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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.08.2014

EthnologieMedizinmann, Wahrsager oder Zauberer

Eine Kulturgeschichte des Schamanismus

Von Michaela Vieser

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Schamane aus der Mongolei (dpa / picture alliance / EPA / How Hwee Young)
Der mongolische Schamane Batgerel Batmunkh segnet ein Messer mit der Zunge während eines Heilungsrituals. (dpa / picture alliance / EPA / How Hwee Young)

Das Wort Schamane bedeutet "erhitzter, erregter Mensch". Sie werden als Sehende und Heiler verehrt. Schamanen obliegt oft die Krankenheilung − in dieser Funktion erleben sie eine Renaissance.

Brigitte Schmuck: "Schamanismus ist Urkraft."

Jutta Goldammer: "Ich glaube, dass Schamanen die Möglichkeit haben, in andere Weltenebenen zu springen und damit virtuos umzugehen, aber dass das natürlich nicht heißt, dass diese reale Welt, die wir hier jetzt als kleinsten gemeinsamen Nenner festgeklopft haben, dass die deswegen nicht wichtig ist."

Mirco Uhlig: "Wie kann ich jetzt mit dieser Situation sinnvoll umgehen und vielleicht auch produktiv umgehen. Was natürlich, wenn man dann etwas kritisch nachfragt, auch so ein bisschen den Zeitgeist, der die heutige Gesellschaft widerspiegelt, ich muss produktiv mit Dingen umgehen können, oder sinnvoll. Also es ist eigentlich nicht gestattet, dass Dinge nicht sinnvoll sind. Deshalb ist der Schamanismus auch ein Spiegelbild der Gegenwartsgesellschaft."

Das Wort Schamane kommt ursprünglich aus dem Tungusisch-Mandschurischen und bedeutet: erhitzter, erregter Mensch. Schamanen gibt es aber nicht nur in Sibirien. Sie sind ein weltweites Phänomen bei indigenen Völkern. Es gibt sie bei den Inuit, den Inselbewohnern der Südsee, den sibirischen Naturvölkern oder den Stämmen in der afrikanischen Wildnis. Es waren Männer und Frauen. Schamanen gibt es länger, als das menschliche Gedächtnis zurückreicht. Sie alle stammen aus einer Kultur, in der nichts aufgeschrieben wird, alles mündlich überliefert ist. So gibt es keine Zeugen, keine Beweise und die Frage, seit wann es eigentlich Schamanen gibt, muss unbeantwortet bleiben.

Sicher ist nur, es gibt Schamanen bis heute. Und sie treten, heute mehr denn je, ins öffentliche Bewusstsein. Es sind vor allem Menschen, die ernsthaft krank sind, die darauf hoffen, bei einem Schamanen Antworten zu finden. So auch ich. Nach meiner Krebsdiagnose wollte ich mich von den sterilen Erklärungen des Gesundheitssystems lösen, von Statistiken, Risikofaktoren und den Namen kompliziert klingender Medikamenten. Hier ging es um mich. Um mein Leben, um meine Hoffnung auf Heilung. Geh zum Schamanen, rät ein Freund. Der Schamane hilft dir, dich mit deinem inneren Doktor in Verbindung zu setzen.

Brigitte Schmuck: "Ich würde sagen, meine Aufgabe ist da, den Menschen zu zeigen, dass eben die Dinge sie selbst erschaffen haben, im Gedankenfeld, und dass sie es auch lösen können."

Brigitte Schmuck arbeitet seit vielen Jahren schon als Schamanin in Wien. Sie zu finden war schwer, auch wenn man heutzutage nur im Internet seinen Wohnort einzugeben braucht, mit dem Stichwort "Schamane" und es kommen seitenweise Trefferangebote. Die Auswahl ist groß. Sich zu orientieren ist schwer: Denn was macht ein Schamane in keltischer Tradition anders als einer in indianischer? Brigitte Schmuck wird mir wieder von Freunden empfohlen:

"Aber der Schamane selbst geht auf den Ursprung zurück. Also wenn er dich anschaut, fühlt er mal, warum du hier bist. Ich lasse mir erzählen und dann fühle ich. Und dann fühle ich die Ursuppe. Der Schamane fühlt die Ursuppe. Und der geht zur Ursuppe. Und schaut bei der Ursuppe, welche Wesen hängen. Hängen da vielleicht Wesen, die sich ernähren, alte Dämonen, hängt ein Fluch, das ist der Schamane. Dann geht er mit dem Krafttier rein."

