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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 25.07.2007

Erwachsenwerden in Bayern und Überleben in Afrika

Neu im Kino: "Beste Zeit" und "Als der Wind den Sand berührte"

Vorgestellt von Hans-Ulrich Pönack

Beste Zeit erzählt unterhaltsam zwei Teenager in Bayern auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg. "Als der Wind den Sand berührte" zeigt Menschen mit "echten" Problemen: Endlose Dürre ließ in Ostafrika die Brunnen versiegen. Deshalb macht sich eine Familie auf den endlosen Weg durch die Wüste.

"Als der Wind den Sand berührte"
Belgien/Frankreich 2006. Regie: Marion Hänsel. Darsteller: Issaka Sawadogo, Carole Karemera, Asma Nouman Aden, Said Abdallah Mohamed. Länge: 96 min.

"Als der Wind den Sand berührte" von Marion Hänsel, einer belgischen Filmemacherin, die 1949 in Marseille geboren wurde; mit Filmen wie "Dust" (1984/"Silberner Löwe" von Venedig) und "Verschwörung der Kinder" (1991) auch bei uns bekannt/geschätzt. Marion Hänsel ist aber auch als Produzentin tätig ("No Man´s Land", 200, "Oscar" für den "besten fremdsprachigen Film"); wurde 1987 in Belgien zur "Frau des Jahres" ernannt; war 1988-90/1996/97 sowie 2002/2003 Präsidentin der wallonischen Filmförderung. Ihr neuester eigener Film (B+R) entstand als Co-Produktion Belgien/Frankreich, basiert auf einem Roman von Marc-Durin Valois ("Chamelle") und erschüttert auf eindringliche berührende Weise. Thema: Wasser und Afrika. Wenn wir DAS in den Nachrichten hören, dann nehmen wir DAS bedauernd-achselzuckend zur Kenntnis, um dann "zur allgemeinen Tagesordnung" überzugehen. Jetzt, aber, wo diese Themen Gesichter bekommen, ist plötzlich Nähe, das Gefühl von Wut und unendlicher Traurigkeit gebeben; ist man mittenbdrin im aktuellen Thema.

Motto: Irgendwann-bald wird es nicht mehr nur ums Öl gehen, sondern auch um das immer knapper werdende Wasser: "Als der Wind den Sand berührte" blickt auf eine Dorf-Familie in Ost-Afrika. Dort breitet sich die Wüste immer mehr/weiter aus; die endlose Dürre lässt die Brunnen versiegen. Deshalb müssen die Dorfbewohner ihre Häuser aufgeben und mit ihren Viehherden fortziehen. Der Film erzählt von Rahne, dem Dorflehrer. Der flieht mit Ehefrau, den 3 Kindern und seiner kleinen Herde in den Osten. Dort allerdings ist Kriegsgebiet/herrscht Ausnahmezustand. Plündernde Rebellen, korrupte Soldatentrupps, die Kindersoldaten rekrutieren; unmenschliche äußere wie innere Strukturen. Einige wollen "die Stärkeren" sein und handeln "entsprechend". Schwächere, Sich-Nicht-Wehren-Könnende/-Wollende, haben keine Überlebenschance. Stichwort: Aggressive Wegelagerer, Erpressung, Landminen, Krankheiten.

Wenn Menschen sterben, wird das mittlerweile als "naturgegeben" hingenommen; stirbt ein Tier, ist man traurig. Marion Hänsel erzählt davon ohne inszenatorisches Pathos. Nicht dick anklagend, nicht tränenreich-mitleidvoll, sondern eher nüchtern "beiläufig". Als eine Art Tatsachen-Film erzählt/schildert/beschreibt sie, atmosphärisch-dicht, eine tragische Wüsten-Odyssee; passend zur aktuellen Klimawandel-Diskussion. Und wegen der nun "sichtbaren", authentischen Menschen wirkt diese familiäre Zwangsreise so tief nahegehend, so eindringlich wie schmerzlich berührend.

Dank ihrer exzellenten Schauspielerführung fügt sich die zusammengewürfelte Besetzung mit professionellen Hauptdarstellern aus Burkina Faso und Belgien sowie mit Laien aus Dschibuti zu einem überzeugenden Ensemble zusammen. Der mit einem Budget von 3,7 Millionen Euro in Dschibuti in Ostafrika gedrehte Spielfilm erreicht eine wunderbare Balance zwischen Poesie und Politik, zwischen Mitmenschgefühl und Anteilnahme/Wut. "Als der Wind den Sand berührte" beunruhigt den Kopf und hallt im Bauch noch lange nach: Ein Meisterwerk des ethnischen Unterhaltungskinos!


