Erste Liebe in der Mauerstadt

Berlin ist der Schauplatz von Langers Roman. © AP
16.05.2008
Liebesverwicklungen im West-Berlin der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Eine Frau und ihre Freunde, sie sind Anfang 20 und suchen das Glück oder was sie dafür halten. Tanja Langer erzählt von den Verwirrungen der Gefühle. Und keiner ahnt, dass die Stadt bald nicht mehr das sein wird, was sie ist.
Die Berliner Autorin hat ihrem neuen Roman einen Satz von Milan Kundera vorangestellt: "Die Macht der Gefühle erweist sich zuletzt als Maskierung und die Liebe als lächerliches Spiel, bei dem es in Wahrheit um Kopf und Kragen geht". In fünf Kapiteln geht es ausführlich um diese Macht der Gefühle und um die Verwicklungen, die daraus entstehen, dass die Sehnsucht sich maskiert und die Leidenschaft ganz und gar eigene Wege geht.

Im Zentrum steht eine junge Kunstgeschichtsstudentin, die kompromisslos nach ihrem Weg sucht. Um sie kreisen die Männer, sie verschreibt sich der Liebe und weiß doch, dass das nicht das Glück sein muss. Warum vergeht die Leidenschaft, warum ist der, den man begehrt, nicht der, mit dem man leben kann? Und warum erinnert sich jeder anders an die gemeinsame Liebesgeschichte?

Die Jugend der Protagonisten findet statt in den 80er Jahren der geteilten Stadt, als man mit neuem Führerschein allein auf der kurzen Avusstrecke Freiheit und Abenteuer erproben konnte. In eine Jungenclique bricht die Liebe ein, alles wird anders und der frisch Verliebte wähnt sich am Ziel seiner Wünsche, aber was wunderbar beginnt führt geradewegs ins Unglück, zerstört eine Männerfreundschaft und endet im Vergessen.

Zwanzig Jahre später erinnert sich der, der sich damals als Verlierer wähnte an die, die ihm als Siegerin erschien - und erkennt, dass nichts wurde, wie es einst schien. Dabei geht es auch immer wieder um die Frage, was und wie ein richtiger Mann ist und um die Einsicht, dass es darauf keine wirklich zufrieden stellende Antwort gibt.

Tanja Langer lässt nicht nur die Sehnsucht der Jungen lebendig werden, vor allem ist es die untergegangene halbe Stadt, der sie ein Denkmal setzt: Kunsthochschulzirkel und Kneipen, Dahlem und Wedding. Sie wechselt Perspektiven, Erzählhaltungen und die Zeiten - und fast unmerklich wird das Lese- auch zum Bilderbuch.

Am Ende sind alle erwachsen geworden und erinnern sich nur erstaunt daran, dass sie einst für die Liebe Kopf und Kragen riskierten.

Rezensiert von Manuela Reichart

Tanja Langer: Nächte am Rande der inneren Stadt
dtv Premium, München 2008
313 Seiten. 14,90 Euro