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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.05.2011

Erzählungen aus dem Ostseeraum

Gregor Sander: "Winterfisch", Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 192 Seiten

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Strand von Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern (Thilo Schmidt)
Strand von Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern (Thilo Schmidt)

Das Baltikum, die Länder Skandinaviens und die Küste der ehemaligen DDR - hier spielen Gregor Sanders Erzählungen. Sie entwickeln sich aus einem Alltagsmoment und sammeln doch Versatzstücke ganzer Lebensläufe und Spuren menschlicher Tragödien ein.

Mit Küchenhandwerk allein ist es bei Johanna nicht getan. Ihre Tätigkeit verlangt Menschen- und Milieukenntnis, Taktgefühl und Einfühlungsvermögen, ja, bisweilen ist sie weniger Köchin denn Therapeutin. Johanna, die Hauptfigur der Geschichte "Der Stand der Dinge" in dem Erzählband "Winterfisch" des 42-jährigen Schriftstellers Gregor Sander, betreibt ein Catering-Unternehmen spezieller Art. Sie stellt sich in Privathaushalten als Köchin für besondere Anlässe zur Verfügung. Manchmal sind es, wie in dieser Geschichte, sehr persönliche oder sogar tragische Anlässe. An einem Wintertag fährt sie von Berlin nach Rügen, von dort bringt ein Helikopter sie weiter auf die Insel Hiddensee.

Im Gepäck hat sie Gerätschaften und Zutaten, um im Ferienhaus einer Familie einen Ochsenschwanz zuzubereiten. Im Lauf des Nachmittags und Abends, den sie in der Küche des fremden Hauses am Herd verbringt, beginnt sie den Grund für die angespannte, düstere Stimmung ihrer Auftraggeber zu verstehen: Die Mahlzeit ist ein Ritual, mit dem die Familie an jedem Geburtstag des verstorbenen Sohnes gedenkt. Vor über zwei Jahrzehnten wurde er beim Versuch, über die Grenze der DDR zu fliehen, von Grenzsoldaten erschossen.

Diese Geschichte enthält in nuce die erzählerischen Elemente, stilistischen Prinzipien und Verfahrensweisen, die auch alle anderen Geschichten charakterisieren. Sie entwickeln sich aus einem Alltagsmoment, aus einer reduzierten Handlung und sammeln, gleichsam nebenbei, Versatzstücke ganzer Lebensläufe, Spuren menschlicher Tragödien und biografische Verwerfungen der Zeitgeschichte ein. Gregor Sander, der 2007 mit dem Roman "Abwesend" für den Deutschen Buchpreis nominiert und für die Titelerzählung des Erzählbandes "Winter-fisch" beim Klagenfurter Bachmannpreis-Wettbewerb im vergangenen Jahr mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnet wurde, erweist sich hier als Meister des literarischen Minimalismus.

Fast immer ist eine Reise Ausgangspunkt der skizzenhaften, fast kargen, aber umso eindrücklicheren Erzählungen. Immer führen diese Reisen an oder über die Ostsee, denn ihre Geografie definiert den topografischen Spannungsraum von "Winterfisch". Das Baltikum, die Länder Skandinaviens und die Küste der ehemaligen DDR bilden den Erzählraum. Damit unterläuft der 1968 in Schwerin geborene Autor das geopolitische, den Ostseeraum in westlich-demokratische und östlich-sozialistische Hemisphären teilende Prinzip des Kalten Krieges, das 1989 politisch außer Kraft gesetzt wurde, aber bis heute in der Literatur weiter wirkt. Nicht politische Bestimmungen, sondern Natur- und Kulturgeschichte erweisen sich bei Gregor Sander als ausschlaggebend für die poetische Fantasie.

Dass diese Korrektur sich mit einer leisen, unaufgeregten Stimme vollzieht, ist einer der Vorzüge dieses Bandes, der zu den hervorragenden literarischen Veröffentlichungen des Frühjahrs gerechnet werden darf.

Besprochen von Ursula März

Gregor Sander: Winterfisch. Erzählungen
Wallstein Verlag, Göttingen 2011
192 Seiten, 18 Euro

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