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Fazit | Beitrag vom 11.09.2019

EU-Kommission ohne KulturressortEin falsches Signal

Sigrid Weigel im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 10.09.2019 in Brüssel bei der Vorstellung ihrer neuen EU-Kommisssare. (picture alliance/ Nicolas Landemard / Le Pictorium/ MAXPPP)
Die Förderung der kulturellen Vielfalt Europas könne mit Ursula von der Leyens Kabinett aus dem Blick geraten, sagt Sigrid Weigel. Von der Leyen hat 26 EU Kommissare, doch es gibt kein Kulturressort. (picture alliance/ Nicolas Landemard / Le Pictorium/ MAXPPP)

Die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kommt ohne Kulturressort aus. Dass es künftig eher um die Sicherung von Europas Grenzen gehe als um die Vielfalt der europäischen Kulturen, ist für Autorin Sigrid Weigel ein falsches Ziel.

Eine EU ohne Bildungs- und Kulturkommissar sei das Gegenteil von dem, was in der EU in den letzten Jahren formuliert worden sei, sagt Sigrid Weigel im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Sie hat kürzlich eine Studie zur auswärtigen Kulturpolitik vorgelegt.

Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel am 12.05.2005 in Berlin in der ZDF-Sendung Nachtstudio". (dpa/Karlheinz Schindler)Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel fürchtet, dass das Ziel, die kulturelle Vielfalt in der EU zu fördern, in Ursula von der Leyens Kabinett wenig Beachtung finden wird. (dpa/Karlheinz Schindler)

Natürlich habe man schon beim Vertrag von Lissabon im Jahr 2007 erkannt, dass es einen Gegensatz zwischen der EU als Wirtschafts- und als Kulturgemeinschaft gibt.

Rüstung ist wichtiger als Kultur

Doch dass die Kultur in Europa künftig mit weniger Geld auskommen müsse, als die Kultur im Haushalt der Bundesrepublik Deutschland, habe auch mit den Schwerpunkten von Ursula von der Leyen (CDU) zu tun, sagt Weigel:

"Frau von der Leyen war ja eben Verteidigungsministerin und ein bisschen sieht man die Handschrift des Verteidigungsressorts in dem gesamten Programm, das sie jetzt vorgelegt hat, wenn sie bei der Kommissarin für den Binnenmarkt besonders hervorhebt, dass sie sich um die Rüstungsindustrie kümmern soll."

Bewusstsein über die Pluralität Europas erhalten

Wenn man unter Europa die Kultur Europas verstehe, dann müsse es um die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gedächtnis und der europäischen Geschichte gehen, so Weidel. Denn gerade das Bewusstsein der Pluralität der europäischen Geschichte gehe im Moment in den einzelnen Staaten eher verloren. Es herrsche keine Einigkeit in den einzelnen Ländern der EU, was europäische Kultur ausmache.

"Das 20. Jahrhundert ist geprägt durch eine zunehmende ethnische Homogenisierung in den einzelnen Nationalstaaten. Das ist ja das große Problem des Nationalismus, mit dem wir in der EU zu tun haben."

Vergangenheitsbewältigung statt Grenzsicherung

Die EU sollte sich darum unter dem Aspekt des kulturellen Erbes, nicht nur mit der Grenzsicherung auseinandersetzen, wie es durch das neue Ressort "Protection of European Life" geplant sei. Viel wichtiger sei es, sich des europäischen Überlegenheitsgefühls bewusst zu werden, das aus der Kolonialzeit stammt, gerade auch bei der aktuellen Restitutionsdebatte beim Umgang mit Kulturgütern.

Reaktionäres Spartendenken

Vom neuen EU-Ressort "Innovation and Youth" könne man sich auch keine Unterstützung für kulturelle Belange erhoffen. Denn dieses Ressort zerfalle in zwei Teile: zum einen in Forschung und Innovation unter wirtschaftlicher Betrachtung, zum anderen in Bildung, Jugend, Sport und Kultur, stellt Weigel fest.

"Da wird ein sehr altbackener Kulturbegriff zugrunde gelegt als Sammlung von Sparten wie 'Geschichte', 'Literatur', 'Musik', 'Film', 'Kunst' und 'Sport'", sagt sie. "Wir sind im Grunde genommen längst weiter in der Debatte über Kultur und den Kulturbegriff, weil wir doch verstanden haben, dass zur Kultur eben auch die Art des Wirtschaftens und der Lebensweise gehört. Und dass die Veränderung durch die Globalisierung und die Digitalisierung Lebensweisen verändert, die von der EU – wenn sie denn auf Vielfalt beruht – zum Gegenstand und zum Problem gemacht werden müssten."

(mle)  

Kulturpresseschau

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