Esoterik in der Ostschweiz

    Es ist eine Glaubenssache

    29:53 Minuten
    Eine Klaskugeln auf einem Boden.
    Bei leichten Krankheiten mögen alternative Heilungsmethoden helfen, aber wie ist es mit schweren Verläufen? © imago images / Westend61
    Von Susanne von Schenk · 05.09.2021
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    Engelsgläubige, Warzenbesprecher, Aura-Chirurgen – im schweizerischen Appenzell gibt es ein überbordendes Angebot für alle, die nach alternativen Heilmethoden suchen. Die Grenzen zwischen Heilung und Scharlatanerie sind mitunter fließend.
    An diesem Morgen regnet es. Kein Problem für Hanspeter Horsch. Dass der Mann viel an der frischen Luft ist, verrät sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Ich habe mich mit ihm auf dem Parkplatz in Heiden verabredet, einem hübschen Ort im schweizerischen Appenzell. Dort hat der Drogist und Naturheilpraktiker Hanspeter Horsch den Gesundheitsweg initiiert, eine mehrstündige Wandertour, auf der man über Heilkräuter aller Art informiert wird. Es geht gleich zügig bergauf, vorbei an Häusern und einem Bach.
    "Das ist der Gestaltenbach, der fließt dann ins Tal, und irgendwo mündet er dann in den Bodensee."
    So erklärt Hanspeter Horsch. Tatsächlich gehen wir durch eine Postkartenlandschaft: Hohe Tannen, der Blick schweift über weiche Hügel, an manchen Stellen blitzt der Bodensee durch.

    "Ja, vor allem dieses Grün ist immer schön in der Landschaft, auch die Vögel, die da singen. Und viele Pilze wachsen hier, und wir finden sehr viele Heilkräuter."

    Die "freie Heiltätigkeit" ist allen erlaubt

    Der Kanton Appenzell mit seiner guten Luft, mit Molken und Kräutern versteht sich als Gesundbrunnen schlechthin und wirbt auch touristisch damit. Die rund 16.000 Bewohner des Kantons sind konservativ und traditionsbewusst, sie leben von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Und haben eine rege Heilerszene. Die interessiert mich. Die malerische, zum Teil auch mystisch nebelverhangene Region in der Ostschweiz soll ein El Dorado für Naturärzte, Heiler und auch Naturheilmittelhersteller aller Art sein.

    Und bestimmt, so denke ich, zieht so ein Ort auch viele Scharlatane an. Hanspeter Horsch, Ende 60, kann auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken. Er hat in seiner Drogerie Salben aus Pflanzen gerührt und scheint ein Meister seines Fachs. Sein Wissen um Heilkräuter möchte er vermitteln. Und da ist auch schon die erste Schautafel seines Gesundheitsweges.
    "Da ist jetzt typischerweise eine Pflanze besprochen, die man auch hier finden kann. Wenn man am Fuß der Tafel schaut, sieht man schon die Blattrosetten des Spitzwegerichs. Eine Heilpflanze, die eigentlich viel zu wenig Beachtung findet. Dass es sich bei dieser Pflanze auch um eine Pflanze handelt, mit der Wunden behandelt werden können, mit der auch die Leber geschützt werden kann, wie wir das von anderen Pflanzen auch kennen, das sind so zwei, drei Highlights von dieser schönen und häufigen Heilpflanze, die man wirklich sammeln darf. Es sind die Blätter, die man sammelt, und nicht etwa die Blüten."


    Seit 1871 ist im Halbkanton Appenzell-Außerrhoden die "freie Heiltätigkeit" für jeden gestattet. Für Außenstehende etwas verwirrend - das Appenzell ist ein geteilter Kanton, bestehend aus Außerrhoden und Innerrhoden – mit unterschiedlicher Gesetzgebung für alle, die mit alternativen Heilmethoden arbeiten.
    "Man kann generell sagen, hier im Außerrhoden, wo wir uns befinden, sind die Gesetzgebungen liberaler. Man darf mehr praktizieren. Im Innerrhoden ist das schon strenger. Das hat natürlich eine lange Geschichte, weil, das Ganze fußt auch auf der Reformation, die hier stattgefunden hat. Die Kantonsteilung ist ein Produkt davon. Eigentlich haben sich die Kantone aufgrund der Konfession ergeben, die Innerrhoder blieben katholisch und die Außerrhoder haben den neuen Glauben angenommen."

