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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.01.2020

Erzbischof aus dem TschadReligiöse Konflikte entstehen aus ungerechter Landverteilung

Edmond Djitangar im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Afrikanische Mädchen in einem Camp, die vor Boko Haram geflüchtet sind. (Laura Boushnak/The NewYorkTimes/Redux/laif)
Islamistische Gruppen wie Boko Haram drangen auch in den Tschad ein. In dieses Camp hatten sich Mädchen vor ihnen geflüchtet. (Laura Boushnak/The NewYorkTimes/Redux/laif)

Immer wieder verüben islamistische Terrorgruppen Anschläge in der Sahelzone. Doch auch die aggressiven Missionsversuche charismatischer Kirchen und Landraub gefährden den sozialen Frieden, erklärt Erzbischof Djitangar aus dem Tschad.

Anne Françoise Weber: In den vergangenen Wochen war die Sahelzone immer wieder in den Nachrichten, die Anschläge islamistischer Terrororganisationen haben sich gehäuft. Hierzulande hat Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)  die Diskussion um ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in der Region ins Rollen gebracht.

Frankreich ist von den europäischen Ländern am stärksten vor Ort aktiv, dort, wo es früher als Kolonialmacht herrschte. Am Montag kommen die Staatschefs der G5-Sahel-Staaten Mauretanien, Tschad, Burkina Faso, Mali und Niger im südwestfranzösischen Pau zusammen. Geht es nach dem französischen Außenminister Jean-Yves Le Drian, dann sollen die Regierungen ihre militärische Zusammenarbeit verbessern und so den Kampf gegen Terrorismus verstärken.

Terrorismus gefährdet das Zusammenleben

Dieser Terrorismus geht vor allem von islamistischen Gruppierungen wie Boko Haram aus. Er beeinflusst auch das Zusammenleben der drei großen Religionsgruppen in der Region: Neben ganz verschiedenen Schattierungen des Islam gibt es hier verschiedene christliche Konfessionen, darunter vor allem eine starke katholische Kirche und neu entstehende evangelikale oder charismatische Gemeinschaften. Daneben bleiben die traditionellen afrikanischen Religionen wichtig.

Die Christen fühlen sich oft benachteiligt. Zu ihrer Situation hat vor kurzem die katholische Deutsche Bischofskonferenz eine Arbeitshilfe vorgestellt. Bei diesem Anlass konnte ich mit dem Erzbischof der tschadischen Hauptstadt N’Djamena, Edmond Djitangar, sprechen. Während des Bürgerkriegs in den 1980er Jahren war der Tschad in einen muslimisch geprägten Norden und einen christlich dominierten Süden zerfallen. Ich habe Djitangar zunächst gefragt, wie er heute die alltäglichen Beziehungen zwischen Christen, Muslimen und Anhängern traditioneller Religionen im Tschad beschreiben würde.

Edmond Djitangar: Im Alltag gibt es sozialen Austausch in der Nachbarschaft und im Viertel. Vor den 1970er Jahren war das wirklich schön, dann begann der Bürgerkrieg und es entstand Misstrauen zwischen Nachbarn. Aber heute ist es so: Wenn ein Kind geboren wird oder es einen Trauerfall gibt, spricht man natürlich gute Wünsche oder Beileid aus. Die alltäglichen Beziehungen sind friedlich.

Katholische Kirche in Tschad. (imago/Philippe Lissac/Godong )Viele Christen fühlen sich im Tschad benachteiligt. (imago/Philippe Lissac/Godong )

Mit der Weiterentwicklung der Gesellschaft und den entstehenden politischen Parteien, die mehr oder weniger von sozialen oder religiösen Ideologien unterstützt werden, verschlechtern sich die Beziehungen etwas, aber insgesamt steht es gut um den Frieden zwischen Nachbarn.

Durch den Bürgerkrieg kamen äußere Einflüsse

Weber: Aber es gibt eine wachsende salafistische Strömung im Tschad. Woher kommt sie, wird sie vom Ausland unterstützt oder ist das eine lokale Bewegung – und wie verändert sie das soziale Gefüge?

Djitangar: Ich bin kein großer Islamspezialist, aber es ist sicher, dass die Zersplitterung des Landes durch den Bürgerkrieg und auch die Rückkehr zum Frieden viele neue Ideen, Lebens- und Denkweisen ins Land gebracht haben. Sie passen nicht zu den guten, friedlichen Beziehungen, die der Islam und auch die neuen christlichen Gemeinschaften hier aufgebaut hatten. Wer jetzt kommt, hat natürlich Unterstützung im Ausland, denn er vertritt eine Strömung, die universell sein will. Natürlich haben die salafistischen Strömungen lokale Anhänger, aber auch ausländische Unterstützer, so wie alle kulturellen und religiösen Organisationen, die wir kennen.

Weber: Und die Erweckungskirchen? Spielen die eine Rolle, können sie das alltägliche Gleichgewicht zwischen Christen  und Muslimen stören?

