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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 17.09.2007

"Es hat sich hingezogen"

Medienkritiker Hafkemeyer zur ersten Sendung von "Anne Will"

Moderation: Jürgen König

Anne Will, noch in der alten "Tagesthemen"- Dekoration. (AP Archiv)
Anne Will, noch in der alten "Tagesthemen"- Dekoration. (AP Archiv)

Der Medienkritiker Jörg Hafkemeyer hat die Premierensendung von "Anne Will" als langweilig beschrieben. Allerdings habe dies nicht so sehr an der Moderatorin gelegen, sondern an den Politikern auf dem Podium, SPD-Chef Kurt Beck und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). "Beck und Rüttgers, die waren eigentlich die Bremser", sagte Hafkemeyer.

Jürgen König: "Rendite statt Respekt - wenn Arbeit ihren Wert verliert". Darüber sprach Anne Will gestern Abend in weitläufiger orange-beige-braun gehaltener Studiodekoration mit SPD-Chef Kurt Beck, mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen, mit dem Telekom-Chef René Obermann und der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann.

Eingeladen auch eine ehemalige Bauingenieurin und jetzige Call-Center-Mitarbeiterin Kerstin Weser, die für fünf Euro pro Stunde täglich 130 Kilometer zur Arbeit fährt. Und eingeladen war auch der Psychotherapeut Bernd Sprenger, der Patienten behandelt, die Arbeit, oder die die Angst vor dem Verlust der Arbeit krank gemacht hat.

Die Erwartung an diese erste Sendung "Anne Will" waren hoch gesteckt. Im Studio bei uns der Medienkritiker Jörg Hafkemeyer, Professor für Journalismus an der Universität der Künste in Berlin. Guten Morgen, Herr Hafkemeyer!

Jörg Hafkemeyer: Guten Morgen!

König: Hat Ihnen die Sendung gestern gefallen?

Hafkemeyer: Ich fand sie langweilig.

König: Gut. Dieses vorweg. Richtig generallangweilig oder gab es auch Dinge, wo Sie gesagt haben ...

Hafkemeyer: Es hat sich hingezogen. Also es gibt schon Unterschiede zu der Sendung von der Sabine Christiansen. Ich finde, dass die Anne Will besser fragt und sie hört auch besser zu.

Es ist ja eine weit verbreitete Eigenschaft bei Fernsehzuschauern und beim Publikum auch, an den falschen Stellen zu fragen und an den falschen Stellen die Ohren zuzumachen. Das tut sie nicht. Aber die Politiker haben auch nicht eine Chance begriffen. Also Politik und Wirklichkeit im Fernsehen sich begegnen zu lassen, geht sowieso nicht, weil ...

König: ... das war ja einer der Grundsätze von Anne Will, die Politiker mit der Realität zu konfrontieren.

Hafkemeyer: Ja, das ist schon ... Fernsehen ist keine Wirklichkeit. Fernsehen ist eine Kunstwelt, eine künstliche Welt. Die wird inszeniert, auch in einer Talkshow. Das darf man nicht vergessen. Es ist eine Sendung gewesen, die gut angekommen ist bei dem Publikum. Das muss man sagen.

Es haben ja über fünf Millionen geguckt. Also die hat gestern Abend nach dem Tatort, der mit 8,2 Millionen Zuschauern angesegelt kam, also eine gute Vorlage für die Sendung, hat sie die beste Einschaltquote am ganzen Abend gehabt. Vor allen Filmen, die gelaufen sind. Aber es lag auch nicht nur an ihr. Sie war sehr unruhig, das ist klar bei einer ersten Sendung. Also ich erinnere an die erste Sendung von Sabine Christiansen ...

König: ... die Sie mit aus der Taufe gehoben haben.

Hafkemeyer: Ja. Das war eine absolute Unruhe. Dagegen war das hier schon sehr viel besser. Aber sie hat etwas, das ist, sie kann Sympathieträger werden, finde ich an dieser Stelle. Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass der Teleprompter fehlt, den es bei den Tagesthemen gibt. Hier muss man frei sprechen und Sie haben ja fast alle, denke ich, die Unruhe gemerkt, vielleicht auch Nervosität.

Und alles, was sie vorher gemacht hat, hat sie bisher besser gemacht. Nun ist das aber möglich, sich hier zu steigern. Also das ist wahr. Wenn sie auf Gesprächspartner trifft, die auch Lust haben, zu debattieren und nicht so Chancen liegen lassen, wie gestern der SPD-Vorsitzende.

König: Nun könnte man ja auch das, was Sie langweilig nennen, irgendwie ruhig nennen und sagen, ja, da spricht jemand unaufgeregt, da lässt jemand auch die Leute ausreden, geht nicht so zielgerichtet ran. Kann man das auch so sagen, weil Sie sagen, Anne Will sei ein Sympathieträger, dass es genau das sein könnte, was viele Menschen gerne an ihr auch mögen?