Ich fahre nach Wien. Hin in diese mir unbekannt Welt. Was wird mich erwarten? Während ich auf einer Couch liege, beugt sich die Schamanin über meine Füße, stößt eigenartige Rufe aus und spürt in mich hinein. Merkt, wie ich in die Welt gekommen bin, ob ich Lust hatte, geboren zu werden, oder ob ich mich sträubte. Dann tastet sie sich an meinen Beinen entlang, bis hinauf zu den Schultern. Dabei hält sie ihre Hände immer ein wenig über meinem Körper. Sie erzählt mir Dinge über mein Leben, die sie eigentlich gar nicht wissen kann. Was macht sie da?

Brigitte Schmuck: "Für mich ist es so, ich bin halt ein Atomkraftwerk von Energien. Das ist meine Antwort. Und ich versuche jedem Menschen diese Herzenergie, die jeder Mensch in sich hat, zu seinem eigenen Heilkörper, denn dort ist der Heilkörper verankert."

Die Schamanin schaut, ob meine Seele irgendwo in einem vorherigen Leben in einer Emotion hängen geblieben ist und sucht den Auslöser dazu. Die Bilder, die sie mir beschreibt, sind mir dabei seltsam vertraut.

Brigitte Schmuck: "Also, das ist Bioplasma, verdreckte Energie, die ich spüre. Manche greift sich schwer an, manche sticht in den Händen, ganz extrem, manchmal habe ich das Gefühl, ich gehe eh in ein leeres Loch, da ist überhaupt keine Energie, da muss ich was dazugeben. Manche Leute sagen, mir ist auf einmal kalt, ich schepper am ganzen Körper, weil ich ihnen den Energiedreck wegnehme, weil da was über den falschen Energiekanal gelaufen ist, oder manche sagen, mir wird so warm, so warm, weil ich ihnen was dazugebe."

Gute Schamanen erscheinen vertrauenswürdig und sie kennen ihre Grenzen. Wie das Vertrauen zu ihnen aufgebaut wird, ist individuell. Schamanen müssen Menschenkenner sein. Und lässt man sich auf eine Schamanin / einen Schamanen ein, muss man ihr Weltbild zumindest für den Moment akzeptieren, auch wenn es noch so fremd erscheint.

Mirco Uhlig: "Also da muss man erst einmal fragen, was ist Schamanismus überhaupt und dann kann man das runterbrechen auf den Schamanen, der eigentlich – und das ist glaube ich der gemeinsame Nenner von allen Schamanen und Definitionen, der ein Vermittler ist zwischen zwei Welten."

Mirko Uhlig ist Ethnologe. Er erforscht derzeit an der Universität Mainz die "Gegenwartsformen schamanischen Heilens im deutsch-belgischen Grenzgebiet".

Mirco Uhlig: "Also der Vermittler zwischen einer diesseitigen Welt und einer jenseitigen Welt. Und wie er das genau macht, darüber kann man sich schon anfangen zu streiten, aber eigentlich ist er ein Mediator und vielleicht sogar ein Medium, durch den etwas durchfließt."

Und so kann der Besuch eines Schamanen bei einer Krankheit helfen, neue Bilder für sein Leiden zu finden, die losgelöst sind von der medizinischen Diagnose. Der Schamane verbindet den Körper auf eine ganz eigene Art und Weise mit seiner Psyche und schafft es vielleicht sogar, eine gewisse Poetik für die Krankheit zu entwickeln. In jedem Fall schenkt er Freiraum für andere, für eigene Gefühle.

