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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.11.2011

"Es braucht immer so einen sehr präsenten Vorfall"

Netzwerk-Geschäftsführer über Präventionsprojekte gegen Rechts

Sebastian Drefahl im Gespräch mit Andreas Müller

Sebastian Drefahl: "Im ländlichen Raum gibt es halt wenig andere Angebotsstrukturen." (AP Archiv)
Sebastian Drefahl: "Im ländlichen Raum gibt es halt wenig andere Angebotsstrukturen." (AP Archiv)

Der Geschäftsführer vom Netzwerk für Demokratie und Courage, Sebastian Drefahl, beklagt mangelnde Unterstützung bei der Prävention von Rechtsextremismus. Für seine Arbeit gebe es "Hürden" und eine finanzielle Förderung müsse sich sein Verein häufig "erkämpfen".

Andreas Müller: Überall in Deutschland sind Rechtsextreme aktiv, zunehmend akzeptiert von der Bevölkerung, sei es, dass die NPD Ordner fürs Feuerwehrfest stellt, Jugendarbeit anbietet, Sportveranstaltungen organisiert oder ganz einfach gemütliche Abende am Lagerfeuer – Dinge, die Kindern und Jugendlichen Spaß machen. Nebenbei wird die rechte Gesinnung verbreitet. Vor allem in den neuen Ländern ist das zu beobachten, heute etwa wird in Chemnitz ein sogenanntes nationales Bildungszentrum eröffnet – von Rechtsextremen.

Gegen den Einfluss der Rechten auf junge Leute engagiert sich neben vielen anderen Vereinen und Organisationen das Dresdner Netzwerk für Demokratie und Courage e.V.. Dessen Geschäftsführer Sebastian Drefahl ist jetzt bei uns am Telefon. Schönen guten Tag!

Sebastian Drefahl: Schönen guten Tag!

Müller: Ja, haben Sie eigentlich jemals damit gerechnet, dass es jemals zu einem solchen Ausmaß rechtsextrem motivierter Gewalt kommen würde, wie wir das jetzt von dieser sogenannten Zwickauer Zelle erlebt haben?

Drefahl: In meinen kühnsten Träumen nicht, ich habe immer gehofft, dass es nie so weit kommen würde, aber die Grundlagen dafür sehe ich halt schon seit zehn Jahren, seitdem ich in diesem Verein aktiv bin, und Gewalt und Sozialdarwinismus oder auch strenger Rassismus sind halt Grundlagen. Und die Menschen, die drei, haben es halt bis zur Konsequenz geführt, bis zum Ende. Überrascht hat es mich nicht, weil die Grundlagen – ideologisch – sind dafür gelegt.

Müller: Glauben Sie, dass diese Gruppierung womöglich nur die Spitze eines Eisberges ist?

Drefahl: Also ich glaube nicht, dass es die Spitze einer Terrorzellenbewegung ist, aber sie haben auf alle Fälle mit ihren Taten und mit dem, was dahintersteht, eine hohe Akzeptanz bei einigen Jugendlichen und einigen Bevölkerungsschichten, das glaube ich schon.

Müller: Was haben Sie in Ihrem Umfeld von den Reaktionen Rechtsextremer mitbekommen? Es gibt da ja schon wüste Verschwörungstheorien zum Beispiel und gar nicht so sehr eine Heldenverehrung, wie man das vielleicht erwarten könnte.

Drefahl: Also da bin ich nicht so in der Thematik drin, weil das unsere Arbeit nicht wirklich unterstützt, die Bildungsarbeit, die wir machen, und auch mit der Zielgruppe, mit der wir arbeiten – die sind weniger streng organisierte Neonazis, sondern eher Leute, die unsicher sind: Ist das nun gut, haben sie es verdient, oder ist doch schon richtig, was die gemacht oder nicht? Also da, wie die Szene da jetzt aktuell reagiert, da habe ich keine Ahnung von.

Müller: Rechtsextremismus ist jung, man wendet sich an junge Leute. Wie machen diese Gruppen das, was haben Sie da für Erfahrungen?

