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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 15.08.2005

"Es ist zu spät"

Schriftstellerin Schrobsdorff über den Gaza-Rückzug

Moderation: Dieter Kassel

Israelische Polizisten in der Nähe der größten jüdischen Siedlung Newe Dekalim (AP)
Israelische Polizisten in der Nähe der größten jüdischen Siedlung Newe Dekalim (AP)

Die seit 20 Jahren in Jerusalem lebende Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff glaubt nicht, dass die Evakuierung einiger Siedlungen im Westjordanland zur Lösung des Nahost-Konflikts beiträgt. Die politische Maßnahme käme zu spät, sagte sie gegenüber Deutschlandradio Kultur.

Kassel: Bei mir im Studio ist Angelika Schrobsdorff. Sie wurde 1927 in Freiburg geboren, flüchtete dann mit ihrer Mutter vor den Nazis nach Bulgarien, hat später in München und Paris gelebt und seit 1983 lebt sie in Jerusalem. Frau Schrobsdorff, ein Tag wie der heutige, wo wir ja so viel Negatives hören über die Proteste, über die erwarteten Eskalationen, ist das trotzdem für Sie ein Tag des Friedens, ein schöner Tag, weil der Abzug beginnt?

Schrobsdorff: Nein, es ist kein schöner Tag. Ich war von mir selber überrascht. Ich habe gestern im Fernsehen Nachrichten gesehen, da zeigt man immer die sensationellsten Bilder, das weiß ich, aber es war schon ziemlich scheußlich, der eine zieht seinen Palmbaum aus der Erde, um ihn unter dem Arm mitzunehmen, und wenn die anderen anfangen zu zerstören, finde ich das nicht mehr komisch. Wissen Sie, ich hasse die Siedler aus ganzem Herzen, ich habe sie gehasst, wenn sie durch Jerusalem durch die Straßen gingen, Maschinengewehr auf der einen Seite, auf der Schulter das Kind, Käppchen auf dem Kopf, Kinderwagen vor sich her, ich hasse das. Wir können nicht sagen, sie haben Furchtbares angestellt, es sind hauptsächlich wieder mal die Politiker. Das ist ja gar nicht nur der rechte Likud. Die Arbeiterpartei hat vor Jahren damit begonnen, das Land zu besiedeln. Als ich das erste Mal hörte, Großisrael, das war im Jahre, ich glaube, 1972, da sprach man davon. Es ist doch eine Tatsache, dass man das immer angestrebt hat.

Kassel: Nun ist es ausgerechnet Ariel Scharon, der diesen Abzug beschlossen hat. Kann man da nicht die Vergangenheit ruhen lassen und sagen, der Abzug ist jetzt aber eine richtige Entscheidung?

Schrobsdorff: Meiner Meinung nach ist es zu spät, wie immer – und ich spreche nicht für Israel, sondern weltweit – bei den Politikern. Entweder sie sind blind oder sie sind derartig kurzsichtig, dass sie wirklich nicht über ihre eigene Nasenspitze sehen. Ich verstehe es nicht. Es ist alles zu spät, wenn Sie mich fragen. Glauben Sie, durch den Abzug aus Gaza und vielleicht die Evakuierung einiger weniger Siedlungen im Westjordanland ist die Sache gelöst?

Kassel: Was mich erstaunt, wenn ich das in den Nachrichten höre, die Bilder sehe, dass unter den Menschen, die gegen diesen Abzug protestieren, sei es in Tel Aviv oder in den betroffenen Gebieten, vor allen Dingen junge Leute sind. Sie leben seit 22 Jahren ungefähr in Jerusalem. Ist denn dieser israelische Nationalismus tatsächlich inzwischen ein Phänomen von sehr vielen jungen Leuten?

Schrobsdorff: Also ich glaube, dieser Nationalismus ist immer weiter gediehen, ob jung oder alt oder orientalische oder europäische Juden, amerikanische sowieso, der Nationalismus ist gewachsen, gewachsen, gewachsen. Man hat sie ja auch berieselt – das ist ein mildes Wort – mit Propaganda ununterbrochen. Die meisten Menschen – ich fürchte, es sind über 90 Prozent – denken ja nicht eigenständig. Sie werden ununterbrochen indoktriniert vom Kindergarten an.

Kassel: Gibt es aber nicht unter den älteren Menschen, die nicht in den letzten Jahren erst nach Israel gekommen sind, sondern die schon sehr lange da leben, egal welche Bevölkerungsgruppe es ist, auch Menschen, die jenseits jeder Ideologie es einfach leid sind, die Gewalt einfach leid sind?