    Quacksalber oder Heiler?

    Damals zogen viele Menschen in diesen Landstrich der Ostschweiz, führten Kurhäuser, eröffneten Heilpraxen oder stellten alternative Arzneimittel her. Da scheinen die Anfänge für die rege Heilertätigkeit zu liegen. In einem Bericht hatte ich dieses Zitat aus dem 19. Jahrhundert gelesen, das mich neugierig gemacht hat.
    "Das Appenzell-Ländchen ist der Schweizerische ´Doktorwinkel par excellence`. Da sind in jeder Gegend Bauchpflasterer, Schmierer und Salber nach allen Richtungen zu haben. Die Behörden sind auch so politisch, den Quacksalbern nichts in den Weg zu legen."
    Ja, meint auch der Naturheilpraktiker Horsch, einerseits gebe es im Appenzell zu wenige Kontrollen, andererseits unterliege man mehr und mehr Restriktionen.
    "Die Aurachirurgen werden sagen: ´Ich kann ja vielen helfen, das ist doch gut, das rechtfertigt den Preis.` Aber dass das nicht stichhaltig festgehalten wird, was hier geschieht, das finde ich nicht seriös. Wir müssen ja jeden Fall dokumentieren, von A bis Z, die Gespräche, die Mittel, die wir abgeben, die Therapien, die wir verordnen und zur Anwendung bringen. Wenn da etwas nicht stimmt, dann werden wir zur Räson gebeten. Ich finde, da muss man schon objektiv sein und das richtig beurteilen."
    Aurachirurgen – den Begriff habe ich noch nie gehört. Was soll das sein? Sofort fällt mir ein Widerspruch auf: Eine Aura ist ja, soweit ich informiert bin, unsichtbar. Wie kann da ein Chirurg daran schnippeln?
    Während ich darüber sinniere, schnaufen wir den Berg hinauf und Hanspeter Horsch zeigt auf die nächste Schautafel: das kleinblütige Immergrün. Die Tinktur, die man daraus herstellt, soll die Gedächtnisleistungen optimieren und die Durchblutung im Gehirn anregen. Interessant, das könnte ich mal ausprobieren.

    Auf der Suche nach Aurachirurgen

    Der Mensch ist Teil der göttlichen Schöpfung, davon ist Hanspeter Horsch überzeugt, und auch davon, dass die "Volksheilkunde" wieder mehr Beachtung erfahren und nicht zu viel dem Staat überlassen werden sollte. Der Mensch in Einklang mit der Natur, zu der für ihn eben auch die Kräuter gehören.
    "Dass wir Menschen nicht getrennt von dieser Schöpfung einfach dahinvegetieren, sondern von der Schöpfung selbst, von den Pflanzen selbst, eigentlich profitieren können - das ist mein Motor, wenn man so will. Das ist genial eingerichtet, dass es für jedes Leiden etwas Linderndes, Unterstützendes anzubieten gibt. Hier lebe ich natürlich in einem sehr naturheilkundefreundlichen Gebiet. Die Leute interessieren sich sehr dafür und schönerweise auch die Ärzte. Die haben mich immer wieder angefragt und haben Rat geholt, wenn sie was Naturheilkundliches wissen wollten."


    Ich denke immer noch an den Aurachirurgen und suche gleich auf dem Rückweg nach einem. Oder einer. Das Internet zeigt: Die Szene ist unübersichtlich. Allein zum Stichwort "Heilpraktiker in der Region" finden sich auf einem Internetportal 164 Adressen: Alternative Privatpraxen, Naturheilzentren, Pentalogen, Transmutations-Kinesiologen, Heiler, die Pulvermischungen für Pferde herstellen, Hanfkosmetikerinnen, Phythologen - und – aha, hier ist einer! - Aurachirurgen.
    Ein älterer Herr steht auf einem Waldweg.
    Hanspeter Horsch, hier auf seinem Gesundheitsweg, kennt sich als Drogist mit der Wirkung von Pflanzen aus.© Deutschlandradio / Susanne von Schenck
    Gerhard Klügl heißt er, lebt auf der anderen Rheinseite, hat ein Buch über das Thema geschrieben und gut 400 Menschen zu Aurachirurgen ausgebildet. Ich verabrede ich mich mit ihm. Ein Mann von Mitte 70, graue Haare mit Geheimratsecken, blaue Augen hinter Brillengläsern. Er erklärt sich sofort.
    "Die Aurachirugie ist kein geschützter Beruf, also den Begriff, gibt’s schon länger. Aber das Verfahren, dass man hier Organbilder und Organmodelle verwendet und auch chirurgische Instrumente einsetzt – den Weg habe ich als erster gefunden."
    Seine Praxis liegt in Rugell, einem kleinen Ort im Rheintal. Ganz aus der Nähe ist eine junge Frau zu einer Behandlung gekommen - wegen Gewichtsproblemen. Klügl wendet sich zu ihr. Arienne ist ihr Name, so sagt sie.