Mirco Uhlig: "Was für viele Menschen attraktiv am Schamanismus ist, dass man eben mit den schamanischen Metaphern oder mit der schamanischen Logik, wenn man es vielleicht so nennen möchte, seine eigene Krankheit, die zunächst einmal sehr, sehr sinnlos erscheint, warum habe ich jetzt Krebs oder eine andere chronische schwerwiegende Krankheit? Das sind ja Fragen, die aufkommen und auf die man erst einmal keine Antwort findet. Aber der Schamanismus bietet dahingehend eine Antwort, indem er sagt, diese Krankheit, die du hast, die ist jetzt quasi der Scheideweg, an dem du dich entscheiden musst. Der Schamanismus bietet dann die Möglichkeit, die eigene, erst einmal sinnlose schwerwiegende Krankheit positiv zu deuten und vor allem sinnvoll zu deuten."

Mirko Uhlig hat zahlreiche Menschen interviewt, die zu einem Schamanen oder einer Schamanin gegangen sind. Dabei zeigte sich, Schamanen werden heute in unserer modernen Welt nicht nur in Gesundheitsfragen aufgesucht. Sie helfen auch bei Neu- oder Umorientierung oder bieten einfach eine Art Seelen-Wellness an.

Mirco Uhlig: "Dann trifft man da Leute die vielleicht mal am Wochenende in der Natur aus dem Alltag ausbrechen wollen. Das hat schon was von Wellness-Charakter, die dann einfach mal aus dem Bürojob raus wollen und dann... vor allem in der Eifel hat man das ja, dass es besonders atmosphärisch ist, also es ist dann sehr nebelig und kalt und die Füße stehen auf dem kalten Boden und man hat da diese Erdung, das suchen die Leute, die arbeiten den ganzen Tag in einem Büro und wollen dann auch mal in die Natur rein und die Natur fühlen, also dieses Naturverständnis ist in diesem Sinne dann schon da. Dann gibt es Leute, die durch eine eigene Krankheit irgendwie einen neuen Sinn in ihrem Leben suchen, also die haben eine Zäsur gehabt, und durch die Schulmedizin vielleicht nicht weiter kommen und dann gibt es da ja noch die Leute mit akuten, würde mal sagen, psychischen Problemen."

Allen gemein ist also eine Art Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und die Suche nach Antworten in schwierigen Zeiten. Das scheinen Schamanen besser zu bedienen als Psychologen. Und hat jeder die Fähigkeit zum Schamanen? In seinem Roman "Die Graue Erde" beschreibt der tuwinische Schriftsteller und Schamane Galsang Tschinag die Entwicklung eines Jungen, der schamanen möchte, so:

"Das Geisterwerk eines Schamanen könnte man nicht erlernen wie das Handwerk eines Gerbers, denn der Himmel alleine würde einen dazu bestimmen, aber auch da sei es alles andere als eine Belohnung etwa. Nein, es sei eher eine Strafe, da eine schwere Bürde, die zu tragen und zu ertragen einem Menschen mit einem Wasserauge und Fleischherzen fast unmöglich sei; dann aber sei einer doch Schamane, so sei er dazu verdammt, diese schwerste Bürde durch die Jahre zu tragen und somit dieses Schicksal zu ertragen."

Archaische Ekstasetechniken

Ausschlaggebend für die Initiation zum Schamanen ist die sogenannte Schamanenkrankheit. Mircea Eliade, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Professor an der progressiven Universität von Chicago, gilt als der Begründer der Schamanismsusforschung. In seinem Buch "Schamanismus und archaische Ekstasetechniken", das 1951 erschien, konstatierte er zum ersten Mal, dass es sich beim Schamanismus nicht um eine pathologische Erfahrung handle. Schamanen seien also nicht in bizarre Ekstasen abtauchende, psychisch Gestörte, sondern würden durch ihre Arbeit tiefe religiöse Erfahrungen machen, die eben Teil des Lebens sein können. Er verglich verschiedene asiatische Schamanen und Traditionen, erkannte aber eine Gemeinsamkeit in deren Biografie: Jeder Schamane erkrankt einmal in seinem Leben schwer und unerklärlich. Während dieser Krankheit durchlebt er dabei die Vision einer Zerstückelung. Ihm wird das Fleisch abgehauen und von den Knochen gerissen, bis er nur noch als Skelett dasteht. Erst dann wird es ihm Stück für Stück wieder angefügt, ihm werden neue Augen eingesetzt, und so neu zusammengesetzt begibt er sich auf eine Reise durch die Sphären. Erst durch die Erkrankung wird ein Mensch überhaupt zum Schamanen.

