Seit 13:05 Uhr Länderreport

Mittwoch, 17.07.2019
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 16.02.2007

"Es freut mich, dass ich nun diesen Titel bekomme"

Marcel Reich-Ranicki wird Ehrendoktor der Humboldt-Universität

Moderation: Dieter Kassel

Marcel Reich-Ranicki (AP)
Marcel Reich-Ranicki (AP)

Auch wenn es sich bereits um seine neunte Ehrendoktorwürde handelt, ist die Auszeichnung durch die Humboldt-Universität für Marcel Reich-Ranicki etwas Besonderes. Dass die Universität ihm 1938 die Immatrikulation verweigert habe, sei nicht die Schuld der Hochschule gewesen, sagte Reich-Ranicki. Es sei töricht von ihm gewesen, sich als Jude überhaupt darum zu bemühen.

Dieter Kassel: Einen großen Teil der 30er Jahre verbrachte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in Berlin und konnte da zunächst relativ unbehelligt an einem Gymnasium zur Schule gehen und auch noch bis zum Abitur kommen. Nach dem Abitur aber, 1938, wollte Marcel Reich-Ranicki studieren und bewarb sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Und damals wurde er von dieser Universität, weil er Jude war, zum Studium nicht zugelassen. Friedrich-Wilhelms-Universität hieß sie damals, Humboldt-Universität heißt sie heute. Und heute verleiht die Humboldt-Universität Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde. Wie sieht Reich-Ranicki das, für ihn ist es immerhin schon das neunte Mal, dass er so einen Ehrendoktor bekommt? Ist es diesmal doch noch etwas besonderes, weil es sich um die Humboldt-Universität handelt?

Marcel Reich-Ranicki: Es ist mit Sicherheit etwas Besonderes. Es ist schließlich die Universität der Stadt, die auf mich den stärksten prägenden Einfluss ausgeübt hat, und das ist schließlich jene Universität, die mir den Zugang zum Studium in Deutschland verweigert hat, was nicht die Schuld der Universität war. Es war töricht, sich darum zu bemühen. Es war klar, dass ich als Jude im Dritten Reich nicht immatrikuliert werden konnte. Na ja, und es freut mich, dass ich nun diesen Titel bekomme, der neunte Ehrendoktor, es sind sieben deutsche und zwei ausländische, die beiden ausländischen sind zwei besonders ehrwürdige und alte europäische Universitäten, die Universität von Uppsala in Schweden und die von Utrecht in Holland.

Kassel: Uppsala in Schweden, Herr Reich-Ranicki, das war 1972 ja auch die erste Universität, die Ihnen einen Ehrendoktortitel verliehen hat. Sie haben dort in Uppsala und auch in Stockholm ja auch unterrichtet zur damaligen Zeit. Als Sie damals das erste Mal, Uppsala, so einen Titel bekommen haben, war da das doch für Sie, Sie waren auch jünger natürlich, ein kleines bisschen doch Genugtuung, dass man Ihnen das Studium damals verweigert hatte?

Reich-Ranicki: Und auch, doch auch eine Genugtuung, dass mir der Ehrendoktor nicht in Deutschland verliehen wurde. Später zahlreich, später habe ich den Ehrendoktor in München und Düsseldorf, Bamberg und Augsburg bekommen, verschiedene Universitäten. Aber damals war es der erste, und das war eben ein ausländischer.

Kassel: Sie haben selber gesagt, es war töricht, 1938 überhaupt sich zu bewerben als Student bei der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität. Warum haben Sie es trotzdem gemacht? Haben Sie es damals nicht gewusst, dass es keinen Sinn mehr machte?

Reich-Ranicki: Ich war der Ansicht, dass es keinen Sicht mehr machte, aber mein Deutschlehrer, der mir sehr wohl gesonnen war und der ein sehr anständiger, mich glänzend behandelnder Mensch war, versuchte mich zu überzeugen und hat mich schließlich mit dem Satz überzeugt: Was riskieren Sie? Gehen Sie hin! Mehr kann ja nicht passieren, als dass man Sie ablehnt. Und das ist dann auch erfolgt.

Kassel: War das damals für Sie demütigend? Sie haben aus heutiger Sicht gesagt, die Universität konnte nicht mal was dafür, die Zeiten waren so. Haben Sie das damals so gelassen genommen?

Reich-Ranicki: Na ja, ich war betrübt. Ich hatte keine Zeit, es als demütigend zu empfinden, weil ich von einer ganz anderen Frage besessen war, nämlich, was soll ich denn eigentlich tun? Abitur, na und, was weiter?

Kassel: Wie haben Sie denn damals, als Ihnen klar war, Universität ist nicht der nächste Schritt, das steht Ihnen nicht offen, das weiter für sich beantwortet? Also ich rede jetzt wirklich vom Sommer 1938, als Sie auch noch in Berlin waren.

Reich-Ranicki: Nein, es gab keine Antwort. Ich arbeitete in einem Exportgeschäft, na ja, aber das war ohnehin nicht lange, und dann wurde ich von der Berliner Polizei verhaftet und deportiert in Richtung Polen.