    Operation in der Luft

    Gerhard Klügl nimmt Ariennes Personalien auf. Sein Behandlungszimmer ist eine Mischung aus nüchternem Büro, Unterrichtsraum und esoterischem Sammelsurium mit vielen Mantra-Bildern, einer Buddha-Figur, einer Harfe. Ich setze mich an die Kopfseite des Behandlungstisches und darf das Mikro einschalten. Arienne, schwarz gekleidet, zwischen Mitte und Ende 20 und ich tragen eine Maske, Gerhard Klügl setzt seine bald ab. Überhaupt scheint er während der Pandemie durchgängig praktiziert zu haben.
    Die Aurachirurgie findet außerhalb des Körpers statt, eben in der Aura, erklärt der 75-Jährige. Er stammt ursprünglich aus Bayern, arbeitete früher beim Patentamt und ist heute führend im Bereich der Aurachirurgie. In 22 Jahren hat er sich sein Wissen aus verschiedenen Quellen zusammengesammelt und versucht, seiner Methode einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Jetzt bittet er seine Klientin, sich hinzustellen, damit er ihre Aura spüren kann. Manchmal, erzählt er, kann er sie sogar sehen. Bewaffnet mit einer großen Schere springt er dann um Arienne herum, um imaginäre Fesseln irgendwo in der Luft zu lösen. Die lässt das stoisch geschehen.
    "Den rechten Fuß bitte mal auf die Ferse stellen. So, wie ist es jetzt? Das Gefühl merken. Und jetzt bitte so die Arme bewegen, das Gefühl merken und so bleiben."


    Bei der Aurachirurgie sollen belastende Zellinformationen gelöscht und den Zellen neue Informationen vermittelt werden. Angeblich lösen sich viele Leiden auf diese Weise einfach auf, sagt Klügl.
    Ein Arzt erklärt etwas einer Patientin mit einem Organmodell.
    "Operation" außerhalb des Körpers: Gerhard Klügl mit einem Organmodell.© Thomas Karrer
    "Dass Gallensteine verschwinden, das ist oft der Fall. Wenn man nämlich am Modell operiert und die Leute spüren, dass da ein Gallenstein ist, dann ist der, das habe ich schon oft erlebt, nach einer Woche bei der Sonografie nicht mehr zu sehen."
    Gerhard Klügl kramt jetzt einen anatomischen Atlas sowie diverse Chirurgennadeln und Skalpelle hervor. Er legt Arienne den Atlas auf die Beine und pikst mit einer Nadel in die abgebildeten Organe. Dann zieht er ihr mit einer Pinzette imaginäre Fäden aus dem geöffneten Mund, hantiert mit einem Schlüssel vor ihrem Unterleib und hält eine Stimmgabel über kleine Gläser mit schwarzen Kügelchen. Zwischendurch trägt er immer wieder für den Laien unverständliche Zahlenfolgen in den Computer ein. Das verleiht der Behandlung eine gewisse Ernsthaftigkeit.
    "Wenn, nehmen wir mal an, zwei Sender die gleichen Wellenlängen haben, dann entsteht Informationsaustausch. So ist es hier auch. Das ist der Versuch, mit der Aurachirurgie an den Sender der Zelle dranzukommen und damit an die Information. Und dann spürt man: Jetzt bin ich in der Resonanz. Und dann tritt eine Situation ein, wie eine Art Führung: Wenn ich weiß, an dieser Stelle reagiert der Körper, dann weiß ich, an der anderen Stelle reagiert er auch."