Mirko Uhlig: "Es ist einfach genauso analog wie zu den Menschen hierzulande, die irgendwelche schwerwiegende Krankheiten haben und das als Schnittpunkt im eigenen Leben sehen und sagen so, jetzt muss ich mal Sinn in meinem Leben suchen, jetzt muss ich mal stille halten und gucken, was möchte ich eigentlich. Und in der klassischen Literatur ist es dann eben so, dass diese Schamanenkrankheit, die ein paar Monate oder vielleicht auch ein Jahr dauert, wird der Aspirant zum Schamanen ausgebildet. Da werden die Geister gerufen und die bilden den Aspiranten zum Schamanen aus."

Auch die Schamanin Brigitte Schmuck erkrankte schwer, an Multipler Sklerose. Es war während einer Zeremonie mit einem peruanischen Schamanen, dass sie selbst nicht nur geheilt, sondern auch initiiert wurde.

Brigitte Schmuck: "Und dann sah ich Augen. Furchtbare Augen, so furchtbare Augen. Die mir Angst machten und ich fing an, das Vaterunser zu beten. Ich bin nicht ein Kirchengeher, aber ich glaube an Christus und an die Maria, ich glaube nicht an die Kirchenmaria, aber an die Maria. Und habe dann ein Vaterunser gebetet und erbrach. Und nachdem waren die Augen noch näher und ich musste noch ein Vaterunser beten. Ich erbrach ein zweites Mal. Und beim dritten Mal sah ich Maria. Ich sah die weise Frau. Ich sah sie. Und in dem Moment begriff ich, sie ist die Heilerin der Erde. Das wusste ich in dem Moment ... Und in dem Moment war ich da! Also diese Zeremonie war für mich der erste große Weg zum Schamanismus."

Jutta Goldammer: "Der klassische Weg, wie große Schamanen beschrieben werden, ist dass sie durch unglaublich harte Krisen durchgegangen sind, diese bestanden haben und dadurch gestärkt herausgegangen sind."

Jutta Goldammer ist die Geschäftsführerin der Berliner Akademie für Visionautik.

Jutta Goldammer: "Was mir nahe liegt, dass ein Schamane eine große Fähigkeit haben muss, ist die, Krisen zu erkennen, Krisen zu bewältigen und auch eine gewisse Distanz dazu zu halten. Also sich nicht von dem Unglück und der schwierigen Lage einvernehmen zu lassen, sondern letztendlich doch darüber zu stehen und sich dennoch sich empathisch in die Person oder in die Gesellschaft hineinzufühlen zu können."

Muss man also eine Schamanenkrankheit durchgemacht haben, um auch Schamane zu werden? Heute gibt es Kurse, in denen an zehn Abenden die Grundfertigkeiten des Schamanen erlernt werden können. Dort lernt man Techniken, wie in jedem anderen Coaching Seminar auch, nur haben die Techniken hier klangvollere Namen, wie Seelenrückführung, Krafttierreise oder energetisches Trommeln. All das soll dazu dienen, gewohnte Muster aufzubrechen und neue Denkweisen zu erfahren. Man kann aber auch einfache schamanistische Rituale buchen, zum Beispiel den Besuch einer Schwitzhütte oder das Feuerlaufen. Bei letzterem schreitet der Feuerläufer mit nackten Füßen über glühende Kohlen, ohne sich dabei die Haut zu verbrennen. Gebucht wird diese Technik auch gerne mal von großen Konzernen auf ihren Manager-Fortbildungen.