Djitangar: Ja, auch das ist ein Phänomen, das mit der Rückkehr von Menschen aus dem Exil oder von Studienaufenthalten im Ausland entstanden ist. Sie bringen diese neuen Ideen mit. Und diese Erweckungskirchen respektieren eben nicht den anderen und seinen Glauben oder seine Sensibilität.

Aggressive Missionsversuche wecken Widerstand

Ich glaube, wenn man immer nur konvertieren will, bringt man Menschen zum Widerstand und zur Verteidigung ihres eigenen Glaubens. Das kann Konflikte mit sich bringen, zunächst unter den Christen. Aber weil es sich um eine Form des Extremismus handelt, kommt diese auch sehr schnell in Konflikt mit dem muslimischen Extremismus, der in manchen Kreisen wächst. Deswegen glaube ich, dass wir in unseren Kirchen die Schaffung neuer Organisationen ein wenig regulieren sollten. Und auch der Staat sollte dazu etwas beitragen. Die interreligiöse Plattform, die wir aufgebaut haben, kann ein idealer Rahmen sein, um über die Anerkennung von religiösen Formen zu entscheiden, wenn sie ins Land kommen.

Weber: Die islamistische Terrororganisation Boko Haram kommt aus dem Ausland – setzt sie sich jetzt auch im Tschad fest? Bringen ihre Anschläge auch Repressalien für gemäßigte Muslime mit sich? Ich weiß, dass das in Nigeria der Fall ist. Dort haben sich Christen gegen alle Muslime gestellt – gibt es ähnliches im Tschad?

Djitangar: Ich glaube nicht, dass es eine Ansiedlung von Boko Haram im Tschad gibt. Die Bewegung ist wirklich auf den Nordosten Nigerias beschränkt, die an den Tschadsee angrenzt. Ich glaube, es handelt sich um ein lokales Phänomen, das sich um Kontakte zum Islamischen Staat in der Region bemüht und auf äußere Finanzierung und Waffenlieferungen spekuliert.

Aber unser Staatsgebiet ist gut geschützt, es gab Eindringversuche von Boko Haram, aber die wurden gestoppt. Seither beschränkt man sich auf einen Abnutzungskrieg mit den nigerianischen Flüchtlingen an der Grenze, die man versucht zurückzubringen. Aber ich glaube, die Tschader sind für ein friedliches Zusammenleben im gegenseitigen Respekt.

Die Bindung an den Boden ist wichtig

Weber: Und die Konflikte zwischen Nomaden und Bauern, die den Tschad ebenso wie viele Länder der Region betreffen – gibt es da eine religiöse Komponente oder ist die Religion später zum Konflikt dazugekommen?

Djitangar: Ich glaube, es bekommt eine religiöse Dimension, weil die Akteure religiös sind. Aber in Wirklichkeit sind das Räuber: Menschen, die sich riesige Gebiete aneignen wollen für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten, vor allem für die Viehzucht oder als riesige Anbauflächen. Denn man hat gemerkt, dass Landbesitz etwas einbringt. Früher zelteten Nomaden irgendwo und zogen dann weiter.

Das bedroht die Beziehung, die die christliche oder traditionell-religiöse Bevölkerung des Südens zu ihrem Land hat. Wir sind mit der Erde sehr verbunden – in der traditionellen Naturreligion ist das unsere Mutter. Aber wenn dann Kräfte kommen und diese Verbindung zur Erde kappen, sei es durch Landkauf oder durch Vertreibung, dann ist das oft Grund für Konflikt zwischen den Gemeinschaften. Es gibt sehr viele solcher Konflikte im Süden, im Osten und im Zentrum des Landes, und dahinter steht meistens eine ungerechte Landverteilung.

Weber: Und wie können Sie als Kirche da einwirken?

Djitangar: Wir versuchen die Leute so gut wie möglich zur Vernunft zu bringen und sie auf die staatlichen Gesetze zu verweisen. Denn diese Gesetze bestimmen, welche Fläche ein Bürger erwerben darf. Wir fordern nur, dass diese Gesetze eingehalten werden. Aber vielleicht eignen sich genau diejenigen, die ein Vorbild für die Bürger sein sollten, selbst Land an. Dann schweigen sie, denn sie werden ja kaum ein Gesetz anwenden, um sich selbst bestrafen. Das halte ich für katastrophal: Wir wissen, dass diejenigen, die für Gerechtigkeit und Frieden sorgen sollten, die Menschen durch ihr Verhalten zu Aufstand und Gewalt bringen.

Der Staat soll religiös neutral sein

Weber: Sie sprechen von der Republik und ihren Gesetzen – der Tschad ist eine laizistische Republik. Ist sie wirklich neutral, oder gibt es doch eine muslimische Dominanz?