    Nur Heiler und Schamanen werden konsultiert

    Es geht munter weiter. Schließlich, nach einer knappen Stunde, hat der Aurachirurg die Ursache für Ariennes leichtes Übergewicht herausgefunden – und lässt sie das Ergebnis selbst verkünden.

    "Ich bin im Vorleben verhungert." Der Aurachirurg erläutert, was es damit auf sich hat.
    "Der Grund ist der: Wenn in den Zellen die Information noch da sind, im Vorleben verhungert zu sein, und Sie beginnen zu fasten, dann schaltet der Körper den Stoffwechsel um, und zwar fast wie eine Panikreaktion. Es gibt nichts mehr zum Essen, Stoffwechsel einstellen, damit wir ja kein Gewicht verlieren, damit wir nicht wieder verhungern."
    Ob ihr denn die Behandlung geholfen habe, möchte ich wissen. Arienne nickt.
    "Das Ganze von einer anderen Seite mal anschauen. Ich habe jetzt so Aspekte bekommen, die ich vorher noch nie gehört habe. Von der Vergangenheit, wie er gesagt hat, vom früheren Leben her. Das zu akzeptieren, zu wissen, das kann ich abhaken."
    Bisher hat Arienne nur Heiler und Schamanen aufgesucht, keine Schulmediziner. Und meist ist es auch mit einer einmaligen Behandlung getan. Selten kommen Klienten ein zweites Mal. 200 CHF, ungefähr 180 Euro, wechseln den Besitzer. Bei sieben bis acht Behandlungen pro Tag scheint die Aurachirurgie durchaus lukrativ zu sein – wie auch manch andere Behandlung auf dem bunten Markt der alternativen Heilmethoden.
    Der Aurochirurg und seine Patientin wirken auf mich verstörend. Ich suche Orientierung im Heiler-Business. Georg Otto Schmid ist bei der evangelischen Kirche der Experte für Kirchen-Sekten-Religionen in der Schweiz, kurz "relinfo". Er hat immer wieder mit Heilern zu tun, vor allem, wenn etwas schiefgeht – bis hin zu Todesfällen. Ich rufe ihn an, und er lädt mich ein, ihn in seiner Beratungsstelle in Rüti zu besuchen, knapp 40 Kilometer südöstlich von Zürich.

    Rund 70.000 Heilende in der Schweiz

    Die Regale in seinem Büro quellen über von Büchern, auf den Tisch hat Georg Otto Schmid Schokolade und Wasser gestellt. Ein Berner Sennhund legt sich ihm zu Füssen und spitzt erwartungsvoll die Ohren. Schmid fährt sich durch das krause graue Haar und beginnt wie auf Knopfdruck zu reden, so schnell, als wolle er in einem Minimum an Zeit ein Maximum an Informationen unterbringen.
    "Wir schätzen in der Schweiz 300.000 esoterisch orientierte Menschen. Und wenn ich esoterisch bin, dann wirklich motiviert, auch selber tätig zu werden, selber Kurse zu machen, Ausbildungen zu machen. Heilen ist ein wichtiger Faktor. Also nehme ich an, dass jede fünfte, sechste Person, die sich esoterisch bestätigt, auch selbst heilt. Da kommen wir auf 50-, 60-, 70.000 Heilende allein im Esoterikbereich in der Schweiz, wobei das lange nicht alle professionell machen, also wirklich ein Institut begründen, das sind dann ein paar Tausend. Und da haben wir die christlich-spirituellen Heilenden nicht mitgerechnet."
    Mit ihnen kommen noch einmal 100.000 spirituelle Heiler hinzu, die Dunkelziffer ist weitaus höher. Aber finden die Menschen im Meer der Angebote das Passende? Wie kann man die seriöse Heilerin vom Scharlatan unterscheiden, der Klienten das Blaue vom Himmel verspricht, zu dem er angeblich einen besonderen Draht hat?
    "Die beste Empfehlung ist immer das soziale Umfeld. Wenn ich in meinem Umfeld Menschen kenne, die schon eine heilende Person in Anspruch genommen haben und da gute Erfahrungen gemacht haben, dann, dass ich diese Person mal anschaue und mir erzählen lasse, wie die vorgeht. Und es macht Sinn, dass ich jemanden wähle, der meine Weltanschauung teilt.
    Wenn ich esoterisch-spirituell bin, dann sind die esoterisch-spirituell Heilende sicher das Richtige für mich. Wenn ich katholisch bin, dann jemand, der in der katholischen Kirche verwurzelt ist. Und was auch eine gute Idee ist: Wenn ich Angebote habe, bei denen ich unsicher bin, dann eine Beratungsstelle kontaktieren. Da kann man mir sagen, ob gegen die betreffende Person irgendwas vorliegt oder ob sich das im grünen Bereich bewegt."