Jutta Goldammer: "Wenn ich übers Feuer gehe und weiß, es ist eigentlich gar nicht möglich, also rein naturwissenschaftlich konnte noch niemand beweisen, warum das funktioniert und wenn ich ins Feuer stolpern sollte, dann würde ich mich verbrennen. Aber da ich bewusst diesen Schritt gehe ins Feuer und bewusst diese Entscheidung fälle, ich gehe jetzt, verbrenne ich mir die Füße nicht. Und diese Erfahrung zu machen, ich laufe los, mit meiner Entscheidung, und dadurch dass ich diese Entscheidung gefällt habe, bin ich sicher und ich weiß, mir kann nichts passieren, es ist eine unheimlich starke und tiefe Erfahrung, die man auch auf andere Weise und ohne Feuer prima machen könnte, es geht nicht um das Laufen über das Feuer, sondern es geht um das, was mit dem eigenen Geist passiert, mit der eigenen Einstellung. Aber dadurch dass man sieht, das funktioniert ja, stärkt es unheimlich das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten des Geistes."

Wo liegt der Ursprung des Schamanismus? Seit wann wird er praktiziert? Die Inuit-Schamanen gehen von einer mehr als 36.000 Jahre alten Kultur aus, zu der Trommeln, rauchende Kräuter und Gesänge genauso gehören wie Empathie und die Bereitschaft, sich auf andere Dinge, Welten einzulassen. Oder wie Galsang Tschinag schreibt.

"Nun bin ich dabei, die Geister herbeizurufen, obwohl die Worte, die fischhaft stumm aus den Fluten schlüpfen, mühelos zu Versen zusammenlaufen und die Stimme, die sie auffängt, sich längst ein- und festgesungen hat. Noch bin ich ein Nachbar der Wolken und ein Bruder der Fische nur, aber ich spüre, ich stehe im Wandel, bin unterwegs zum Wasser und zur Luft, gewillt, mich zur Kehle der Fische und zum Herzen der Wolken zu steigern. Gelingt dies, wird es mir auch gelingen, zu einer Gegenkraft und einem Gegengewicht des Himmels und der Erde zu wachsen.

Ist was zu gießen

Hier meine Hirnschale

Rund und mit rußschwarzem Haar besät

Nehmt sie, a-ha-aaj

Ist was zu binden

Hier ist mein Lebensfaden

Rot uns aus acht Lenzen geflochten

Nehmt in, e-eh-eej.

Ich nehme mir Zeit, rufe und bitte die Geister, deren Nähe ich spüre so wie die der Sonne und des Windes, unentwegt herbei, beschwöre und locke sie unnachgiebig heran. Denn hier und heute will ich sie endlich leibhaftig sehen und, wenn es geht, sogar anfassen!"

Der Schamanismus der Neuzeit heißt Neo-Schamanismus. Er ist zu einer Art Heilslehre geworden, die den Glauben an den Materialismus auflösen und einen Weg aufzeigen soll, der zurückführt, zu einem transzendenten Weltbild, zu einem größeren Bewusstsein. Mal wird er in indianischer Kleidung praktiziert, mal untermalt mit Vokabeln aus der New Age Szene. Durch seine Verbindung zur Natur und den Naturgeistern wird der Schamanismus aber auch oft als eine neue ökologische Wahrheit oder Weg gedeutet.

Allein mit dem Kojoten

Der Neo-Schamanismus geht zurück auf den Ethnologen Carlos Castaneda. Seine Bücher über seine Begegnungen mit mexikanischen Schamanen erschienen in den 70er-Jahren auf den Bestsellerlisten, 1973 landete er sogar auf dem Cover des Times Magazin mit einer Reportage über "Magic and Reality". Die Hippi und New Age Bewegungen verquirlten Castanedas Erkenntnisse, psychodelische Drogen öffneten Kanäle, mit denen jeder selbst ähnliche Erfahrungen machen konnte und Castanedas Bücher dienten als eine Art Wegweiser zu den Welten, die sich mit Hilfe der Drogen öffneten. Auch Künstler wie Joseph Beuys gehörte zu den Anhängern. Mit Aktionen wie "I like America and America likes me", als bei der er sich 1975 drei Tage lang mit einem von den Ureinwohnern Amerikas als heilig verehrten Kojoten in einer New Yorker Galerie einschließen ließ, sorgte er nicht nur für  Aufsehen, sondern machte klar, dass  Schamanismus nicht mehr nur als spirituelle Ausdrucksform indigener Stämme anzusehen ist. In einem Interview kurz vor seinen Tod sagte er:

