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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 02.08.2019

Erste israelische Nobelpreisträgerin Ada Jonath"Ich habe mir einfach ein schwieriges Gebiet ausgesucht"

Von Blanka Weber

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Die israelische Nobelpreisträgerin für Chemie, Ada Jonath, sitzt bei einer Pressekonferenz und schaut nach oben. (Picture Alliance / dpa / EPA / Pavel Wolberg)
Ein Ratschlag an Wissenschaftler: Auch mal innehalten und den Standpunkt ändern, empfiehlt Ada Jonath. (Picture Alliance / dpa / EPA / Pavel Wolberg)

Ada Jonath ist Chemikerin und Tochter eines aus Polen stammenden orthodoxen Rabbiners. Sie widmet sich seit Jahrzehnten der Forschung. Ihre bescheidene und besonnenen Art und ihr Erfolg haben sie in Israel zu einem großen Vorbild gemacht.

Die kleine Leiter wackelt ein wenig, als Ada Jonath ihren Gehstock zusammenklappt und in den Zeppelin hinaufsteigt. Eine Fahrt über dem Bodensee ist geplant. Mit dabei sind 13 junge Wissenschaftler aus allen Teilen der Erde.

Hoch oben tauscht sie sich mit einem Forscher des Helmholtz-Zentrums aus. Ein Experte, der das Wasser aus der Luft erforscht und dafür eine spezielle Kamera aufgebaut hat. Es geht um Teilchen, Tiefen und die Qualität des Wassers. Ada Jonath schaut auf einen Monitor und erzählt später aus ihrem Forscherleben: 

"Ehrlich gesagt, ich liebe es, Experimente zu machen, um mehr zu verstehen. Das war schon immer so."

Nichts sprach für Chemie

Ihre Arbeit sei wie ein Hobby und wurde ihr Lebensinhalt. Dabei war gar nicht klar, dass sie einst forschen würde. 

"Ich hatte viele Jobs, denn wir waren wirklich arm. Ich habe mich um meine kleine Schwester gekümmert. Sie war zwei Jahre alt, ich damals elf, als der Vater starb. Und meine Mutter hatte es oftmals sehr schwer. Also: Ich hatte gut zu tun damals. Das soll jetzt kein Mitleid sein, aber es war eben so."

Geboren wurde sie 1939 in Jerusalem und wuchs in einem ultraorthodoxen Viertel auf. Der Vater, ein Rabbiner, hielt die Familie mit einem kleinen Lebensmittelladen über Wasser. Die Eltern waren einst aus Polen eingewandert und waren glühende Zionisten. Der Großvater lebte im alten Galizien und war auch Rabbiner. Noch heute stünde dort seinen Grabstein, weiß Ada Jonath. Es sei einer der wenigen erhaltenen.

"Eigentlich wollte ich Schriftstellerin werden und Bücher schreiben. Aber das hat nicht funktioniert. Ich schrieb, was ich fühlte. Es war wohl nicht so gut. Also beschloss ich, mich den Naturwissenschaften zu widmen, und schrieb dann nur noch für mich selbst."

Die Zukunft kann niemand voraussagen

2009 erhielt sie den Nobelpreis für Chemie gemeinsam mit einem indischen und einem US-amerikanischen Zellforscher. Alle drei hatten das große Thema Proteine, Ribosome und Zellstrukturen nach vorn gebracht. Jahrzehntelang hat Ada Jonath daran getüftelt, auch an den Max-Planck-Instituten in Berlin und Hamburg geforscht.

"Man muss immer aufrichtig sein, ehrlich, moralisch. Das ist wichtig und zwar nicht nur für die Wissenschaft. Das gilt auch für alles andere. Es reicht eben nicht, einfach nur clever zu sein."

Und heute? Wie blickt die große alte Dame auf die Ethik in der Wissenschaft? Auf die Frage, ob und wie der Mensch in die Natur eingreifen kann, in die Genetik des Menschen?

Mehr Miteinander wagen

Sie hebt die Schultern und formuliert es so: Die Wissenschaft der Zukunft könne keiner vorhersagen. Nur so viel: Sie habe Hoffnung, dass es zum Guten der Menschheit ist und wünsche sich:

"Dass die Menschen offener werden für die Ideen anderer, auch mal schauen, was andere herausgefunden haben."

Und: Es brauche mehr Interaktion. Weltweit, aber auch innerhalb der Naturwissenschaften. Den Physikern der Tagung in Lindau habe sie gesagt:

"Das ganze Leben spielt sich nicht nur auf bestimmten Pfaden der Physik ab. Viele wollten wissen, wie kompliziert und schwer es doch sei, in die Chemie oder Biologie zu gehen. Ich war überrascht von dieser Frage, denn so schwer ist es nicht. Ihr müsst einfach wissen, was ihr wollt!"

Ada Jonath ist unprätentiös, bescheiden und hat wohl auch nie vergessen, dass sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Eines will sie unbedingt vermitteln.

"Wissenschaftler sollten in der Lage sein, ihre Sicht auch mal zu ändern, einen Schritt zur Seite oder zurückzugehen, um dann neue Ideen und Technologien in Betracht zu ziehen."

Die junge Forscherin Christina Müller aus Göttingen hat genau das aus Ada Jonaths Vortrag in Lindau mitgenommen, gerade mit Blick auf Frauen in dem Bereich.

Ein schwieriges Gebiet

"Das sind schon Vorbilder für uns in der Wissenschaft und es verändert sich nach und nach. Ich denke, es gibt sehr viele Initiativen, Frauen in die Wissenschaft zu locken, das ist sehr unterstützenswert und da muss man abwarten, dass es sich nach und nach entwickelt."

Ob es schwierig war, als Frau diesen Weg in der Forschung zu gehen?

"Ach, wissen Sie, ob Mann oder Frau, ich habe mir einfach so ein schwieriges Gebiet ausgesucht. Das wollte eh kein anderer damals machen."

Sie lächelt, steigt aus dem Zeppelin, klappt den Stock wieder aus und freut sich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

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