    "Wer heilt, hat recht"

    Eine Beratungsstelle wie die von "relinfo" braucht es dringend, denn in der Schweiz boomt das Geschäft mit alternativen Heilmethoden. Sogar die Krankenkasse übernimmt einige der Behandlungen. Die Erfolge der alternativen Heiler und Heilerinnen sind allerdings nicht messbar, und die wenigsten lassen sich gern in die Karten schauen. Sie spüren, lassen Energien fließen, fühlen sich zuweilen wie ein Medium, von etwas Höherem gelenkt. Manchmal hilft es, manchmal nicht, aber der Glaube an Heilung kann schon der halbe Gesundungsprozess sein, meint Georg Otto Schmid.
    "Wer heilt, hat recht, weil das Gute wirkt. Er hat Recht getan, indem er heilt. Aber das heißt nicht, dass jede Theorie, die er zur Erklärung seiner Heilmethode vorbringt, dann richtig ist. Meistens sind diese Theorien, die von spirituellen Heilern vorgebracht werden – wenn sie überhaupt versuchen, zu erklären, was abgeht – die sind weit hergeholt und wissenschaftlich nicht nachzuvollziehen. Aber die Heilung wirkt trotzdem, weil sie über diesen Placeboeffekt, diese Möglichkeiten der menschlichen Vorstellungen, funktionieren."
    Bei leichten Krankheiten mag das helfen, aber wie ist es mit schweren Verläufen? Und mit Abhängigkeitsverhältnissen vom Heiler oder Heilerin, in die man schnell hineinrutschen kann?
    "Was Menschen mir erzählen von problematischen Verläufen, das kommt so einmal die Woche vor, und dass ich wirklich üble Geschichten höre, vielleicht 50 Mal im Jahr. Das sind dann wirklich schlimme Verläufe, wo auch üble Erfahrungen gemacht werden, wo Missbrauch eine Rolle spielt, finanziell oder gar sexuell, oder dass jemand gezwungen wird, sich eine Gruppe anzuschließen.
    Da gibt es auch Heiler und Heilerinnen die versuchen, Menschen zu Anhängern zu machen, indem sie sagen: ´Nur wenn du dich an meine Regeln hältst, zu meinen Versammlungen kommst, kannst du die Heilung behalten.` Da gibt es ganz üble Figuren auch in der Schweiz, die Menschen in Not, was Heilungssuchende ja sind, das sind ja vulnerable Personen in einer empfindlichen Situation, wenn man die dann an sich bindet, ist das schon ganz, ganz fies."
    Der Besuch beim Sektenexperten ist aufschlussreich, auch, was die Aurachirurgie betrifft. Wie bei allen Heilmethoden sei auch bei dieser: Es ist eine Glaubenssache.
    "Ich muss glauben, dass Aura existiert, dass sich die Probleme in der Aura bewegen und dann kann das schon helfen. So Energieheilmethoden können hilfreich sein, wenn Menschen den Glauben teilen und wenn sie Leiden haben, die einen hohen psychischen Anteil haben."

