"Es gibt Orgeln, die werden sofort deine Freunde "

Von Lydia Heller |
Als erste Organistin gewann die 31-jährige Iveta Apkalna 2005 den Echo-Klassik und war auch die einzige Orgelspielerin, der jemals in der "Vogue" eine Fotostrecke gewidmet wurde. In diesem Jahr erhielt sie den Ritterschlag der Klassik-Szene: Claudio Abbado holte sie als Solistin zu den Berliner Philharmonikern.
"Ich liebe Musik, solange ich denken kann. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Mit 15 habe ich zum ersten Mal Orgel gespielt. Und ich hab’ mich total verliebt. (…) Bei meinen ersten Orgelkonzerten habe ich mich gefühlt wie ein Fisch im Wasser, von der ersten Sekunde an. Und ich bin sicher, bis zur letzten Sekunde meines Lebens wird diese Musik in meinem Leben bleiben."

Iveta Apkalna steht in ihrer Küche und macht Kaffee. Blond, zierlich und dezent geschminkt, mit Modelgesicht und übersprudelnd vor Frische und Energie. Sie spricht viel und schnell, wechselt ständig zwischen Englisch, Deutsch und Lettisch. Auf einem Arm trägt sie Söhnchen Paul, neun Monate alt, mit dem anderen bedient sie die Kaffeemaschine.

"Ja, wir Organisten arbeiten immer mit Händen und Füßen gleichzeitig... (Teller fällt runter, sie lacht) ...Oh – das macht nichts, ist egal..." (lacht) "

Nachmittage wie dieser sind selten geworden in Iveta Apkalnas Leben: keine Reise, kein Auftritt, keine Probe – einfach Alltag. Und ausgerechnet hier, in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg, lacht sie, gibt’s auch noch das Provinzgefühl dazu: Hier ist es so grün und ruhig wie in Rezekne, der kleinen Stadt im Osten Lettlands, aus der sie stammt. Hier kommt zuerst die Familie. Aber auch hier, scherzt Iveta Apkalna, sieht sie die Welt mit den Augen der Organistin. Sogar ihren Sohn:

" "Er spielt und strampelt die ganze Zeit. Und ganz rhythmisch! Schnell, schnell, schnell! Ja? (zu Paul:) Welches Stück ist das, das du jetzt spielst? Prokofjew, Toccata? Ja? Dadadadada!..." (lacht) "

Acht Monate lang war Iveta Apkalna im vergangenen Jahr auf Tour, gab fast 50 Konzerte. Zehn Tage nach der Geburt ihres Sohnes trat sie schon wieder mit den Bremer Philharmonikern auf, spielt jetzt zwei bis vier Konzerte im Monat. In Lettland, in Österreich, überall in Deutschland. Ihr Mann Jens, Toningenieur, ist immer dabei – Sohn Paul auch.

" "Am Tag des Konzertes, wenn ich morgens nicht allein im Bett liegen muss, sondern mit meinen beiden Männern – das ist so so schön. Die geben viel, die geben viel Liebe und viel Kraft und viel Energie ... und verstehen, dass Mama arbeiten muss."

"Das ist dieses Francis Poulenc Concerto für Orgel und Orchester. … Alle kennen Geige und Orchester, Klavier und Orchester... aber nicht viele wissen, dass auch Orgel und Orchester schöne Literatur hat."

Vier Stunden üben am Tag sind Pflicht, sagt Iveta Apkalna – jedenfalls, wenn sie zu Hause ist. Auf ihren Konzertreisen plant sie drei bis vier Tage ein, um sich auf die Orgel einzustellen, an der sie spielen wird. Dann sind auch 12-Stunden-Schichten keine Seltenheit.

"Es ist jedes Mal, als würde ich einen neuen Menschen kennen lernen. … Es gibt Orgeln, die werden sofort deine Freunde. ... Bei der Orgel in der Philharmonie Essen zum Beispiel spürte ich sofort: Das ist ein Freund, mit ihm kann ich spielen, was ich will und wie ich es will. Meine Lieblingsorgel im Dom von Riga dagegen ist ein König: massiv und würdevoll. Er testet immer, was ich alles kann. Da muss ich perfekt vorbereitet sein."

Prokofjews Klavier-Toccata zum Beispiel auf der Orgel zu spielen, ist nicht nur musikalisch anspruchsvoll. Es ist wie Leistungssport, lacht Iveta Apkalna. Vor Auftritten geht sie ins Fitnessstudio.

"Man muss sich vorstellen: Man sitzt, hebt gleichzeitig Arme und Beine und bewegt sie dann noch ständig. Und die Orgeltische sind oft auch mechanisch schwer zu bedienen, da muss man richtig zudrücken. ..Trotzdem will ich, dass im Konzert alles ganz leicht aussieht."

Iveta Apkalna liebt den großen Auftritt. Sie posierte für die "Vogue", besteht bei Konzerten auf einem gut sichtbaren Platz für den Orgeltisch und erscheint in glamouröser Kleidung. Die Orgel, findet sie, hat es schließlich verdient, zelebriert zu werden.

"Ich spiele zum Beispiel in goldenen Orgelschuhen – damit mein Publikum darauf aufmerksam wird, dass Organisten auch mit ihren Füßen arbeiten. Das haben viele Leute doch noch nie registriert! Und das "Vogue"-Shooting habe ich gemacht, weil ich dachte: Das ist doch genau, was du willst: die Orgel herausholen aus ihrem gewohnten Umfeld und junge, hippe Leute mir ihr bekannt machen!"

Service:
Konzert unter Abbado mit dem Orchestra Mozart am 25.10.08 in Bologna, Berlioz: Te Deum;
Konzert mit den Hamburger Philharmonikern unter Simone Young am 26. und 27.10.08 in Hamburg, Barber: Tokkata Festiva; Weitere Konzertdaten (bis November 2009) unter: www.boleroartists.com