Hafkemeyer: Das ist möglich. Ich glaube ja auch, dass am Sonntagabend die Leute nicht Streit wollen. Und es ist ja auch ein Unterhaltungsformat, diese Talkshow. Es ist ja erst in zweiter Linie ein Politikformat. Auch wenn das vielleicht von der ARD manchmal anders dargestellt wird.

Die Leute wollen am Sonntagabend unterhalten werden. Gut, der ARD-Programmdirektor Struve hat gesagt, wir machen das Thema der Woche auf. Ja, ja. Das ist aber gestern so nicht passiert, weil es waren ein virulentes Thema aus den zurückliegenden Wochen.

König: Ja! Und große Themen. Mindestlohn, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Verpflichtung des Kapitals. Kam für Sie bei diesem Gespräch etwas heraus? Neue Erkenntnisse, Gedanken?

Hafkemeyer: Ja, nach dem Neuigkeitswert darf man in Talk-Shows nicht fragen. Also wenn man sich dem einer Talk-Show so nähert, dann wird man immer enttäuscht sein.

König: Gut. Aber ich meine, wenn viel intelligente Menschen sich eine Stunde lang über ein Thema unterhalten, kann man doch erwarten, und sei es mal ein schöner Gedanke, von mir aus eine Formulierung, irgendetwas, was hängen bleibt.

Hafkemeyer: Ja. Das meine ich auch. Also interessante Gedanken waren nicht dabei. Ich hätte von Jürgen Rüttgers auch mehr erwartet. Er hat ja nun die große Chance gehabt, für sein Buch Werbung zu machen gestern in der Sendung, das er am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, dass da vielleicht ein paar interessante Gedanken gekommen sind.

Beim Parteivorsitzenden Kurt Beck von der SPD, das fand ich also wirklich enttäuschend, muss ich sagen, weil er hätte eigentlich punkten können, auch gegen Rüttgers. Das hat er nicht getan. Er hat bräsig gesprochen wie immer, und man merkt natürlich auch einer Sendung dann an: Sie verliert an Spannung, sie verliert an Tempo, wenn du wenig temperamentvolle Menschen hast.

Sie war am stärksten, als sie mit den Leuten im Publikum gesprochen hat. Da war Anne Will am stärksten, fand ich. Da war sie am authentischsten, und da war sie am natürlichsten. Und da musste sie auch nicht Rücksicht nehmen auf dieses Gespreizte von den Politikern.

König: Also politisch denken, persönlich fragen, geht eben bei Zuschauern noch am besten. Sie hat dreimal bei Kurt Beck nachgefragt, ob denn nun Hartz IV und ob der Mindestlohn wirklich nötig ist oder ob die SPD nur ein Thema brauche. Ich meine, hätte sie mehr machen können?

Hafkemeyer: Nö. Bei Kurt Beck nicht.

König: Also wir reden ja nicht über Kurt Beck hier, sondern über Anne Will. Also sie hat das alles schon gut gemacht.

Hafkemeyer: Sie hat das richtig gemacht, fand ich. Die Langeweile der Sendung lag auch nicht so sehr an ihr. Die Sendung hatte schon eine ordentliche Dramaturgie, fand ich, für eine Talkshow. Das ist ja nicht so schwierig. Das sieht immer einfach aus und die Leute denken, da setzt man sich hin und quatscht eine Stunde. So ist es ja auch nicht. Da ist viel Vorbereitung und viel Arbeit drin. Das hat man auch gesehen. Die Sendung hatte eine ordentliche Dramaturgie.

Es lag überwiegend, würde ich sagen, zu 75 Prozent an den Gesprächspartnern, nicht an denen im Publikum. Die fand ich viel interessanter als die, die in der Runde waren. Was der Obermann sagt, ist klar, was der sagt. Das war von vornherein klar. Das hat er schon einmal an dieser Stelle gesagt. Da saß bloß nicht Anne Will da drin, sondern Frau Christiansen. Aber Beck und Rüttgers, die waren eigentlich die Bremser. Das muss man sagen fairerweise.

König: Hätte man originellere Gesprächspartner finden können?

Hafkemeyer: Schwer. Das ist wirklich schwer. So wie Politik konstruiert ist im Augenblick in Berlin, ist dies schwer. Sie haben die Heiner Geißlers nicht mehr. Wenn man noch weiter zurückgeht, haben sie auch die Herbert Wehners nicht mehr oder Thomas Dehlers nicht mehr oder Carlo Schmids nicht mehr. Die haben sie nicht. Sie haben dieses Langweilige. Das haben sie überwiegend. Das muss man sagen.

Für die Publizistik und für Journalismus und Fernsehjournalismus ist es natürlich sehr betrüblich, dass sie so viele Langweiler haben, die sich nichts trauen, die immer nach den einzelnen Flügeln schielen, die im Studio nicht anwesend sind, aber in den Parteien.

