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Zeitfragen | Beitrag vom 26.04.2021

Etikettenschwindel mit der KlimaneutralitätDie Mär vom klimaneutralen Leben

Von Alexander Bühler und Frank Odenthal

Illustration: Ein Windrad mit herunterhängenden Rotorblättern vor blauem Himmel. (imago / fStop Images / Malte Müller)
Bei vielen Aktionen zur Klimaneutralität ist wohl auch viel "heiße" Luft dabei. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Reisen, Shoppen und gleichzeitig auch etwas Gutes für die Umwelt tun. Immer mehr Unternehmen verknüpfen Produkte mit diesem vermeintlichen Versprechen. Wenn man genauer hinschaut, bleibt von der Weltverbesserungsidee oft nicht viel übrig.

"Espressomaschine. Mal gucken, was so ein altes Gerät bei diesem Onlineauktionshaus kostet. 100, 65, 210 Euro… 70, das klingt doch ganz gut. Und ich kann gleich einen CO2-Ausgleich beim Unternehmen South Pole mitkaufen. Damit schütze ich Wald in Simbabwe vor Abholzung, sorge für effizientere Kochstellen in Ruanda, kann Windenergie in Neu-Kaledonien anfachen und fördere insgesamt nachhaltige Entwicklung."

Dieses Versprechen, zahl ein bisschen mehr, pflanz einen Baum und rette die Welt, wird anscheinend momentan in ganz Deutschland plakatiert. An der Bushaltestelle heißt es "Stop talking, start planting", Stars wie Hannes Jaenicke, Peter Maffay oder Culcha Candela werben für die Weltrettung durch CO2-Kompensation. Und wie genau will beispielsweise South Pole das machen?

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Auf ihrer Website bietet das Schweizer Unternehmen über 700 Projekte zum Kohlenstoffdioxid-Ausgleich an: vom Wasserkraftwerk in Vietnam über Abfallverbrennung in Zementwerken in Thailand bis hin zu Waldmanagement in Guatemala.

Doch insgesamt bietet South Pole viel mehr als nur das: Sie beraten auch direkt Unternehmen bei ihrem Übergang zur Klimaneutralität und entwickeln und managen Klimafonds. In einem ihrer Firmenvideos beschreibt South Pole, wie das geht:

"Wenn wir heute handeln, schaffen wir das. Aber wir brauchen Organisationen wie deine; wir helfen Unternehmen Investoren und der öffentlichen Hand."

Kundenbindung steht mit im Mittelpunkt

In dem Werbevideo zu sehen: tolle Urwälder, ursprüngliche Landschaften, Sonnenaufgänge vor Windrädern, eine junge Frau vor einem imposanten Wasserfall – und dann Hochhäuser. Und Logos von Unternehmen wie Porsche, SAP, WWF, Vattenfall oder Puma. Zusammen gegen den Klimawandel also. Das stärkt auch die Kundenbindung, sagt South Pole in einem anderen Video. Denn der CO2-Markt ist eben auch eines: Big Money.

"Der globale Anteil nachhaltiger Geldanlagen lag im Jahr 2018 bei knapp 31 Billionen US-Dollar, laut der Global Sustainable Investment Alliance. Die internationale Ratingagentur Morningstar kommt in ihrem Bericht zu dem Ergebnis, dass allein im Jahr 2020 über 51 Milliarden US-Dollar in nachhaltige Fonds investiert wurden", sagt Lukas Feldmann, Sprecher der GLS-Bank, der wohl bekanntesten deutschen Bank für nachhaltige Geldanlagen.

Firmen kaufen sich in Entwicklungsprojekte ein

Ein zentrales Element im Kampf gegen den Klimawandel ist der Green Climate Fund der Vereinten Nationen, der Gelder einsammelt. Aus den unterschiedlichsten Quellen sollen 100 Milliarden Euro im Jahr zusammenkommen. Auch Unternehmen können geben, sind dann ab sofort "klimaneutral". Genauso können auch Einzelpersonen durch Zahlungen ihre Flugreisen nachhaltig machen. Oder Firmen kaufen sich in Entwicklungsprojekte ein, die dann kurzerhand in Klimaneutralitätsprojekte umgewidmet werden und verkaufen dann diese Anteile und ihre Beratungsleistung mit entsprechenden Margen weiter.

Aus solchen Quellen wird zum Beispiel der deutsche Arbaro-Fonds subventioniert, den auch die GLS-Treuhand unterstützt. Genau wie die Europäische Investitionsbank, die dem Fonds 20 Millionen Euro zugeschossen hat. Denn der Fonds soll nicht nur nachhaltige Forstprojekte anbieten, bei denen 20 Millionen Tonnen CO2 gebunden werden, sondern auch noch durch Arbeitsplätze vor Ort die soziale Entwicklung befördern. In Sierra Leone arbeitet er mit dem Forstunternehmen Miro zusammen, das so für sich wirbt:

Das Ziel: Hochwertiges Holz so umwelt- und sozialverträglich wie möglich herzustellen. Westafrika bietet dafür das ideale Umfeld. Und die Landbevölkerung braucht dringend Arbeitsplätze. Miro kann sie direkt in den Gemeinden anwerben. So kann Holz kostengünstig und mit hohen Gewinnen angebaut werden. Es heißt, sie würden sozialverträglich und ökologisch produzieren, mit viel Gewinn. Stimmt das? 

Es gibt kein klimaneutrales Fliegen

Ein Anspruch, den Jutta Kill vom World Rainforest Movement für unrealistisch hält. Das Grundsatzproblem: Der CO2-Ausstoß würde nicht gemindert, sondern solle nur kompensiert werden:

"Da liegt in meinen Augen das große Risiko, die große Gefahr von Kompensation, dass sie uns vorgaukelt, dass wir was tun, obwohl wir genau die Dinge, die anstehen, nämlich die echte Minderung von Emissionen, hinausschieben, weil uns vorgegaukelt wird, durch dieses Versprechen von Klimaneutralität trotz Nutzung von fossilen Brennstoffen, dass wir ja auf dem Weg sind. Sind wir überhaupt nicht."

Viele solcher Kompensationsprojekte sind Baumplantagen, meist mit schnell wachsendem und sehr wasserintensivem Eukalyptus und dabei entstehen jede Menge Probleme, sagen Experten wie Miguel Lovera:

"Die Pestizide verbreiten sich überallhin, deswegen endet das Gift in unseren Mägen. Und der Wasserverbrauch der Eukalyptusbäume führt zu Wasserknappheit in den umliegenden Gemeinden."

Carbon offsetting, Klimaneutralität – gute Geschäftsmodelle. Sie verkaufen die Illusion, den Klimawandel zu stoppen, ohne Verzicht zu üben. Es gibt kein klimaneutrales Fliegen und Baumplantagen helfen nicht, wenn aus den Bäumen Klopapier oder Biomasse zum Verbrennen in ehemaligen Kohlekraftwerken gemacht wird. Stattdessen erinnert die viel gepriesene Klimaneutralität an einen modernen Ablasshandel. 

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