Djitangar: Ja, der Tschad ist eine laizistische Republik, das steht im ersten Artikel der Verfassung. Aber wie bei vielen unserer Gesetze ist es ein weiter Weg zwischen der Erklärung und der Praxis. Diesen Weg sollten wir verkürzen und den Menschen bewusst machen, dass Gemeinwohl vor Privatbesitz gehen sollte.

In der Regierung und in den öffentlichen Einrichtungen gibt es eine klare muslimische Dominanz. Das liegt sicher auch daran, wie die Kompetenzen verteilt sind - aber die Verantwortung in den verschiedenen Einrichtungen wird nicht geteilt. Und das frustriert die Christen manchmal, weil sie gute Ausführende sind. Aber an der Oberfläche sieht man nicht, was darunter geschieht. Deswegen wäre es gut, wenn sich in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst und auch bei den Sicherheitskräften soziale Gerechtigkeit entwickeln würde.

Ich glaube, das alles setzt voraus, dass die Tschader sich hinsetzen und miteinander reden. Es gab Dialoginitiativen, aber die haben eher an Monologe erinnert – für einen Dialog braucht man verschiedene Seiten. Wir finden, dass der Moment gekommen ist, um die Zukunft des Landes anzuschauen. Wir müssen uns hinsetzen, miteinander reden und die Texte anschauen, die unseren Staat begründen. Das sind schöne Texte. Wir haben auch schöne internationale Texte unterzeichnet, aber die Umsetzung lässt immer zu wünschen übrig.

Ein religiöser Amtseid ist unpassend

Weber: Und es gab auch Mai 2018 den Zwischenfall, dass eine protestantische Ministerin wie ihre Kollegen den Amtseid auf Allah schwören sollte. Weil sie das abgelehnt hat, wurde sie durch einen Muslim ersetzt. Das war schon die Benachteiligung einer Christin?

Djitangar: Ja, so hat man das gesehen. Aber ich glaube, man muss unterscheiden zwischen dem laizistischen Staat und der Art, wie seine Verwalter diesen Staat mit Leben füllen. Da vermischen sich persönliche Gefühle, Glaubensüberzeugungen und der Ausdruck des Respekts für den Glauben der anderen. Wir finden, dieser religiöse Eid ist unpassend in einem Staat, dessen Verfassung im ersten Artikel erklärt, dass er laizistisch ist. Darauf wollen wir hinweisen – entweder verändert man dann diesen ersten Artikel, oder man schafft das Gesetz zum religiösen Eid ab.

Diese Dame, deren Mut alle sehr bewundern, hat auf diesen Widerspruch hingewiesen, indem sie gesagt hat: Ich verpflichte mich mit dem Text der Republik der Verfassung treu zu sein, aber nicht im Namen Allahs. Denn wenn man das ins Arabische übersetzt, ist es ein muslimisches Glaubensbekenntnis: Bismillahi, im Namen Gottes. Das klingt für die Christen wie eine Treuerklärung zum Islam. Die Muslime spüren nicht, dass das die Christen sehr verstört. Es ist der erste Satz des Koran - da ist es doch normal, dass ein Christ es in Frage stellt, weil er nicht im Widerspruch zu seinem Glauben stehen will.

Die Jugend zieht in die Städte

Weber: Der Tschad ist auch von der Auswanderung seiner Jugend in den globalen Norden betroffen. Sind das mehr Christen als Muslime oder kann man da keinen Unterschied machen?

Djitangar: Nein, es gibt keine starke Auswanderung in den Norden, nach Europa. Viele gingen zur Zeit von Präsident Gaddafi nach Libyen, dort gab es Arbeit und sie wurden respektiert. Aber heute, mit allem was dort passiert, gibt es das nicht mehr. Wer dorthin geht, sucht das Abenteuer oder ist Teil von Gruppen, die in unserem Staatsgebiet nicht sehr willkommen sind.

Was uns sehr betrifft, ist die interne Migration der Jugend. Viele junge Menschen geben ihr Land auf und kommen in die Stadt, um Arbeit als Hausangestellte zu suchen oder sich mit kleinen Jobs durchzuschlagen. Man bräuchte eine Agrarpolitik, um diese jungen Menschen vor Ort auf dem Land zu halten, ihnen Möglichkeiten zu geben, Geld zu verdienen und sich eine schöne Hütte zu bauen, damit sie ihre Jugendträume verwirklichen können.

Aber ich glaube, alle gehen in die Stadt, weil sich dort leicht Geld verdienen lässt, auch wenn man dabei erniedrigt und unmenschlich behandelt wird. Sie haben keine andere Wahl. Wer ein Diplom hat, vergrößert das Heer der Arbeitslosen, weil es keine Stellen für sie gibt. Das ist das nächste Problem, die tickende Zeitbombe: die Jugend. Wenn man keine Antwort auf ihre Sehnsüchte findet, wenn man ihnen keinen Rahmen gibt, in dem sie sich menschlich entfalten können, dann kann das jederzeit explodieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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