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Vollbild | Beitrag vom 19.09.2020

Erster Dokumentarfilmtag "LetsDok"Wieder Zusammensein im Kino

Von Christian Berndt

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Szene aus dem Dokumentarfilm "Spacedogs". (Raumzeitfilm / Elsa Kremser)
Moskau aus der Sicht von Straßenhunden: Der Dokumentarfilm "Space Dogs" läuft bald hier im Kino. (Raumzeitfilm / Elsa Kremser)

Beim ersten Dokumentarfilmtag werden deutschlandweit rund hundert Filme gezeigt. Die Menschen gehen trotz der Coronapandemie wieder gern ins Kino. Aber auch in der Filmszene kursieren Verschwörungstheorien.

Straßenhunde in Moskau. Der Dokumentarfilm "Space Dogs" folgt ihnen auf Augenhöhe. Realistisch, brutal und anrührend taucht der Film ins Sozialleben der Hunde ein, aus deren Sicht man den Moskauer Alltag erlebt. Der erstaunliche Film läuft heute auf dem ersten deutschen Dokumentarfilmtag "LetsDok", einem Aktionstag von Kinos, Filminitiativen, Verbänden, Stiftungen und Förderinstitutionen.

Mehr als 80 Kinos und alternative Abspielorte sind mit dabei, vom ältesten Autokino Ostdeutschlands in Zempow bis hin zum Kölner Radstadion, in dem "Space Dogs" läuft.

"Und zwar mit freiem Eintritt und expliziter Einladung von Hunden und Hundebesitzern, die gemeinsam kommen und an diesem Ort den Film gemeinsam gucken sollen", sagt Eva Rink, Leiterin von "LetsDok". Initiiert wurde das Projekt vom Interessenverband der deutschen Dokumentarfilmschaffenden. "Wir wollten mit dieser Kampagne den Kinodokumentarfilm feiern" sagt die Co-Vorsitzende Susanne Binninger. Das Datum des 19. September sei nicht zufällig gewählt. "An diesem Tag wird die Aktionsgemeinschaft Dokumentarfilm, die AG DOK, 40 Jahre alt."

Nischendasein des Dokumentarfilms

Obwohl inzwischen mehr Leute ins Kino gehen, führt der Dokumentarfilm immer noch ein Nischendasein auf der Leinwand. Dabei laufen Dokumentarfilme auf Festivals gut und erreichen dort junges Publikum. Auch deshalb war den Initiatorinnen wichtig, "LetsDok" trotz der Pandemie nicht online, sondern in Anwesenheit der Filmteams zu präsentieren. 

"Es geht darum, wieder zusammenzukommen, vor Ort in den Kinos gemeinsam zu debattieren", sagt Rink. Die Kinos entscheiden selbst über ihr Programm: "Auch das ist vielleicht ein Effekt der aktuellen Situation: Viele Kinos haben sich regional orientiert, wollten auch ganz bewusst Filme aus ihrer Region zeigen, mit Filmemachern und Filmemacherinnen aus ihrer Region zeigen." Alle teilnehmenden Spielstätten findet man auf der Website.

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"Tenet" als Zugpferd im Kino 

Christopher Nolans "Tenet" läuft inzwischen weltweit. Auf den Science-Fiction-Thriller hat die gesamte Filmbranche große Hoffnungen gesetzt, er soll den Kinoneustart einleiten. Aber in den USA bleibt das Publikum weg. Hierzulande sieht es anders aus, meint der Geschäftsführer der Kinokette CinemaxX, Frank Thomsen. "'Tenet' war in Deutschland ein echter Erfolg", sagt Thomsen. Er hat gestern nach drei Wochen den millionsten Besucher im Kino begrüßt. "Als wir Ende letzten Jahres unsere Erwartungen für dieses Jahr definiert haben, sind wir davon ausgegangen, dass dieser Film 1,2 Millionen Besucher in die deutschen Kinos bewegt, und die wird er jetzt übertreffen."

"Tenet" zieht europaweit Publikum an. Trotzdem hat Hollywood die Filmstarts der großen Blockbuster verschoben. Aber Thomsen ist optimistisch: "Wir haben Mitte Oktober mit 'Tod auf dem Nil' oder dem Familienfilm 'Jim Knopf und die wilde 13' zwei Filme, die Potenzial für deutlich mehr als eine Million Besucher haben." Am 12. November starte vorraussichtlich der neue "James Bond". Er werde mindestens sechseinhalb bis sieben Millionen Besucher in die deutschen Kinos bewegten, glaubt Thomsen. "Insofern kommen auch weitere Filme, auf die man aufbauen kann."
 
Der europäische Erfolg von Filmen wie "Tenet" werde die Hollywood-Studios motivieren, wieder Blockbuster herauszubringen, so Thomsen. So könnte "Tenet" doch noch zum erhofften Zugpferd werden.

Verschwörungstheorien sind nicht per se schlecht

"Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!", agitiert der Verschwörungstheoretiker Bodo Schiffmann gegen die Corona-Proteste. Seine Videos werden unter anderem von dem Regisseur und Produzenten Til Schweiger geteilt. In Hollywood verbreiten Schauspieler wie Woody Harrelson Verschwörungstheorien über Corona.

Äußerungen von Prominenten entfalten Wirkung, sagt der Wissenschaftler Marius Raab."Es gibt in der Psychologie das recht gut untersuchte Phänomen, dass immer dann, wenn uns etwas zu komplex ist, um Sachen vom Inhalt her zu verstehen, dass wir uns auf andere Merkmale verlassen, zum Beispiel, wie sympathisch ist die Person, die uns gerade was erzählt." Raab forscht an der Universität Bamberg zu Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien müssen aber nicht per se schlecht sein, meint er. "Der Mechanismus, dass Menschen versuchen, aufzudecken, Rätsel zu lösen, das sehen wir in unserer Ästhetik-Forschung, das ist etwas, das die Leute total glücklich machen kann."  Und dieses Rätsellösen und Aufdecken gehöre irgendwie zur Demokratie dazu. "Gerade, wenn Sie in nicht-demokratische Staaten gehen, da sind es die Leute, die zwischen den Zeilen lesen, die diese Gesellschaft vielleicht irgendwann zum Positiven verändern können", so Raab. Gefährlich werde es, wenn sich Verschwörungstheorien gegen Demokratie und Menschenwürde richten.

Politische Intrigen finden auch im Kino statt

Vom Grusel an der Verschwörung lebt auch das Kino: "Das ist Stoff für Filme, und darum ist Hollywood – ich will jetzt nicht sagen – eine Verschwörungstheoriefabrik, aber natürlich eine, die mit diesem Verschwörungsthema spielt. Nehmen Sie "Game of Thrones", das ist eine einzige Geschichte von politischen Intrigen, von Verschwörungen."

Kritisch werde es, wenn Szenarien einer korrupten Politik, wie sie zum Beispiel "House of Cards" entwirft, demokratiefeindliche Ressentiments befördere. Aber was Verschwörungstheorien betrifft, ist Hollywood derzeit im Vergleich zu Donald Trump im Weißen Haus wahrscheinlich harmlos.

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