, haben nach 1990 Ihren Verlag gegründet und veröffentlichen auch Literatur aus allen Teilstaaten des ehemaligen Jugoslawiens, auch zu Zeiten, als die Beziehungen besonders angespannt waren. Es gab ja Zeiten, da bestanden tiefe Gräben auch zwischen den Schriftstellern und den Kulturleuten, und es wurde vor allem betont, dass Serbisch, Kroatisch, Bosnisch unterschiedliche Sprachen sind. Wie haben Sie das erlebt?
Popovic: Das war ein extremer politischer Druck, denn dieser letzte Krieg in Europa war zur Aufteilung Jugoslawiens. Die politischen Führungen damals haben einen Völkerhass entfacht unter den Menschen. Darum musste man sich kümmern, weil man unter einem gewissen Druck stand. Aber ernst nehmen sollte man das nicht gehabt haben. Die Unterschiede in den Sprachen Serbisch, Montenegrinisch, Bosnisch sind ja erst mal klein, und zweitens konnten durchaus für einen vernünftigen Menschen jetzt kein Kriegsgrund sein oder ein Grund zur Ignoranz, letztlich zum Ignorieren. Im Gegenteil, die Größe, das Volumen, in dem wir hier leben nach wie vor, ist ja in der Vielfalt und ist in der Kommunikation. Es ist nach wie vor für mich hochinteressant zu lesen, was in serbischen Zeitschriften oder montenegrinischen steht. Und es ist natürlich auch so, dass es umgekehrt ist.
Nenad Popovic
Der kroatische Verleger Nenad Popovic© dpa / picture alliance / Thomas Schulze
Was einige Kollegen betrifft aus dem Kulturbereich, die sich zu Ideologen, zu Hofpoeten gemacht haben, die ihre Karrieren in Zeiten des Nationalismus und des Chauvinismus angehen, da gelten die gleichen Regeln, wie man sie sonst wo kennt. Also, wer eine besonders große Karriere als Hofdichter im Dritten Reich gemacht hat, der stand ja keineswegs repräsentativ für die deutsche Kultur – im Gegenteil. Die Intellektuellen, wenn man so will, oder die Künstler, die Medienschaffenden, die damals so gehandelt haben im Sinne dieser kranken politischen Machthaber, dieser Eliten – sie sind natürlich von keinerlei Bedeutung eigentlich für den großen Strom des Kulturaustausches, der Kreativität. Das sind Menschen, die praktisch heute ohne jegliche Bedeutung sind und mit ihren damals verdienten Renten leben, im Abseits, in dunklen Winkeln ohne große Beachtung.
von Billerbeck: Sie sagen ja, dass die einstigen Teilstaaten Jugoslawiens doch viel enger zusammenhängen, als man manchmal den Eindruck hat. Trotzdem, im Bezug auf die Europäische Union und den Beitritt zur Europäischen Union gibt es ja noch Unterschiede. Kroatien ist bereits beigetreten, Serbien ist auf dem Wege dahin, aber Bosnien-Herzegowina scheint da weit abgeschlagen zu sein. Sehen Sie da eine Gefahr, dass durch den Beitritt einzelner Länder es doch wieder zum Auseinanderdriften kommt dieses Kulturraumes in politische Einzelteile?
Popovic: Technisch ja. Politisch ist es eine Katastrophe, dass Bosnien als Hauptleidtragender, als das Opfer, das große Opfer dieses damaligen Krieges nun alleine dasteht und dass Kroatien, Serbien aber entweder integriert sind oder auf dem Weg sind. Das ist eine moralische Katastrophe ersten Ranges, und da würde ich eine erste Kritik am geistigen Zustand, am moralischen Zustand und Bewusstsein der EU ansetzen. Obwohl natürlich man mir und jedem sagen wird: Ja, schauen Sie, in welchem Zustand dieses Land ist. Also können wir es nicht integrieren.
von Billerbeck: Das heißt ja, das klingt ja eigentlich nach einer Kritik auch an der EU. Dass die EU eigentlich auch ein bisschen dafür tun muss, dass Bosnien-Herzegowina sich auf den Weg machen kann und eben sich in die Richtung entwickelt.