Drefahl: Auf vielfältigste Art und Weise, also aktuell zum Beispiel Mecklenburg: Da gibt es in Grevesmühlen ein Thing-Haus, das ist so eine Art Bildungshaus, da können junge Leute hingehen, wie Sie es auch schon in Ihrem Beitrag erwähnt haben, sich in ihrer Freizeit beschäftigen, kriegen Unterstützung, und nebenbei wird ihnen dann halt Stück für Stück eine Ideologie eingeimpft. Und das Spannende ist dann, dass wir die Jugendlichen dann später in der Schulklasse treffen und damit dann direkt konfrontiert werden, und teilweise die Jugendlichen, die dann eben nicht zu dieser Szene gehören, auch in der Klasse sitzen und damit nichts anfangen können, und da erleben wir das dann hautnah, und das ist dann schon sehr erschreckend.

Müller: Was erleben Sie denn da?

Drefahl: Dass Leute eben offen entweder sagen, jawohl, ich bin Neonazi oder ich bin Nationalsozialist – das ist aber eher ein seltener Fall. Vielmehr ist es so, dass eine indirekte Zustimmung ist, weil na ja, sie haben ja schon recht, weil sie selber vielleicht in einer Lebenssituation sind, wo sie genau nicht wissen, was als nächstes kommt, oder aber auch, sie das nur kennen.

Also gerade im ländlichen Raum gibt es halt wenig andere Angebotsstrukturen, und wenn man da nichts anderes erlebt oder aufgezeigt bekommt, ja, wieso sollte man das denn infrage stellen? Und wenn man es infrage stellt, dann ist die Antwort ganz klar: Gewalt, Ausgrenzung, bis hin, dass die Jugendlichen – und das ist ja, sagt die Statistik ja auch, dass … Drei Mal die Woche hier in Sachsen gibt es Überfälle auf Menschen.

Müller: Die nicht einverstanden sind mit der rechtsextremen Ideologie.

Drefahl: Genau, so sieht es aus.

Müller: Langeweile ist das eine, Sie haben gesagt, man wendet sich auch an unsichere junge Leute. Nun engagiert sich Ihr Verein in der Prävention. Wie machen Sie das? Stärken Sie die Unsicheren oder wie ist Ihr Vorgehen?

Drefahl: Also wir sind ja glaube ich als Netzwerk hauptsächlich dafür bekannt, dass wir mit jungen Menschen, die wir qualifizieren und ausbilden, an Schulen gehen und auch eben Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen, sodass erstmal von junge Teamenden, so nennen wir sie, mit den Jugendlichen in Diskussion kommen über eben so Themen wie, na ja, ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber – also gerade sehr sensible Themen. Und das machen wir am Lernort Schule, weil dort sind die Jugendlichen, dort ist ihr starkes soziales Umfeld auch. Und da versuchen wir, mit ihnen in Diskurse zu kommen, um zu erfahren, was schreckt sie eigentlich, also woher kommt diese Zustimmung, und dann auch aufzuzeigen: Das ist aber nicht der einzige Weg, so zu denken oder dann auch so zu handeln, sondern da gibt es auch ganz andere Möglichkeiten, die auch viel mehr Freiraum lassen, individuellen vor allen Dingen. Und das leben dann die Jugendlichen, die an die Schulen gehen, auch vor, weil die ja selber dann vielleicht drei Jahre älter sind, und das wirkt schon zum Teil, und zum anderen Teil bekommen sie auch einfach mal eine andere Meinung präsentiert.

Wahlweise können die Jugendlichen, die sich nicht trauen, eine andere Meinung in dem Schulverbund zu äußern, diese dann durch unsere Teamenden, weil die dann das moderieren, diese äußern können und dann auch mal sagen, ich finde das aber nicht gut, was ihr da die ganze Zeit äußert.

Müller: Interessanter Ansatz, also dass man da sozusagen sich auf Augenhöhe begegnet, Jugendliche, die kaum älter sind dann als ihre Klienten, wenn man so will. Das stelle ich mir als eine ganz schöne Verantwortung für einen jungen Menschen vor. Ist man da nicht schnell überfordert, wenn man so einer Horde Pubertierender gegenübersteht, die vielleicht jetzt nicht stramm rechts ist, aber dann doch eben so ein bisschen geprägt, oder auch Leuten gegenübersteht, die die Naziverbrechen verharmlosen?