"Ich habe versucht, ganz absichtlich, im Bilde des Schamanen etwas zu sagen, was etwa so heißt: Wir haben einen materialistischen Wissenschaftsbegriff, der behauptet, dass alles das, was der Schamane behauptet, nicht existiert. Nun tritt aber ein Mensch, der in diesem Wissenschaftsbegriff selbst groß geworden ist – und ich habe, bevor ich Kunst studiert habe, Naturwissenschaften studiert, ich kenne also die Methodiken der exakten Naturwissenschaft genau, jetzt tritt ein Mensch auf, der durchaus die Methodik des Materialismus kennt und führt vor, das was der Schamane vorführt, dass es ganz andere Dimensionen des Lebens gibt, dass es ganz andere Kräfte in der Welt gibt, von denen der Mensch gegenwärtig systematisch durch die politischen Systeme abgeschnitten wird. Das wollte ich darstellen."

Der kalifornische Ethnologen Michael Harner gründete 1979 die Foundation for shamanic studies, die den Neo-Schamanismus etablierte, einen Schamanismus mit praktischen Anwendungen, den jeder erlernen kann. Da Michael Harner aus Kalifornien stammt, orientiert er sich vor allem an den Praktiken der dort vorherrschenden Indianerstämme, wie den Lakota Indians und ihren Schwitzhütten.

Mirko Uhlig: "In der indigenen Kultur in Nordamerika gibt es diese Schwitzhütten oder diese Sweat-Lodges. Nur ist die Frage, sehen die tatsächlich immer so aus wie die Schwitzhütten; die hierzulande praktiziert werden oder ist es nicht auch so, dass da vielleicht ein Bild hineinprojiziert wird von uns, der edle Wilde, der Indianer in Anführungszeichen, der auch im Einklang mit der Natur lebt und dann so als Folie benutzt wird, weil wir ja augenscheinlich eher so auf Kriegsfuß stehen mit der Natur, mit der Industrialisierung, mit der Ressourcenverschwendung usw. und das ist natürlich auch ein Motiv für die Leute, das hier zu praktizieren, weil sie hier ja so, ich würde mal sagen, spirituell Schrägstrich ökologisches Bewusstsein haben, wie wir mit der Natur umgehen und da ist natürlich so ein Heilungsritual a) für einen selbst und b) vielleicht auch für die Umwelt und für die Natur natürlich sehr attraktiv. Denn die ganze Metaphorik mit Mutter Erde, und Großvater Sonne und so was, das ist natürlich für die Leute sehr attraktiv. Das ist sehr bildgewaltig."

Aber auch unter Medizinern wird mittlerweile der Schamanismus als Inspirationsquelle aufgesucht. In der Ethno-Biologie beispielsweise werden die  Heilpflanzen der Schamanen auf ihre Wirksamkeit untersucht, um der Pharmaindustrie neue Impulse zu schenken. Man spricht unter Medizinern allerdings bisher nur von einem positiven Placebo-Effekt, der durch den Besuch bei einem Schamanen hervorgerufen wird, auch wenn es immer wieder zu ganz unerklärlichen Heilungen kommt. In Garmisch-Partenkirchen wird in unregelmäßigen Abständen der "Weltkongress der Schamanen" abgehalten und wer in einer Großstadt wohnt, wird dort neben Yoga Angeboten auch viele schamanistische Angebote finden, also Reisen mit Krafttieren, Seelenrückführung oder Traumvisionen. Alles Techniken, die  das positive Selbstgefühl stärken. Der Schamanismus ist längst nicht mehr nur etwas für Exoten, sondern für Jedermann.