Popovic: Ich glaube, ja. Ich glaube, dass man das in Europa, in der EU trotz der Misere in Bosnien tun sollte. Man hat gegenüber unschuldigen Opfern ja eine Verpflichtung, das war ein exemplarischer Fall mit einem Genozid, mit zerstörten Städten – ich brauche das nicht alles zu wiederholen, was in Sarajewo passiert ist. Und genau so, wie man nach 1945 weltweit eine besondere Achtung und Entgegenkommen für Israel hatte und aufgrund der riesigen Leiden der Juden, so sollte man in Europa auch eine besondere Sensibilität gegenüber Bosnien haben und nicht mit pragmatischen, wirtschaftlichen oder anderen Dingen argumentieren, das ginge nicht. Bosnien ist zudem ein komplexes Land, ein Land allerdings, das, als es in Europa war formell unter der habsburgischen Monarchie, einfach floriert hat und einen riesigen kulturellen Beitrag in Zentraleuropa dargestellt hat.
Hoffnung auf einen rechtlichen Rahmen - und "eine Beruhigung"
von Billerbeck: Nun wird ja gerne unterstellt, dass die osteuropäischen und südosteuropäischen Staaten vor allem Interesse an den EU-Geldern haben. Was befürchtet, was erhofft sich denn die Kulturszene im Bezug auf diese EU-Beitritte?
Popovic: Nicht viel. Wir wissen alle hier, wir sind ja im Internet wie alle anderen, schauen die gleichen Fernsehprogramme, lesen die gleichen Zeitungen. Wir wissen, dass es um Europa wirtschaftlich im Moment nicht gut steht. Was sich Menschen von der Ukraine bis Montenegro bis Mazedonien oder Serbien erhoffen, ist ein rechtlicher Rahmen, eine Beruhigung, ein Zustand, in dem man gerade nicht dem Lokalen, vor allem der lokalen Politik ausgeliefert ist. Die Menschen haben hier in Kroatien auch keine Illusionen gehabt, mit dem Juli 2013 würden hier die Gelder fließen. Insofern soll man diese beitrittswilligen Bevölkerungen wie die ukrainische oder die bosnische oder die montenegrinische nicht unterschätzen. Wir leben ja längst in einem integrierten System von Informations- und Gedankenaustausch.
Was sich die Kulturschaffenden in Kroatien oder in Bosnien erhoffen, ist eben, dass sie in einem europäischen Rahmen wirken können, mit gutem Glück vielleicht auch an einem großen europäischen Projekt teilnehmen können ab und an. Aber Illusionen haben wir hier keinerlei im Sinne, es käme das Schlaraffenland oder so etwas. Das haben auch die Wirtschaftstreibenden nicht. Das ist ein falsches Bild der EU, das wiederum natürlich von den Politikern im Westen, wenn ich das so sagen darf, sehr vorangetrieben wird, damit es so ausschaut, als würden diese Länder Verluste einbringen oder als wollten sie unser aller Geld oder wie auch immer sie das formulieren. Und das ist nicht wahr.
Das sieht man an Polen, das sieht man an der Slowakei, an der Tschechischen Republik. Das sind politische Byzantinismen und Lügen. Den Unternehmen in der alten EU geht es ja besser heute, als bevor die Slowaken oder Polen oder die Kroaten ihre Automobile gekauft haben.
von Billerbeck: Heute beginnen die Beitrittsverhandlungen der Europäischen Union mit Serbien. Über die Möglichkeiten für den Kulturraum Jugoslawien sprach ich mit dem Verleger Nenad Popovic. Ganz herzlichen Dank!
Popovic: Danke Ihnen auch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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