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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.07.2019

EU-InteressenkonflikteMacrons Traum vom Mittelmeerraum

Ein Kommentar von Jörg Himmelreich

Aufnahme des Seitenprofils von Emmanuel Macron (picture alliance / Le Pictorium Agency via ZUMA)
Das deutsche zivilgesellschaftliche Engagement in der Mittelmeerregion mit einzubeziehen, daran denkt Macron erst gar nicht, kritisiert Jörg Himmelreich. (picture alliance / Le Pictorium Agency via ZUMA)

Zäh wird um die Verteilung von EU-Spitzenposten gerangelt. Just da belebt Präsident Macron ein altes Motiv französischer Europapolitik neu: den Traum vom geteilten Mittelmeerraum. Der Historiker Jörg Himmelreich findet das Timing denkbar schlecht.

Der Traum von einem lateinischen Reich Frankreichs und einer gemeinsamen Welt des Mittelmeerraums sind seit jeher zwei Stränge eines selbstbewussten Zivilisationsnarrativs französischer Intellektueller und Philosophen.

Ja, das Mittelmeer, La Méditerranée, ein französisches Mare nostrum: "Tausend Dinge auf einmal, keine Landschaft, aber unzählige Landschaften, kein Meer, sondern eine Folge von Meeren, keine Zivilisation, sondern Zivilisationen, die aufeinander gestapelt sind", so schwärmte der weltbekannte französische Historiker Fernand Braudel in seinem in deutscher Kriegsgefangenschaft vollendeten Meisterwerk "Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.".

Trotz aller Unterschiede eine kulturelle mediterrane Verbundenheit. Just auf dieses Buch bezog sich letzte Woche Präsident Macron, als er in Marseille den Gedanken einer neuen Mittelmeerunion wieder belebte: In einer G-10 sollen fünf südeuropäische und fünf nordafrikanische Staaten enger kooperieren. Dieses Konzept eines gemeinsamen Mittelmeerraums ist eine Lieblingsidee französischer Europapolitik. Sie greift dabei auf einen verbreiteten kulturphilosophischen Diskurs in Frankreich zurück.

Angst vor einem Bedeutungsverlust Frankreichs

Schon das Memorandum "Das lateinische Reich", dass der französische Philosoph und Hegelspezialist Alexandre Kojève 1945 für General de Gaulle verfasste, beeinflusste bis 1958 die französische Außenpolitik: eine enge wirtschaftliche und politische Kooperation Frankreichs, Spaniens und Italiens zur Abwehr des "Feindstaates Deutschland". De Gaulle als Präsident entschied sich jedoch im Rückgriff auf die Idee der karolingischen Reichseinheit klug für eine deutsch-französische Aussöhnung.

Unter Bezug auf Kojève forderte der italienische Kulturphilosoph und Theoretiker über den Ausnahmezustand Giorgio Agamben Frankreich 2013 auf, sich als Teil eines Reiches des lateinischen Geistes seiner moralischen Pflicht zu besinnen und angesichts der Eurokrise sich gegen eine drohende deutsche Dominanz in Europa zu wehren. Das politische Frankreich, vor allem die Sozialistische Partei, jubelte.

Diese kulturphilosophische Idee eines lateinischen Reichs und eines bei allen Unterschieden gemeinsamen, mediterranen Kulturraums entsprang immer auch der Angst vor einem politischen und kulturellen Bedeutungsverlust Frankreichs und vor einer politischen und wirtschaftlichen Überlegenheit Deutschlands.

Macrons neue Initiative zu einer G-10-Mittelmeergruppe will nach Sarkozys gescheiterter Union für das Mittelmeer vor allem die Zusammenarbeit von NGOs und Zivilgesellschaft stärken. Und das ist gut so. Denn dort, wo die staatliche Zusammenarbeit wegen der realpolitischen Differenzen im Mittelmeerraum scheitert, ist die Kooperation der Zivilgesellschaften gefragt, so prekär deren Situation in den Staaten Nordafrikas auch ist.

Profilierung Frankreichs gegenüber Deutschland in Europa?

Wenig förderlich allerdings ist es, diese Idee gerade jetzt in den Tagen höchster deutsch-französischer Konfrontation über die Besetzung der EU-Spitzenposten zu konkretisieren: nämlich in Tagen, in denen Macron den deutschen Spitzenkandidaten der nach den Wahlen stärksten europäischen Parteienfamilie demontiert und damit auch das gesamte Modell von Spitzenkandidaten aus dem Parlament überhaupt. In alter etatistischer Politiktradition Frankreichs bevorzugt er die Hinterzimmerkungelei der Staatsvertreter anstatt das Europaparlament zu stärken, und nötigt der Bundesregierung diese Verfahrensänderung noch auf.

Das deutsche zivilgesellschaftliche Engagement in der Mittelmeerregion etwa in einem Gipfelformat 10+1 mit einzubeziehen, daran denkt Macron erst gar nicht. Dient dieser an sich hilfreiche Ansatz zu einer europäischen Mittelmeerpolitik nicht am Ende auch wieder mehr der Profilierung Frankreichs gegenüber Deutschland in Europa als der tatsächlichen Überwindung der zahlreichen gemeinsamen politischen Herausforderungen im westlichen Mittelmeer?

Auch Deutschland trägt elementare europapolitische Verantwortung für die Belange und Transformationsschwierigkeiten Nordafrikas, mit denen es die EU-Staaten Südeuropas oft allzu gerne alleine lässt. Deswegen ist eine enge deutsch-französische Abstimmung für die Europapolitik in dieser Region so wichtig. Eskalierende deutsch-französische Machtkämpfe um exklusive Einflusszonen in Europas Nachbarschaft und um EU-Spitzenposten können Europa nur blockieren, auch in seiner Mittelmeerpolitik.

Jörg Himmelreich (Peter Ptassek) (Peter Ptassek)Jörg Himmelreich lehrt Geschichte an der École Supérieure de Paris in Berlin, schreibt für die "Neue Zürcher Zeitung" und forscht zu kulturgeschichtlichen und außenpolitischen Themen Russlands und Asiens. Er war Mitglied des Planungsstabs des Auswärtigen Amts in Berlin sowie Gastdozent in Washington, Moskau, und London.

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