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Rang I | Beitrag vom 27.06.2015

Essayband von Milo RauVor allem eine große Lesemühe

Von André Mumot

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Der Regisseur Milo Rau (dpa / picture alliance / Anton Novoderezhkin)
Milo Rau hat irgendwo im Schreibprozess den Leser aus den Augen verloren. (dpa / picture alliance / Anton Novoderezhkin)

Milo Rau schreibt über den marxistischen Philosophen Althusser, der seine Frau erdrosselte. Das Buch besteht aus kurzen und längeren Essays und strapaziert erheblich die Geduld, weil es so wortverliebt und voller Pathos daherkommt.

Dass er gern die Realität nachbaut, das haben wir gewusst. Neu dagegen ist für viele: Er baut auch gerne Sätze – lange, ausufernde Sätze, gespickt mit jeder Menge Wissen. Einen Roman wollte Milo Rau eigentlich verfassen, hat aber erst einmal lange Material gesammelt und online gestellt: Irgendwie sollte es im fertigen Werk um den marxistischen Philosophen Althusser gehen, der 1980 seine Frau erdrosselte. Es ist dann doch erst einmal nur eine ziemlich bunte Textsammlung geworden.

Aus kurzen und umfangreicheren Essays besteht sie, diese neue Veröffentlichung, sowie aus einigen der Artikeln, die er unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung geschrieben hat. Sie zeigen einen jungen Milo Rau, der tief hineinsteigt in die verlockende Welt von Popkultur und Theorie. Begeistert ist er von den Nebelschwaden in alten Gruselfilmen, hält wenig von Tarantino, aber viel von David Lynch und zeigt sich hingerissen von – ja, ausgerechnet von Nicole Kidman.

Weil sie sich nicht, wie Rau schreibt, in ihr Leiden, sondern in den Blick Gottes verliebt habe, der ihr beim Leiden zusieht.

Sein Stil ging ihm irgendwann selber auf die Nerven

Es sind erstaunliche, aber immer wieder auch erstaunlich prätentiöse Beobachtungen, die Rau da festhält. Da wundert es gar nicht, wenn er im Nachwort zugibt, dass ihm sein abgeklärter Stil irgendwann selber auf die Nerven ging.

Es strapaziert erheblich die Geduld, das wortverliebte intellektuelle Pathos seiner Abhandlungen. Und schnell entsteht der Eindruck, dass er diese dick überformulierten Texte eben doch weniger für Leser und hauptsächlich für sich selbst geschrieben hat. Wer hofft, hier den Schlüssel zu Raus durchaus umstrittenen neueren Theaterarbeiten zu finden, muss sich jedenfalls mit einigen wenigen, dafür aber saftigen Passagen begnügen. Was er zum Beispiel nicht erträgt, ist ...

"...dieses Theaterdeutsch, das es nur auf den deutsch-deutschen Bühnen gibt. Diese Theatergefühle, die nur das deutsch-deutsche Theater kennt. Das Schlechteste von Pinter, das Schlechteste von Müller, das Schlechteste von Artaud, dazu etwas blödsinnige Schweigsamkeit, deutscher Protestantismus, deutscher Expressionismus, hysterische Verkrampftheit und eine ganz verblödete Vorstellung von Figur, Story, Handlung..."

Ein Revoluzzer, der aufräumen will

Da ist er also, der Theaterrevoluzzer Rau, der aufräumen will mit der alten Illusionskunst. Schon in einem der ersten Texte macht er klar, wie wichtig es ihm ist, diejenigen auf die Bühne zu bringen, die dort bisher nichts zu suchen hatten. So wie es im Trauerspiel des 18. Jahrhunderts die Bürger zum ersten Mal tun und damit eine Gesellschaftsrevolution einläuten durften.

Was braucht's denn nun aber konkret für ein besseres Theater? Rau stellt die Frage, ...

"...ob es nicht eine Möglichkeit gibt, das Theater wieder zu re-theatralisieren, und zwar, indem man ein Stück nicht nur scheinbar denkt, indem man es nicht nur scheinbar spielt, sondern indem man das wirklich tut."

Der Schwenk zum Reenactment und zur politischen Aktion deutet sich also schon an, wird raunend beschworen: Die Wahrheit ist bestürzend schön, sagt Milo Rau. Sein Buch aber ist, seien wir ehrlich, vor allem eine große Lesemühe.

Milo Rau: Althussers Hände
Essays und Kommentare, herausgegeben von Rolf Bossart
Verbrecher Verlag, Berlin 2014
280 Seiten, 19,00 Euro

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