Schrobsdorff: Ja, viele sind es leid. Es bilden sich auch immer wieder – das muss man anerkennend sagen – Gruppen, die dagegen protestieren, zum Beispiel die Eltern der Soldaten, die Mütter, weil sie die Brutalisierung der eigenen Kinder nicht dulden. Sie stumpfen ab und dann werden sie gewalttätig. Es gibt viele Gruppierungen, die aber immer noch in der schwächeren Position sind. Die meisten sind immer noch wahnsinnig nationalistisch, Sie müssten nur diese orangenfarbenen Bänder an den Autos sehen. Komischerweise ist das Auto das, wo sie ihre Einstellung zeigen. Also da sind diese ganzen Parolen draufgeklebt, und jetzt haben sie die Bänder, und es sind die orangefarbenen oder die blauen. Die blauen haben sich später entwickelt gegen die orangefarbenen, und die orangefarbenen sind gegen den Abzug aus den Gebieten, und die blauen für den Abzug. Die Hersteller der Bänder haben ganz fabelhaft verdient. Jetzt haben Sie an vielen Autos ein orangefarbenes und ein blaues Band. Jetzt weiß keiner mehr, was los ist, und da fragt man sich, was soll denn das? Erstens, glaube ich, wissen sie gar nicht, was sie wollen, und zweitens haben sie Angst, dass sie attackiert haben von den orangefarbenen, also von den Pro-Siedler-Typen, dass das Auto kaputtgemacht wird.

Kassel: Sie leben seit 22 Jahren in Jerusalem, und ich weiß – das kommt auch in Ihren Büchern vor -, dass eine Ihrer Lieblingsbeschäftigungen das Spazierengehen ist, ohne bestimmten Zweck einfach durch die Stadt zu laufen. Ich weiß auch, dass Sie das in letzter Zeit, glaube ich, kaum noch tun. Warum nicht? Macht es einfach nur keinen Spaß mehr oder glauben Sie, dass die Gefahr in Jerusalem für Sie größer geworden ist?

Schrobsdorff: Natürlich habe ich Angst vor Bomben, aber sie ist nicht permanent da. Wenn ein Anschlag ist, dann denkt man sich, schön ist anders, wenn man eingeklemmt ist zwischen zwei Bussen im Auto, dann kann es genauso einen treffen. Durch die öffentlichen Gärten und Parks gehe ich nicht mehr. Also sie sind alle aggressiver geworden. Es wird einem die Tasche weggerissen, wenn ich einer Gruppe pubertierender Jungs begegne, habe ich bei Palästinensern mehr Angst, weil sie sehr gewalttätig geworden sind, was man auch verstehen kann.

Kassel: Sie waren aber auch - und vielleicht sind Sie es immer noch – befreundet mit arabischen Israelis, mit Palästinensern. Ist das inzwischen schwieriger als früher?

Schrobsdorff: Es gibt verschiedene Gruppierungen auch da: Palästinenser sind in den palästinensischen Gebieten, israelische Araber und Jerusalemer Araber.

Kassel: Was unterscheidet jetzt israelische Araber von Jerusalemer Arabern?

Schrobsdorff: Jerusalemer Araber sind nur die, die in Jerusalem angesiedelt sind und die auch in den umliegenden Dörfern leben. Die israelischen Araber sind die, die geblieben sind, die im israelischen Gebiet leben.

Kassel: Und woraus rekrutiert sich Ihr Freundeskreis? Sind das verschiedene Gruppen oder sind es vor allem Jerusalemer Araber?

Schrobsdorff: Es sind ganz verschiedene Gruppen.

Kassel: Ist das schwer geworden, Freunde aus verschiedenen Gruppen zu haben, im Vergleich zu, sagen wir mal, Mitte der achtziger Jahre?

Schrobsdorff: Man muss wissen, wen man zusammen einlädt, und das ist heute schwieriger geworden.

Kassel: Warum?

Schrobsdorff: Wissen Sie, ich habe keine Angst, dass es gewalttätig wird oder so. Es könne auch mal so sein, ich bin sehr naiv und ich glaube, in meinem Haus passiert es nicht, ich meine, wenn ich einem in die Augen schaue, tut er mir nichts, sehr naiv, vielleicht kann es doch sein, aber ich möchte nicht, dass in meinem Haus irgendjemand beleidigt wird durch irgendeine Bemerkung, das ist es, und es sind eben immer irgendwelche Bemerkungen.

Kassel: Sie haben selbst – ich glaube, das darf man verraten – vor der Sendung erzählt, dass Sie sich sehr ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigen, Jerusalem zu verlassen und in Deutschland in Berlin zu wohnen. Ist das nur ein Effekt nach über 20 Jahren zu sagen, ich möchte wieder etwas Anderes, oder sagen Sie wirklich, in Jerusalem, wie es jetzt ist, kann und will ich nicht mehr leben?

Schrobsdorff: Sehen Sie, Berlin, ich komme nicht hierher mit wehenden Fahnen, absolut nicht. Es liegt mir auch sehr schwer auf dem Gewissen, dass, wenn überhaupt, ich zurückkomme. Aber es ist das kleinere Übel im Moment, und da bin ich zum ersten Mal wirklich ganz opportunistisch. Es ist für mich das kleinere Übel, und ich sage immer, von Leben ist ja bei mir in meinem Alter sowieso nicht mehr viel drin, aber ich sage, es stirbt sich leichter in Deutschland, schon durch die Sprache, an die ich natürlich sehr gebunden bin, und die Krankenhäuser sind angenehmer, sauberer usw.

Kassel: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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