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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 31.12.2013

EU-BürgerHinfahren, Job suchen, arbeiten

Viele Rumänen hoffen auf gut bezahlte Arbeit in Deutschland

Von Thomas Wagner

Bauarbeiter auf einem Gerüst am seinerzeit noch nicht fertiggestellen Marie-Elisabeth-Lüders-Bau des Bundestages in Berlin (AP)
Bauarbeiter auf einem Gerüst: Florin Dechel aus Timisoara, gelernter Maler und Lackierer, will sich in Deutschland einen Job suchen. (AP)

Vom neuen Jahr an können sich auch Rumänen und Bulgaren eine Arbeit in anderen EU-Ländern suchen. Nicht wenige freuen sich auf die Freizügigkeit. Denn zuhause ist ihre Lage schlecht, berichtet Thomas Wagner.

"La multi ani" wünschen sich Händler und Kunden auf dem Bauernmarkt im Zentrum der westrumänischen Stadt Timisoara, was so viel heißt wie "Noch viele Jahre" - ein beliebter Neujahrsgruß. Manche hegen große Pläne für das Jahr 2014, wie beispielsweise Florin Dechel, gelernter Maler und Lackierer:

"Ich habe neun Jahre in Griechenland gearbeitet. Und mein Kumpel, der ist bereits in Deutschland. Und nach dem ersten Januar werde ich dort auch hingehen."

Florin Dechel ist sich sicher: So wie er werden es viele machen und die Koffer packen, Richtung Deutschland reisen, zum Arbeiten:

"Genauso werden das sehr viele machen. Viele Rumänen haben in den vergangenen Jahren in Spanien und in Griechenland gearbeitet. Da aber da ist jetzt Wirtschaftskrise, in Deutschland aber nicht. Dann gehen wir halt mal dort hin."

Hinfahren, nach einem Job suchen, arbeiten - das alles, sagt Florin Dechsel, sei nun so wunderbar einfach und sogar völlig legal. Während seiner Zeit in Griechenland war das anders: Zum Teil musste sein Arbeitgeber nachweisen, dass für Florin Dechels Job kein Grieche zur Verfügung stand. Damit hat es nun ein Ende - ab 2014 herrscht auch für Rumänen Arbeitnehmerfreizügigkeit in der gesamten EU. Professor Nicolae Zaran, Wirtschaftswissenschaftler an der "Facultate de West Timisoara", eine der großen rumänischen Universitäten, prognostiziert:

"Natürlich, das wird noch mal zu einer spürbaren Abwanderung von Arbeitskräften Richtung Westeuropa führen. Und der Grund ist klar: In Rumänien gibt es einfach nicht genügend Arbeitsplätze. Und wenn es sie gibt, sind sie deutlich schlechter bezahlt als die entsprechenden Jobs in Westeuropa."

Ängste umsonst geschürt?

Und wie zur Bestätigung seiner These verweist der rumänische Wirtschaftswissenschaftler auf die Statistiken de Europäischen Union. Die sprechen nach seiner Meinung eine deutliche Sprache.

"Nach den Statistiken der Europäischen Union haben in den vergangenen Jahren um die drei Millionen Rumänen ihr Land verlassen, um woanders Geld zu verdienen."

Ob jetzt, wo die neue Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der EU lockt, weitere Millionen Rumänen folgen werden, die arbeitssuchend nach Spanien, nach Italien, nach Frankreich, auch nach Deutschland pilgern?

"Ich glaube, das braucht man nicht zu befürchten, da diejenigen, die nach Westeuropa emigrieren wollten, haben das schon getan. Selbstverständlich gibt es die Sorge, dass die sogenannten Armen innerhalb Rumäniens und die Unqualifizierten, dass die das Sozialsystem in Deutschland vielleicht ein bisschen ausnützen könnten. Die Befürchtung kann man weiter haben, das einige, aber das werden nicht so viele sein, dieses System ausnutzen könnten."

So der rumänische Unternehmensberater und Personalvermittler Valentin Bicu. Als vor etlichen Jahren die Arbeitnehmerfreizügigkeit beispielsweise für Polen, Tschechei und Ungarn in Kraft trat, habe es schließlich ähnliche Befürchtungen gegeben. Zum massenhaften Ansturm von so genannten "Armuts-Migranten" sei es damals aber nicht gekommen.

Deshalb hält Bicu auch die CSU-Forderung zur Eindämmung der so genannten "Armutsmigration" für überzogen. Der entsprechende Entwurf der CSU sieht eine Aussetzung von Sozialleistungen in den ersten drei Monaten der Anwesenheit in Deutschland vor:

"Ich glaube, sehr viel würde das nicht bringen, erstens. Und zweitens, sehr fair wäre es nicht für wirklich eine kleine Minderheit, die eventuell versuchen könnte… da würde ich mir nicht so viele Gedanken machen."

Fachkräfte freuen sich auf Freizügigkeit

Zurück auf dem Markt "700" mitten in Timisoara: An einem Stand steht Roaxana Versch, verkauft Früchte, als Zubrot für das kärgliche Gehalt, das sie als Krankenschwester in Ausbildung verdient:

"In Rumänien sind die Arbeitsbedingungen und die Löhne in meinem Beruf einfach grottenschlecht, im Gegensatz zu anderen Ländern. Und wenn ich nach drei Jahren erst einmal mein Diplom habe, dann nichts wie weg hier. Ich überlege ernsthaft, nach Deutschland zu gehen."

Wo Krankenschwestern durchaus gefragt sind - ein Beispiel, aus dem der rumänische Personalexperte Valentin Bicu den Ratschlag Richtung Deutschland ableitet:

"Ich glaube, Migranten mit guter Qualifizierung, ja, also Arbeiter, die wirklich qualifiziert sind, braucht Deutschland eh."

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