    Fernheilungen haben Konjunktur wegen Corona

    Was Georg Otto Schmid festgestellt hat: Während der Corona Pandemie ist das Interesse an alternativen Heilmethoden gewachsen. Das wundert bei all den Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern nicht. Besonders kurios: Vor allem Fernheilungen haben großen Zulauf – eine sehr umstrittene Methode. Denn kann das funktionieren, wenn im Behandlungszimmer Fotos ausgelegt und dann Heilungsenergien über mehrere Hundert Kilometer Entfernung ausgesendet werden? Georg Otto Schmidt fragt sich das auch.
    "In Corona-Zeiten war das unglaublich populär, weil Fernheiler uneingeschränkt weiterarbeiten konnten, andere Formen der Medizin waren ja vom Lockdown betroffen. Manche Fernheiler haben unglaublich profitiert. Wenn wir Oliver Brecht alias Geistheiler Sananda nehmen, der aus dem Süddeutschen stammt und im Thurgauschen wirkt, der sagt, dass er 50.000 Klienten behandelt hat seit Anfang 2020, eine unglaubliche Zahl.
    Er publiziert in seinem Telegram-Kanal Erfahrungsberichte von Menschen, die begeistert berichten, wie diese Fernheilung bei ihnen positiv gewirkt hat. Bei Geistheiler Sananda bestellt man immer ein Paket für sich und auch noch für andere aus dem sozialen Umfeld, die dann gar nichts davon wissen, dass sie beheilt werden. Das ist eine Super-Geschäftsidee die Geistheiler Sananda da hat, das floriert wirklich."
    Sananda treffe ich nicht, dafür aber Anna Fischer, ebenfalls eine Koryphäe auf dem Gebiet der Heilung. Sie hat auch schon auf Distanz geheilt. Heute aber behandelt sie direkt. Ein Bekannter hat sie mir empfohlen. Mit meinen Rückenverspannungen solle ich mal zu ihr gehen. Sie sei eine Heilerin mit besonderen Energien. Als ich sie anrufe, sagt sie, dass sie in der Pandemie keine Heilungen vornimmt. Für eine Radioreportage lässt sie sich dann aber doch erweichen. Anna Fischer wohnt in Häggenschwil, einem kleinen Dorf in der Ostschweiz, gleich links am Ortsausgang neben der Schreinerei.

    Heilen unter dem Schutz von Engeln

    Die kleine Frau mit kurzen grauen Haaren, intensiven blauen Augen und erstaunlich glatter Haut führt mit energischen Schritten durch die aufgeräumte Schreinerei, vorbei an Schleifmaschinen und großen Hobeln. Es riecht nach frischem Holz. Kaum zu glauben, dass sie 94 Jahre alt ist. Der Sohn betreibt die Schreinerei, erzählt sie, jetzt macht er Mittagspause, nur das Radio dudelt leise vor sich hin. Aus den Fenstern blickt man auf eine grüne Wiese.
    Im Garten steht eine Pyramide, das ist ihr Reich. Ihre Heilpraxis hat sie auf den Zentimeter genau ausgemessen, keine Erdstrahlen oder Gitternetze stören die Energieflüsse, erklärt Anna Fischer, während sie die Tür öffnet.
    "Das ist eine Heilungspyramide. In Ägypten sind es Konservierungspyramiden. Das hier hat einen anderen Horizont. Das muss genau stimmen, Erd- und Wasserstrahlen oder Gitternetz verschieben sie, aber die hier ist frei."


    Der Raum ist einladend. Ein großer Rosenquarz in der Ecke, an den Wänden Engelsbilder, diverse Kissen auf zwei Liegen und auf dem Tisch in der Mitte eine große Schale gefüllt mit Glaskugeln unterschiedlicher Größe. Vom Deckenfenster fällt Licht hinein, ein "Energiestrahl". Die Erzengel Michael und Rafael oder einer aus ihrer großen Engelschar schicken die Energie, sagt Anna Fischer. Vor jeder Behandlung bittet sie die Engel, dass ihr keine Fehler unterlaufen. Sie könne diese Verbindung nicht erklären, ebenso wenig wie die Bedeutung von Ameisen oder warum Vögel Tausende Kilometer südwärts flögen.
    Eine ältere Frau steht in einer Holpyramide, die auf einem Feld steht.
    Anna Fischer hier noch in ihrem Reich – die "Heilungspyramide" im Garten. Wenige Woche nach dem Besuch unserer Autorin ist sie verstorben.© Deutschlandradio / Susanne von Schenck
    "Ich verbinde mich mit ihnen, damit ich arbeiten kann. Ich merke gleich, welcher der Richtige ist, ob er mir hilft. Der Erzengel Michael hat weltweit vielleicht 1000 Engel, die ihm helfen. Es gibt diese Verbindung. Wir können das einfach nicht erklären. Die kleinste Ameise hat ihre Bedeutung und jeder Vogel fliegt Tausende Kilometer südwärts und wieder zurück. Die Welt ist einfach wunderbar."
    Anna Fischer platziert mich auf einem roten Sessel und setzt sich selbst auf einen Schemel gegenüber. Sie nimmt meine Hand und erspürt Blockaden in den Fingern. Dann tastet sie Nacken und Kopf ab. Auch da knirscht es. Zuweilen schmerzt es, sie geht auch energisch vor. Bevor der Schmerz bei mir ankommt, spürt sie ihn schon. "Aua!", ruft sie: "Hier ist etwas blockiert!"
    Durch Meridiane und Chakren müsse die Energie wieder fließen, sagt Anna Fischer und lässt ein Ozongerät über meine Hände laufen. Es ist etwas größer als eine elektrische Zahnbürste, vibriert und schickt Schallwellen ins Gewebe, sagt sie.
    "Jetzt mache ich, dass die Energie wieder fließt. Da ist der Lungenmeridian, der fließt jetzt, und wenn es wieder durchgeht. Da ist der Dickdarm."