Drefahl: Ja, also so eine Arbeit kann man nicht machen, wenn man nicht das Netzwerk dazu hat, und deswegen haben wir zum einen viele Partner und Partnerinnen, die uns dabei unterstützen, zum anderen ist das ein sehr hohes Betreuungslevel, was wir für die Ehrenamtlichen vorhalten müssen. Zum einen passiert das eben schon untereinander – also wir haben auch viele Ehrenamtliche, die dann eigene Betreuungsstrukturen entwickeln, also so eine Art Teambetreuung, die werten den Tag aus, bereiten den vor –, plus eben, dass wir die Jugendlichen auch weiterbilden und fortbilden, um eben für sich selbstsicherer zu werden, um sich ihrer eigenen Meinung klarer zu werden und wie sie das dann auch mit den Jugendlichen machen wollen.

Und natürlich: Die Jugendlichen kennen das aber auch selber, sie sind ja nicht so lange aus der Schule raus, sie wissen halt, wie Schule funktioniert, das ist eben unser Vorteil. Sie spielen in einem Terrain, das ihnen bekannt ist. Und bis jetzt muss ich sagen – wir haben jetzt in diesem Jahr schon 850 Tage gemacht bundesweit: Über 80 Prozent ist eher, wir gehen wieder hin. Es gibt auch Tage, wo Jugendliche sagen, nein, ich gehe da nicht mehr hin, ich gehe nicht mehr in die Schule, das war zu hart – dann müssen wir es auffangen, letztes Beispiel Chemnitz, wo jemand sie begrüßt hat mit einem "Sieg Heil" gestern, auf dem Schulhof. Also das sind dann so Momente, wo auch Jugendliche überlegen: Was mache ich hier eigentlich?

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Sebastian Drefahl vom Dresdner Netzwerk für Demokratie und Courage. Aus eigentlich allen demokratischen Parteilagern kam in den vergangenen Tagen der Ruf, man müsse frühzeitig etwas gegen den Einfluss rechtsextremer Gruppen auf junge Menschen unternehmen. Sie tun das ja seit mehr als zehn Jahren. Ja, wie sind Ihre Erfahrungen mit offiziellen Stellen? Bekommen Sie Unterstützung? Wie sieht Ihre Finanzierung aus?

Drefahl: Also offizielle Stellen sind für mich ja auch Schulen – also da bekommen wir die Unterstützung, sonst könnten wir ja nicht so arbeiten. Wir haben eine Mischkalkulation, nenne ich das mal: Wir sind ja ein gemeinnütziger Verein, also wir arbeiten nicht profitorientiert, sondern wir sind geleitet durch eine Idee. Und wir werden von Kommunen unterstützt, wir kriegen Unterstützung auch von Schulen, die teilweise die Projekttage selber bezahlen, wir kriegen aber auch Landes- und Bundesförderung zum Teil, aber das ist immer wieder ein Erkämpfen, also ein Rechtfertigen.

Gerade Präventionsarbeit wird immer unter "wirkungslos" gefasst, weil unklar ist, was da passiert – lieber ein Aussteigerprogamm als sich mit den Menschen zu beschäftigen, die noch nicht wissen, wie sie denken oder handeln sollen und wollen. Also es ist so ein … zwiegespalten: Derzeit ist es sehr schwer, weil man sehr schnell in eine Ecke gedrückt wird, in der ich mich eigentlich nicht befinden möchte. Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich bin nicht oben, nicht unten, sondern wir arbeiten gegen menschenhassende Einstellungen.

Müller: Also das heißt, dass man in Sachsen zum Beispiel schnell in eine linksradikale Ecke gedrängt wird, wenn man sich gegen rechts engagiert?

Drefahl: Es gibt Menschen, die auch im öffentlichen Leben stehen, die das äußern, und das halte ich für sehr ungünstig, weil das den Menschen, die versuchen, sich zu engagieren, noch mehr Hürden ...

Müller: Was sind das für Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, Politiker?