Jutta Goldammer: "Der Schamane oder tranformation host achtet darauf, dass es den Gästen gut geht, in ihrem Wandelprozess, dass sie sich wohl fühlen, dass sie die Erfahrung machen, die ihnen gut tut und die sie brauchen werden, für ihren nächsten Schritt. Und insofern hat für mich Schamane sein was ganz einladendes, willkommendes, aber auch freilassendes, also nicht jemanden in Veränderung schubsen, auch wenn so eine Intervention auch genau das richtige sein kann, jemanden auch mal in eine unangenehme Situation zu schubsen, um Muster aufzubrechen und Freiräume zu schaffen, die sonst nicht möglich wären, aber vom Grund her, dass es etwas einladendes hat, dass derjenige, der den Raum betritt, selber die Freiheit hat, wie lange bleibe ich hier, wie lange bewege ich mich in diesem Raum und wann gehe ich auch wieder."

Mirco Uhlig: "Deshalb ist der Schamanismus, auch ein Spiegelbild der Gegenwartsgesellschaft. Weil man eben Dinge, die eigentlich erst mal intrinsisch keinen Sinn haben, sinnvoll deuten sollte.  Das ist vielleicht auch ein bisschen der Anspruch der Gesellschaft an das Individuum,  dass man seinem Leben eine sinnvolle Wendung geben kann oder muss."

Meine Schamanensitzung mit Brigitte Schmuck dauerten zwei mal drei Stunden. Sie hat mir Bilder aufgezeigt, die in mir etwas auslösten und mir bis heute Kraft schenken. Gleichzeitig aber hat mich die Schamanin beschwört, die Chemotherapie bis zum Ende mitzumachen.

Brigitte Schmuck: "Der Mensch, wenn er drauf kommt, hat den Urton in sich. So wie die Erde einen Ton hat. Und die Erde ist verbunden mit der Schwingung des Menschen. Und die Erde kann sich mit dem Menschen kompensieren und genauso umgekehrt. Also der Ton, der Ur-Ton ist seine perfekte Heilung. Und wenn er mal drauf komm, dass er mal begreift, dass er Gottes Wesen ist, weil er Energie ist, dann wird er auch das System begreifen. Denn vorher begreift er das nicht. Und das versucht der Schamane uns beizubringen, weil der Schamane hat den Ton. Er hat den Ton für den Menschen."

Als Nicht-Schamane ist es schwer, einem Schamanen zu folgen, wenn er erklärt, wie  er arbeitet, denn der Schamane bewegt sich gänzlich in einer Welt des Nichtmaterialistischen, in einer Welt der Bilder, Träume, Emotionen. Er ruft Geister, hält Seelenstränge und öffnet Lichtkörper. Alles Dinge, die in unserer Welt nicht nachweisbar sind. Darum ist es auch so schwierig, den Schamanismus zu begreifen, stammt er doch aus Kulturen, in denen nichts aufgeschrieben wurde, in denen keine Monumente gebaut wurden, irgendwelche Zeugen, die uns heute verraten könnten, wie alt der Schamanismus eigentlich ist, oder die das, was den Schamanismus ausmacht, runterbrechen auf einen kleinen beweisbaren Nenner.

Ich gelte heute als geheilt. Der Krebs ist weg. Dafür habe ich alles getan: Ich habe mich operieren lassen und bin zur Chemotherapie. Schulmedizin eben. Aber erst der Besuch bei der Schamanin hat mir für diese Dinge andere Bilder gezeigt, hat mir Vertrauen geschenkt und mich meine Krise in einem positiven Licht erkennen lassen: als eine Veränderung, die mich dem Leben näher bringt.

Mirco Uhlig: "Ich meine ob du jetzt irgendwie beweisen kannst, ob es einen Gott gibt, mit neurologischen, biologischen oder physikalischen Methoden, da stellt sich dann auch immer die Frage, warum macht man das eigentlich? Was hat man am Ende davon, wenn man weiß, Gott gibt es nicht. Es ist ja dann auch irgendwie ein Anker für Leute, ein emotionaler Anker, und dann stellt sich die Frage, möchte man das den Menschen wegnehmen?"

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