Beste Zeit
Deutschland 2007. Regie: Marcus H. Rosenmüller. Darsteller: Anna Maria Sturm, Rosalie Thomass, Ferdinand Schmidt-Modrow, Florian Brückner, Volker Bruch, Stefan Murr, Andreas Giebel, Johanna Bittenbinder

Der 1973 in Tegernsee geborene Drehbuch-Autor und Regisseur Marcus H. Rosenmüller hat sich - zur besseren Unterscheidung zu dem ebenfalls als Regisseur tätigen Marcus O. Rosenmüller - den Zusatz-Mittelnamen Hausham gegeben, nach seinem bayerischen Wohnort (wo er auch für die SPD im Gemeinderat tätig ist). Nach seinem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film startete H. Rosenmüller gleich stark durch. Seine augenzwinkernd zwischen Komödie, Schwank und Bauerntheater angesiedelte bayerische Mundart-Komödie "Wer früher stirbt, ist länger tot " interessierte im Vorjahr bundesweit über 1,5 Millionen Kino-Besucher. Sein 2. Kinofilm heißt "Schwere Jungs", könnte aber auch "Das Wunder von Oslo" titeln. Handelt von den "komischen" Begebenheiten unter bayerischen Bobfahrer-Dickschädeln, die bei der Winter-Olympiade 1952 in Oslo antreten. Dieser "köstliche Heimatfilm" läuft, ebenfalls erfolgreich, seit dem 18. Januar diesen Jahres in den Kinos. Und nun gleich Kinofilm 3; im Oktober/November 2006 in der bayerischen Dorf-Heimat der Drehbuch-Autorin Karin Michalke gedreht, in Tandern, im schlicht-schönen Hinterland von Dachau.

Marcus H. Rosenmüller mag Menschen: "Ich will die Menschen im Kino zum Lachen und zum Weinen bringen, und mein großer Wunsch ist es, dass sie mit einem Lächeln das Kino verlassen und sich am Leben freuen". Was woanders platt, kitschig, dämlich daherkommen würde, wirkt bei Rosenmüller, nach der Sicht seiner Filme, vollkommen normal/überzeugend/glaubhaft.

Zudem: Der Regisseur hat ein großes französisches Regie-Vorbild: Francois Truffaut. "Filme müssen eine Liebeserklärung an das Leben sein", zitiert bzw. übernimmt Rosenmüller gerne von dem leider viel zu früh verstorbenen großen Cineasten ("Die amerikanische Nacht"). Und so ist es auch nicht überraschend, wenn inzwischen von so etwas wie einer "Bayrischen Nouvelle Vague" im deutschen Kino gesprochen wird: Den Anfang machte "Die Scheinheiligen" von Thomas Kronthaler (2001), danach folgten "Hirankl" bzw. "Winterreise" von Hans Steinbichler sowie die niederbayerische Pubertätskomödie "Grenzverkehr" von Stefan Betz und dann eben und vor allem Marcus H. Rosenmüller mit seinen feinen "Späßen".

Ihr gemeinsames Anliegen: Geschichten aus der bajuwarischen Provinz zu erzählen, die sich trotz des Dialekts auch "jenseits (bzw. nördlich) des Weißwurstäquators" gut anhören. Die mit den Lederhosen-Klischees ebensowenig zu tun haben wie mit dem "sonstigen" folkloristischen Klamauk. Also: Nunmehr neue wie "richtige" Heimatfilme entstehen zu lassen, die pointiert-hintergründig-bodenständig von Land und Leuten handeln.

Wie in "Beste Zeit". Im Mittelpunkt: Zwei Freundinnen aus der bayerischen Provinz. Kati wird 17, Jo ist 16. Die pubertäre Unruhephase. Man weiß nicht, wie bzw. wo es langgehen soll. Was man künftig machen bzw. besser vielleicht eben NICHT machen soll. Stichwort: Fernweh (Kati hat gerade einen Platz für ein USA-Austauschprogramm ergattert), Freiheit, Heimat/Enge und eigentlich auch wiederum nicht und eben dieser Mike. Natürlich erste Liebe, aber ist es DIE wirklich? Wie sind die wahren Wünsche, Ziele und vor allem Gefühle?

Eigentlich "passiert" hier nicht viel: Ein Sommer auf dem Dorf. Zwei Mädchen mit dem Kopf voller Träume. Ein paar Jungs, "unruhig" um Coolness bemüht. Eltern, die nicht (mehr) so recht wissen, was sie von ihren Kindern halten sollen (aufbrausender Choleriker-Vater; Mama + Großvater als "Besänftiger"). Ganz so wia im richtigen Leben.....

Tatsächlich: Truffaut ist in Bayern angekommen. Erinnerungen an dessen Schwarz-Weiß-Debüt "Sie küssten und sie schlugen ihn" (1958/59) kommen auf. In einer fröhlich-sanft-melancholisch-heiteren Stimmung aus Hier-Bleiben und Weg-Wollen entwickelt Rosenmüller erneut dieses neue bayerische Lebensgefühl: Landschaft mit Rock-Musik, zugleich dieser Schwung-hier, diese (An-)Spannung, diese sensiblen wie originellen (Mundart-)Zwischentöne, gepaart mit trockenem skurillem Humor. Natürlich: Eine Art Auch-Wohlfühl-Dasein wird hier beschrieben, deshalb insgesamt nichts Gewaltiges, nichts sonderlich Aufregendes, dennoch angenehm nahegehend, amüsant, unterhaltsam.

Endlich einmal keiner dieser filmischen Depri-Problem-Schmonzetten aus deutschen Seelen-Landen, dieser ewige Hang zum Dauer-Grübeln, Sich-Schlecht-Fühlen-Müssen, zur onanistischen (Selbst-)Zerstörung. Anna Maria Sturm als Kati und Rosalie Thomass als Jo sind prima; führen ein locker (ein-)gestimmtes Ensemble an. Ein unangestrengt- chöner filmischer Muntermacher: "Beste Zeit" oder: Über das Erwachsen-Werden in der bayerischen Provinz darf geschmunzelt/amüsiert/gegackert werden...

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