    "Das kann man nicht lernen"

    Schon als Kind spürte sie Dinge, die anderen verborgen blieben. In ihrem böhmischen Heimatort wurde sie deswegen als Hexe beschimpft und verspottet. Das habe ihr aber nicht so viel ausgemacht, weil sie sich von "denen da oben" beschützt fühlte.
    "Ich habe darunter gelitten, weil auch die Geschwister sagten: Die hat Halluzinationen, die spinnt, du bist nicht normal wie die anderen. Aber ich habe mich damit, was von oben kommt, so wohl gefühlt, dass es mir nicht viel ausgemacht hat. Ich dachte, die da oben haben dich gern. Alles andere ist Nebensache."
    In den Wirren des Zweiten Weltkriegs kam sie in die Schweiz, heiratete einen Schreiner, brachte fünf Kinder zur Welt und arbeitete als Köchin. Als sie feststellte, dass sie mit ihren Energien auch Blockaden und Verspannungen lösen konnte, fing sie an, Menschen zu behandeln. Es seien vor allem die Selbstheilungskräfte, die aktiviert würden – manchmal mithilfe der Schutzengel.
    "Ja, ich muss alles spüren. Das ist ein Geschenk. Das kann man nicht gut lernen. Ich muss die Menschen anfassen, und ich spüre, wo die Blockaden sind, und löse sie. Der Körper heilt sich selber oder der Schutzengel, nicht ich heile ihn. Ich löse nur Blockaden, damit er sich selbst heilen kann."


    Anna Fischers Klienten finden sie durch Mund zu Mundpropaganda. Werbung macht sie nicht. Sie stellt sich auf jeden ein, nimmt sich Zeit, hört zu. Das tut gut. Sie ist mit ihren 94 Jahren mehr als erfahren, hat eine angenehme Art. Ergo fühle ich mich wohl während ihrer Behandlung.
    Eine ältere Frau sitzt in einem Büro.
    Anna Fischer spürte schon als Kind Dinge, die anderen verborgen blieben.© Deutschlandradio / Susanne von Schenck
    Nach einer guten Stunde hat sie meinen Körper durchgewalkt und mit Ozongeräten und Heilcremes "in Fluss gebracht". Anna Fischer wirkt etwas erschöpft, ich hingegen fühle mich wie neu geboren.
    "So, jetzt legen Sie sich in der Pyramide hin und entspannen sich. Die Energie kommt runter, und alles wird gut."
    Ob alles gut wird, muss sich weisen. Immerhin ziehe ich mit einem positiven Gefühl und einem gestärkten Rücken von dannen. Irgendeiner der vielen Engel hat es offenbar gut mit mir gemeint.