Kassel: Ende des Jahres 1938 war das, da mussten Sie zwangsweise Berlin wieder verlassen. Sie haben trotzdem vorhin ja schon gesagt, dass Berlin eine Stadt war, die Sie sehr beeindruckt hat, und bis heute hallt das nach. Ist das Berlin, das Sie beeindruckt hat und an das Sie heute denken, immer noch das von damals, oder hat die Stadt diese Faszination später auf Sie auch wieder ausgeübt?

Reich-Ranicki: Die Faszination übt die Stadt immer noch aus. Aber Berlin heute ist eine ganz andere Stadt als damals. Wollen Sie den wichtigsten Unterschied kennen?

Kassel: Unbedingt!

Reich-Ranicki: Die Juden sind nicht da. Die Juden, die die Philharmonie füllten und die Theater und die Opernhäuser, die sind nicht da. Deswegen wird Berlin solche Opern- und Theaterhäuser wie einst wohl kaum in absehbarer Zeit haben.

Kassel: Das Fehlen der Juden in Berlin und ja auch in anderen deutschen Städten, ist das auch ein Fehlen in der Literatur, weil Sie haben jetzt Oper und Theater nur erwähnt?

Reich-Ranicki: Ja, ja, hat auch damit zu tun. Das kann sich jetzt ändern. Es sind ja Juden aus Russland gekommen, und unter denen sind nicht wenige literarisch begabte. Das kann man nicht voraussagen, was das bringen wird.

Kassel: Lassen Sie uns doch, kurz bevor Sie diese neunte Ehrendoktorwürde bekommen, ganz kurz noch reden, Herr Reich-Ranicki, über die Bedeutung, ja, einer akademischen Ausbildung in der Literatur. Es gibt natürlich berühmte Schriftsteller, die waren selber Akademiker. Es gibt berühmte Schriftsteller, die hatten, weil sie nicht wollten oder weil sie auch nicht die Chance hatten, nie etwas zu tun mit einer Hochschulausbildung. Ist das für Literatur wichtig?

Reich-Ranicki: Ach ja, nein, also natürlich. Gerhard Hauptmann und Thomas Mann haben nichts studiert, ja, sie haben nicht mal Abitur gemacht, weder Thomas Mann noch Gerhard Hauptmann. Es sind ja ganz erfolgreiche Schriftsteller dennoch geworden. Übrigens: Heinrich Mann hatte auch kein Abitur. Studiert, na ja, es haben viele Schriftsteller Jura studiert, Juristen, also Goethe, Kurt Tucholsky, also sehr viele verschiedene Autoren. Es hat ihnen nicht geschadet. Es hat ihnen vielleicht doch genutzt, einen günstigen Einfluss auf ihr Werk ausgeübt. Juristisches kommt ja bei Goethe in seinem Oeuvre nicht selten vor, im Faust beispielsweise.

Kassel: In der Tat, das ist sozusagen Vertragsrecht, was da vorkommt. Würden Sie denn, wenn ich das jetzt so höre, was Sie über das Jurastudium auch unter Schriftstellern gesagt haben, Herr Reich-Ranicki, einem jungen Menschen, der einerseits sich für Literatur interessiert und andererseits studieren möchte, eher zu Jura raten als zu Literaturwissenschaft oder gar Germanistik?

Reich-Ranicki: Bei ganz starker Begabung würde ich zu Literatur raten. Aber bei wirklich starker Begabung, sonst Jura. Er soll mal einen Beruf haben, Rechtsanwalt oder Staatsanwalt oder Richter, irgendwas, und daneben zu schreiben versuchen, und dann kann er den Beruf so aufgeben, wie es Herr Goethe und Heine auch getan haben.

Kassel: Sie haben natürlich im Laufe Ihres Lebens sehr viele Universitäten von innen gesehen, inzwischen, wir haben es oft genug erwähnt, einige auch, um da die Ehrendoktorwürde entgegenzunehmen, aber eben auch viele in- und ausländische Universitäten, um dort als Gastdozent zu wirken. Aber als Student letzten Endes, das ist Ihnen nie vergönnt gewesen. Jetzt in Ihrem Alter, bereuen Sie das? Ich meine, es gibt Menschen, die studieren mit 86, 87 noch.

Reich-Ranicki: Ja, na ja, also dazu habe ich nun wirklich keine Zeit und Lust. Ich habe nie studieren können, und dabei wird es bleiben.

Kassel: Zeit und Lust, zum Schluss, ich weiß, warum Sie unter anderem immer keine Zeit haben, das ist das Thema Kanon. Ich musste ernsthaft überlegen, weil mir das noch nie begegnet ist in meinem Leben, was ist die Mehrzahl von Kanon. Ich habe mich mit mir selbst auf Kanons geeinigt, und Sie haben inzwischen die vorgelegt für Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und seit neuestem auch Essays. Ist damit die Kanonreihe eigentlich abgeschlossen, oder gibt es noch eine Kategorie?

Reich-Ranicki: Nein. Die Kanonreihe ist damit abgeschlossen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass einzelne Teile des Kanons neu, eventuell in noch erweiterter Fassung erscheinen werden. Aber hierüber kann ich nichts Näheres sagen. Es ist noch zu früh.

Kassel: Sozusagen das Autorengeheimnis. Herr Reich-Ranicki, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen, auch wenn es schon das neunte Mal ist, viel Vergnügen auch bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität.

Reich-Ranicki: Vielen Dank! Auf Wiedersehen!

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Späte Würdigung

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur