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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.10.2016

Eugene O'Neill in HamburgDie Selbstauflösung einer Familie

Von Dorothea Marcus

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Das Gebäude des Theaters Deutsches Schauspielhaus (dpa - picture alliance / Markus Scholz)
Schon tagsüber die erste Flasche Whisky - Karin Henkel inszeniert Eugene O'Neills Familiendrama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" in Hamburg. (dpa - picture alliance / Markus Scholz)

Fünfmal hintereinander schon ist Karin Henkel zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Das ist vor ihr noch keiner Regisseurin gelungen. Auch ihre neue Inszenierung ist erfolgversprechend: "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill am Schauspielhaus Hamburg.

Auf den ersten Blick hat Karin Henkel die Geschichte von Eugene O'Neill, wie sich eine suchtgetriebene Schauspieler-Familie an einem Tag selbst zugrunde richtet, als gut gemachtes Konversationsstück zwischen Schuldzuweisungen und Selbstzerfleischung inszeniert - in dem ein Schauspielervater seine beiden Schauspieler-Söhne permanent niedermacht, in dem eine unausgefüllte Ehefrau mit ihrer Lebensleere kämpft. Doch von Anfang an liegt in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" eine zweite Ebene darunter, die mitten in das Innere von Marys Kopf führt, tief hinein in ihre Morphiumsucht - ausgelöst durch die Vergangenheit. Nach innen geht es auch ganz wortwörtlich: nach einem Anfang im Zuschauersaal bittet uns Jamie, der älteste Sohn, schnell hinter die Bühne, wo die Zuschauer nur noch zentimeterweit von den Schauspielern entfernt sitzen.

Drohendes Mahnmal der kommenden Apokalypse

Immer wieder sieht man, wie Lina Beckmann mitten im Gespräch einen Anfall bekommt, eine Art Flashback - dann tutet es brüllend aus dem riesigen Nebelhorn, das wie eine Art schwarzer Schlund auf der Bühne steht, dann ertönt Musik der heroinabhängigen Kölner Velvet-Underground-Sängerin Nico und Babygeschrei, dann wabert der Kunsteisnebel und herrscht auf einmal eine trunken andere, sphärisch schöne Welt. Immer häufiger schiebt sich auch eine Art Planet über die Szene, der an den Todesstern in Lars von Triers "Melancholia" erinnert: das drohende Mahnmal der kommenden Apokalypse, die alles in den Abgrund zieht - und letztlich jeden betrifft.

Ein extremer Abend am Schauspielhaus Hamburg

Immer stärker wird das Delirium der sich auflösenden Familie, zunehmend lösen sich auch Sprache und Form des Abends auf. Für Lina Beckmann ist die Rolle der Mary eine Paraderolle. Zitternd, mit Ticks, geisterhaft in Morgenmantel und grauer Perücke beginnt sie und steigert sich immer stärker in die Morphiumtrance hinein - auf dem Höhepunkt des Wahns rennen ihr sogar zehn identisch aussehende Doppelgängerinnen hinterher. Charly Hübner als ihr Ehemann könnte nicht weiter von ihr entfernt sein: Leutselig wahrt er den Schein, auch als er schon völlig betrunken über die Bühne torkelt, schenkt dem Publikum Whiskey ein. Großartig auch Christoph Luser und Felix Knopp als die kranken, kaputten Söhne. Ein extremer Abend, der die Selbstauflösung einer Familie von innen heraus zeigt - und vom künftigen Weltuntergang eines jeden erzählt.

Informationen zur Inszenierung auf der Homepage des Schauspielhauses Hamburg

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