König: Ja. Es hat ja das Wort viel gegeben "Hart aber fair. Plasberg. Zart aber fair. Anne Will". Ich meine, Plasberg hat in seiner Sendung ja oft genug sehr lebhafte Gesprächspartner, die durchaus nicht langweilig sind. Also wenn Sie sagen, es ist schwer bessere Leute zu finden und einzuladen.

Denn wir reden ja hier auch nicht nur über eine neue Moderatorin, sondern auch über eine neue Sendung, die vielleicht so neu auch gar nicht ist. Aber die ja doch den Anspruch hatte, auch ein neues Sendeformat zu sein.

Hafkemeyer: Ich bitte Sie aber zu beachten, dass Plasberg genau aus diesem Grunde nicht auf den Sonntagabend ist.

König: Hmm.

Hafkemeyer: Plasberg ist mit seiner Sendung "Hart aber fair" an einem Wochentag. Der Sonntagabend ist ein Abend der Unterhaltung. Nicht umsonst sind deswegen die Kultursendungen so weit nach hinten geschoben.

König: Ja, ja. Schon klar. Na gut. Sie sagten vorhin, ein Unterhaltungsformat sei das eigentlich am Sonntagabend, keine politische Sendung. Wäre es vielleicht dann nicht pfiffiger, wirklich noch jemanden hinzuzunehmen, der, ja, was ja Christiansen auch manchmal gemacht hat, eigentlich themenfremd ist, aber für einen gewissen Unterhaltungswert ... Also einen Schauspieler einzuladen oder Journalisten ...

Hafkemeyer: Wir haben gesehen, dass dies nicht funktioniert. Im ersten Jahr von "Sabine Christiansen" war die Einschaltquote, der Marktanteil, bestürzend niedrig im Mai. Der lag bei 7,5 Prozent. Wir reden gestern über 18. Und da war diese Mischung noch Politik und Unterhaltung. Und das hat nicht funktioniert. Das Publikum hat das nicht angenommen.

Und damals ist die Sendung komplett umgebaut worden, als Unterhaltungsformat mit Politikern. Das kann ja auch sehr unterhaltsam sein und das Publikum nimmt es ja auch an. Aber dann müssen sie eben auch unterhaltsame Politiker einladen! Und die gestern waren nicht unterhaltsam.

König: Glauben Sie, dass diese Sendung "Anne Will" auch so eine Institution werden wird, wie die Christiansen-Sendung es zum Schluss war?

Hafkemeyer: Ich glaube, dass das gelingt. Ich will Ihnen sagen, warum. Sie müssen sehr viel falsch machen an diesem Platz, um das nicht zu schaffen. Es gibt einen durchgängiges Fernsehverhalten. Nehmen Sie die Stadt Berlin, aus der wir senden hier, diese Sendung. Die Leute gucken um 19.30 Uhr die Abendshow. Da haben alle zu Abend gegessen. Um 20.00 Uhr werden die Tagesthemen geguckt und um 20.15 Uhr wird der Tatort geguckt oder Polizeiruf 110. Und dann wird "Anne Will" geguckt.

Es gibt keinen Fernsehtag in Deutschland in der Fernsehgeschichte, der so sich abspielt wie dieser Sonntagabend und so besetzt ist von einem Sender wie dieser Sonntagabend. Das heißt, der ganze Sozialrhythmus von Familien und Freundeskreisen richtet sich aus. Es gibt in der Woche vielleicht noch eine Sendung, wie die Tagesschau, die so viel geguckt wird, und früher war es der Presseclub mit Werner Höfer. Solche Sendungen waren Institutionen.

Und jetzt haben Sie, und das ist ganz einmalig, Sie können sich jeden Tag angucken über ein ganzes Jahr hinweg, nur diesen Sonntagabend, der sich so abspielt. Alle anderen Sender sind an der ARD an diesem Sonntagabend gescheitert. Erich Böhme mit seiner Talkshow ist gescheitert mit Sandra Maischberger damals. Stefan Aust als Nachfolger ist gescheitert. Jeder Spielfilm scheitert. Gucken Sie sich an, gestern "Ocean's Eleven", 20.15 Uhr bei RTL. Knapp vier Millionen Zuschauer. Hier wird nur geredet und es sind über fünf!

König: Ich kenne auch Freunde, für die es ein Sakrileg ist, wenn man sie zur Tatortzeit anruft.

Hafkemeyer: Ja. So ist es.

König: Also Anne Will wird ein Institution.

Hafkemeyer: Ja, das denke ich schon.

König: Ich danke Ihnen. Die erste Sendung Anne Will gestern Abend. Gesehen und für uns kommentiert von Jörg Hafkemeyer, Professor für Journalismus an der Universität der Künste in Berlin.

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