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Stunde 1 Labor | Beitrag vom 13.10.2019

Erwartungen der Medien an die WissenschaftMit mutigen Thesen Orientierung stiften

Von Thorsten Jantschek

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Der Philosoph Jürgen Habermas gestikuliert mit seinen Händen. (dpa/Martin Gerten)
Die Figur des öffentlichen Intellektuellen verschwindet mehr und mehr. Hier der Philosoph Jürgen Habermas, der sich seit Jahrzehnten in öffentliche Debatten einschaltet. (dpa/Martin Gerten)

In Hamburg trafen sich Medienvertreterinnen mit politischen Theoretikerinnen und Philosophen, um über Strategien zu reden, wie man die Wissenschaft öffentlicher und die Öffentlichkeit wissenschaftlicher machen kann.

Vor rund 30 Jahren verkündete der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Ende der Geschichte: Der Sozialismus war zusammengebrochen und der Liberalismus hatte gesiegt. Sicherlich war die Diagnose schon damals übertrieben und vielleicht zu optimistisch, dennoch herrschte über eine längere Zeit die Hoffnung vor, von nun an kämen ruhigere Zeiten auf uns zu.

Doch diese Diagnose sollte sich als falsch herausstellen. Heute leben wir in einer unübersichtlichen Welt mit einer stark parzellierten Öffentlichkeit und einem Vertrauensverlust gegenüber Expertinnen und Journalisten. Die politische Theorie und die politische Philosophie stehen vor neuen Herausforderungen.

Die Soziologie ist momentan neue Leitwissenschaft

Doch Vertreter dieser Disziplinen sind erstaunlich stumm. Stattdessen liefern Soziologinnen Erklärungen und Begriffe für aktuelle Probleme unserer Zeit. Das verwundert, gibt es doch genügend Forschung auf dem Gebiet der Politischen Theorie und der politischen Philosophie, genauso wie einen riesigen Wissenschaftsapparat und so viele Studierende wie nie zuvor. 

Warum ist das so? Wieso finden philosophisch oder politologisch fundierte Erkenntnisse selten ihren Weg in die deutsche Öffentlichkeit? Genau dieser Frage widmete sich eine von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderte Tagung an der Universität Hamburg. Sie trug den Titel "Politische Theorie und Politische Philosophie in Wissenschaft und Öffentlichkeit" und fand Mitte September statt.

Journalistische Expertise ist gefragt

In einem Panel fragten Wissenschaftler die Expertise von Journalistinnen an und nicht umgekehrt, wie sonst üblich: Was wünschen sich Journalisten von Wissenschaftlerinnen? Der Berliner Philosoph Stefan Gosepath bat drei Medienvertreter, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und mit der Wissenschaft hart ins Gericht zu gehen.

"Wir wollen gerne in die Öffentlichkeit, aber wir brauchen natürlich auch Leute, die uns anfragen. Gleichzeitig ist es aber so, dass wir den wissenschaftlichen Aufsatz nicht 1:1 in einer Tageszeitung oder in einem Radiobeitrag veröffentlichen können. Es muss natürlich auch inhaltlich, didaktisch, medial aufbereitet irgendetwas geben."

Manuel Hartung von der Wochenzeitung "Die Zeit" plädierte für strukturelle Änderungen im Wissenschaftsbetrieb. Über neue Incentives, Anreize, müsse nachgedacht werden, um in die bisher sträflich vernachlässigte "third mission" der Akademie – die Öffentlichkeit – hineinwirken zu können. Das Heraustreten aus dem Elfenbeinturm müsse sich lohnen. Noch herrsche eher die Angst um die eigene Karriere vor. Der Wissenschaftsnachwuchs wolle nicht anecken. Die Zurückhaltung der Wissenschaftler habe sich zwar reduziert, bleibe aber weiterhin zu groß. 

Das Erwartbare durchbrechen

Hartung: "Wissenschaft sollte journalistischer denken. Ich würde mir wünschen, dass Sie stärker mit mutigen Befunden an die Öffentlichkeit gehen, mit Thesen, die überraschen, die das Erwartbare durchbrechen, vielleicht auch mal kontraintuitiv sind. Thesen auf einer empirischen Basis, die Sie entsprechend haben, oder auf Basis langen Nachdenkens über ein Thema, das dazu führt, dass Sie uns in der Öffentlichkeit überraschen, dass Sie sich einbringen als Teilnehmer eines Diskurses, der nicht nur die 'happy few' betrifft."

Rebekka Reinhard vom Philosophie-Magazin "Hohe Luft" argumentierte ähnlich und benannte den Mut als dringend benötigte Haupttugend von Philosophinnen und Theoretikern - den Mut also, an die Öffentlichkeit zu gehen, Genres zu überschreiten und sich pointiert zu äußern. Wissenschaftler müssten sicher nicht noch mehr nachdenken, erklärte sie, sie müssten sich einfach mehr trauen:

"Gedanken allein sind wertlos, wenn sie sich nicht von der konkreten Wirklichkeit irritieren, provozieren, aufregen lassen. Gedanken allein sind auch wertlos, wenn sie nicht die Welt verändern, zumindest ein kleines bisschen. Wichtigste Tugend eines Philosophen heute ist der Mut zur Reformation, zur Reform, zur Innovation, zur Revolution."

Gesellschaftliches Zusammenleben gestalten

Thorsten Jantschek vom Deutschlandfunk Kultur erinnerte an den im Mai 2018 vom Bundesverfassungsgericht formulierten Auftrag an den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk: das gesellschaftliche Zusammenleben zu gestalten. Und dazu werde auch öffentlich beglaubigte Expertise benötigt, die von Wissenschaftlerinnen zu erwarten sei. 

Der Deutschlandfunk Kultur könne im besten Fall Rede- und Diskursräume öffnen, doch seien Wissenschaftlerinnen als Sprecherinnen auf dem Marktplatz gefragt, um die oft emotional geführten Debatten zu versachlichen. Wichtig sei dabei, die Tiefe ihres Nachdenkens mit der Allgemeinverständlichkeit auf dem Marktplatz zu verbinden. Dabei müsse man sich aber darauf gefasst machen, auch mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden, "Fragen, die gar nicht so einfach zu beantworten sind, die aber in der Öffentlichkeit thematisiert werden."

Viele Wege führen in die Öffentlichkeit

Aber handelt es sich letztlich nicht auch um eine Typfrage, wenn es darum geht, als Intellektuelle in die Öffentlichkeit zu treten? So lautete ein Einwand. Nicht in jeder Wissenschaftlerin stecke schließlich ein Peter Sloterdijk oder Jürgen Habermas. Die Medienvertreter entgegneten, für jeden Typ gebe es angesichts der ausdifferenzierten Medienlandschaft das richtige Format.

Viele Wege führen in die Öffentlichkeit, ob einsam mit einem Plakat am Straßenrand oder im linearen Radio oder über einen jederzeit und von überall abrufbaren Podcast, so Hartung. 

Festzuhalten bleibt: Die Wissenschaft muss öffentlicher und die Öffentlichkeit wissenschaftlicher werden.

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