    Nebenjob: Warzenbesprecher

    Auf meiner Liste der verblüffenden Heilkünstler im Appenzell steht auch der Name Nikolaus Nauer, Gebetsheiler. Ihn muss ich nicht im Internet suchen. Er ist der Vater meiner Reitlehrerin. Wenn man zu seinem Hof möchte, führt der Weg auf einer Buckelpiste durch den Wald. Grub, die Appenzeller Gemeinde, zu der er gehört, ist nur ein paar Kilometer entfernt. Der Wald öffnet sich auf einen kleinen Hof mit einer Pferdeplastik am Eingang. Etwas weiter hinten liegt der Reitplatz. Von dort aus blickt man hinunter zum Bodensee. Alles sehr beschaulich. Nikolaus Nauer geht in den Stall.
    "Wir sind auf dem Bauernhof, der jetzt meiner Tochter gehört und im Kuhstall. Früher hatten wir Milchkühe und nachher Mutterkühe. Und jetzt sind es noch Aufzuchtrinder, die wir hier im Stall haben. Zugleich sind nebenan die Pferde für den Schulbetrieb meiner Tochter."
    Im Stall ist es dunkel, und es riecht nach Heu. Links stehen die Rinder in einem offenen Stall, rechts schauen die Pferde aus ihren Boxen heraus – alle unter einem Dach.
    "Diese Kombination sieht man in der Schweiz schon noch, weil so kleine Betriebe, die haben nebenbei noch Pferde. So hat es bei mir auch angefangen. Ich war eigentlich Landwirt, Milchbauer und habe nachher auch mit den Pferden begonnen und so mehr und mehr. Heute ist der Haupteinnahmezweig die Pferde."
    Nikolaus Nauer ist ein bodenständiger Landwirt - und Heiler auf Anfrage. Meistens behandelt er Warzen – mit Gebeten, die er von seinem Vater übernommen hat und die er nicht verrät.
    "Mein Vater machte das schon, seit ich mich erinnern kann und sein Vater auch, also mein Großvater, aber den kannte ich nicht. Mein Vater war in der Innerschweiz aufgewachsen, auf dem Berg oben, zur Schule hatten sie eine Stunde. Wahrscheinlich aus der Not kam es, denn bis ein Tierarzt da oben war, das konnten sie sich nicht leisten, und dann wurde ein Heiler gerufen."
    Dass er selbst Heilkräfte hat, hat Nikolaus Nauer erst mit Ende 30 entdeckt. Er sei da durch seinen Vater reingerutscht, der habe ihm die Gebete beigebracht. Bisher hat er in seiner Familie noch keinen Nachfolger gefunden.

    Selbstheilungskräfte werden aktiviert

    Der Gebetsheiler und Warzenbesprecher wird auch gerufen, wenn Tiere krank sind.
    "Tiere – das sind vor allem Pferde und Kühe, bei Pferden sind es Warzen, bei Kühen Flechten. Das ist vor allem im Herbst Thema. Im Monat habe ich so um die 20. Die Warzenbehandlung kostet bei mir je nachdem, ich bin da flexibel, nicht mehr als 20 Franken. Ich muss nicht davon leben. Und ich sage immer, es geht ja nicht lange, und ich kann hier nicht für fünf Minuten einen Fantasiepreis nehmen. Für mich stimmt es."


    Leider kommt heute niemand auf den Hof, um sich von Nikolaus Nauer behandeln zu lassen. Und die Kühe und Pferde im Stall scheinen auch keine Beschwerden zu haben. Auf die Frage, wie sein Heilen funktioniere, dreht und wendet er sich. Keine Ahnung, sagt er, aber es wirke.
    Ein älterer Herr steht in einem Stall neben einem Pferd
    "Warzenbesprecher" Nikolaus Nauer glaubt, dass er die Selbstheilung aktiviert.© Deutschlandradio / Susanne von Schenck
    "Früher sagte man Hokuspokus. Als Kind hatte ich auch das Gefühl, es sei Hokuspokus. Ich glaube – vor allem bei Kindern funktioniert es sehr gut – dass die Selbstheilung aktiviert wird. Das kann ich mir nur so erklären."
    Die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren – darauf berufen sich eigentlich alle Heiler und Heilerinnen auf meiner Tour. Wunder versprechen sie explizit nicht. Das wäre vielleicht auch rein rechtlich gefährlich. Es ist zwar viel erlaubt im Appenzell, sogar die Aurachirurgie, bei der Luft zerschnitten wird. Aber eben nicht alles.

    Sieht man von Fällen von Geldschneiderei, Endlostherapien und psychischen Abhängigkeiten ab, dann schaden die meisten Heiler ihren Patienten nicht. Von der 94-Jährigen Anna Fischer und ihren Engeln würde ich mich glatt noch mal durchwalken lassen. Aber das geht nicht. Sie ist wenige Wochen nach meinem Besuch verstorben und wahrscheinlich von ihren Engeln auf direktem Weg in den Himmel befördert worden.
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