Drefahl: PolitikerInnen zum Beispiel oder auch Menschen, die einfach ein Ansehen haben und sagen, jawohl, bleibt lieber zu Hause und denkt im Stillen. Das funktioniert nicht, aus meiner Sicht, und das macht es dann schwer eben, wenn Leute sich aktiv engagieren wollen, ihnen dann zu sagen, doch, trau dich, mach das, sag offen, dass das nicht akzeptierbar ist, dass Leute eben totgeschlagen werden in Deutschland, nur weil sie dunkle Haare haben.

Müller: Fühlen Sie sich eigentlich von der großen Politik so ein bisschen verlassen? Also "Spiegel Online" spricht in einem aktuellen Beitrag vom, Zitat, "Schweigen der ostdeutschen Länderchefs", das ist die ganz große Politik, die sich gar nicht oder weitgehend zaghaft zu den zum Beispiel aktuellen Vorfällen, aber auch zur steten Präsenz der Neonazis im Osten des Landes äußern.

Drefahl: Zwiegespalten. Zum einen erlebe ich täglich, was in den Schulklassen oder was Lehrende mir erzählen, zum anderen transportiere ich das an Leute, die auf politischen Ebenen sind, also das "Weltoffene Sachsen", wo auch das NDC mit drin ist, die wissen um unser Arbeiten, die wissen auch, wie schwer das ist. Aber es gibt auch PolitikerInnen oder Stellen, die sagen: Nein, ihr passt nicht bei uns rein, ihr seid nicht förderfähig, weil ihr macht ja Präventionsarbeit an Schulen und das können wir nicht fördern. Also da wird schon eine sehr hohe bürokratische Hürde aufgebaut, und wir müssen uns immer wieder rechtfertigen. Also ja, es gibt schon Hürden, und zwar sehr hohe.

Müller: Drei mitteldeutsche Beratungsprojekte haben sich heute an die Öffentlichkeit gewandt bei einer Pressekonferenz, und die haben in einer Erklärung geschrieben, es fehle an der notwendigen Aufmerksamkeit staatlicher Behörden, das erst ermögliche auch diesen sozusagen Hintergrund und den Nährboden, auf dem Rechtsterrorismus wachsen könne. Sehen Sie das auch so?

Drefahl: Teils, teils. Zum einen ja: Ich glaube, dass der Fokus gerade hier … ich lebe in Dresden, 13. Februar ist bestimmt ein Schlagwort, was bundesweit bekannt ist, da werden meines Erachtens manchmal sehr komische Fokusse gesetzt, was man verfolgt und wie. Zum anderen glaube ich, dass … Der Staatsschutz und die Polizei, ja, die sollen sich um die Dinge kümmern, dass so was nicht passiert, zum anderen kann man aber nicht in die Köpfe der Menschen kriechen, da hat der Staat nichts zu suchen, da muss irgendwas … da müssen andere Menschen mit anderen Menschen kommunizieren, da muss irgendwie ein Austausch stattfinden, da muss eine Zivilgesellschaft da sein, die das auffangen kann. Und die wird derzeit abgewürgt.

Müller: Ganz kurz noch, was glauben Sie nach diesen aktuellen Ereignissen: Ist das zumindest eine Chance für Sie und andere Initiativen, vielleicht dann doch noch eine bessere Förderung oder eine kontinuierliche Förderung, was Geld zum Beispiel angeht, zu bekommen?

Drefahl: Es ist schon fast ein bisschen sarkastisch. Es braucht immer so einen sehr präsenten Vorfall. Ich habe ja die Zahl genannt, es finden drei Vorfälle die Woche statt, da werden einfach Leute angegriffen, weil sie als nicht lebenswert oder als nicht … ja, als nicht lebenswert angesehen werden. Ich hoffe, dass es auch ohne diesen Vorfall weiterhin eine kontinuierliche Förderung der Programme gibt und dass die Politik sich überlegt, doch noch mal zu gucken, welche Projekte arbeiten lange dabei, welche wirken gut, und unterstützen diese weiterhin.

Müller: Das war Sebastian Drefahl, der Geschäftsführer des Dresdner Netzwerks für Demokratie und Courage, das sich in der Prävention gegen Rechtsextreme engagiert. Haben Sie vielen Dank!

Drefahl: Ja, bis dann!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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