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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2006

Erstaunliche Parallelen

Ralph Bollmann: "Lob des Imperiums"

Rezensiert von Carsten Hueck

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Besucher des Archäologischen Parks in Xanten (AP Archiv)
Besucher des Archäologischen Parks in Xanten (AP Archiv)

Werteverfall, Geburtenrückgang, Migration und Sicherheitsprobleme werden von manchen Beobachtern als Anzeichen für die Erosion der westlichen Wertegemeinschaft interpretiert. Dabei zeigt Ralph Bollmanns Blick auf das römische Reich, dass Imperien trotz dieser Krisenphänomene noch über Jahrhunderte Bestand haben können.

"Imperium" - der lateinische Begriff für Macht, Herrschaft und Reich klingt in deutschen Ohren meist etwas bedrohlich. Ein Imperium erscheint als etwas Negatives. Als Übermacht, als gewalttätige Unterdrückungsmaschine, als globaler Ausbeuter. Seit Zerfall des Ostblocks wird die politische Debatte vor allem über das Für und Wider eines amerikanischen Imperiums geführt. Ralph Bollmann, Historiker und Journalist, leistet dazu mit seinem Buch "Lob des Imperiums" einen pointierten, gut zweihundertseitigen Beitrag. Sein Ansatz ist allerdings nicht neu. Mit der Prämisse, dass imperiale Herrschaft nicht grundsätzlich schlecht sei, bewegt sich Bollmann in den Fußstapfen des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler.

Wie dieser geht auch Bollmann davon aus, dass antikes Rom und moderner Westen unter Führung der Vereinigten Staaten sich trotz des großen Abstands von Jahrhunderten ähneln, dass Imperien nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Mithilfe dieser Annahme unternimmt es Bollmann, zeitgenössische Phänomene aus historischer Distanz zu betrachten. Er beschreibt Strukturen und Erscheinungsformen des römischen Imperiums und unterlegt sie als Folie seiner Sicht auf die "Wohlstandszone der Nordhalbkugel". Dieses Verfahren entfaltet in dem flüssig geschriebenen Buch verblüffende Stringenz. Und fördert - für den nicht speziell historisch gebildeten Leser - auf den ersten Blick erstaunliche Parallelen zutage.

Gegliedert nach thematischen Stichwörtern eröffnet der Autor eine Reihe von Problemfeldern, die bei Betrachtung der Gegenwart für das "westliche Imperium" genauso relevant sind wie für das antike römische Reich: Globalisierung, Demographie, Integration, Religion und Sicherheit. Heute wie gestern - auch hierin folgt Bollmann gängigen Erkenntnissen - konstituiere sich das Imperium durch Abgrenzung. Durch ein "Barbaricum", das, ob es will oder nicht, den Gegensatz zum Imperium bildet. Das "Barbaricum" sind die Anderen, der Rest der Welt. Wer draußen ist, hat es nicht so gut wie einer, der drinnen ist. Ein römischer Bürger genoss Privilegien gegenüber germanischen Barbaren genauso, wie sie im Regelfall heute einen durchschnittlichen US-Amerikaner gegenüber einem Zentralafrikaner auszeichnen.

Bollmann weist darauf hin, dass die Grenzen eines Imperiums keineswegs hermetisch sind, obgleich gegen ausländische Zuwanderung befestigt. Es gab sie in der Antike, es gibt sie heute. An der Ostgrenze der EU, zwischen Mexiko und den USA, im Mittelmeerraum. Auch im Altertum, so Bollmann, wirkte das Imperium grundsätzlich anziehend. Man wollte hinein. Damals als Eroberer oder Sklave, heute als neureicher Russe oder afrikanischer Flüchtling. Selbst jenseits der Grenzen wurden Errungenschaften des Imperiums übernommen. Irgendwann begannen Germanenfürsten Toga und Tunika zu tragen, obgleich sie der Meinung waren, man könne sich in der römischen Kleidung nicht frei bewegen. Ob aber tatsächlich das westliche Imperium für seine beispielsweise religiös motivierten Feinde heute anziehend wirkt, muss bezweifelt werden. Gerade dessen Errungenschaften gelten ihnen als verabscheuungswürdig. Sie wollen nicht teilhaben, sondern zerstören. Bollmann macht es sich leicht: Er zieht in seinem Buch nur positive Vergleiche, führt allein Ähnlichkeiten an. Doch da, wo er Unterschiede zwischen damals und heute aufzeigen müsste, schweigt er.

So kommt der Autor zu dem Schluss, dass alle Probleme, die durch die Existenz eines Imperiums bestehen, sich innerhalb dieses Imperiums besser bewältigen lassen, als durch dessen Abschaffung. Des Autors "Lob des Imperiums" soll "hysterische" Debatten über den Niedergang der westlichen Zivilisation entschärfen. Auch die "Pax Romana" habe für lange Zeit Zivilisation, materielle Versorgung und Kultur ermöglicht. Wie heute den modernen Westen sieht Bollmann das antike Imperium als Zone relativer politischer Stabilität, wirtschaftlicher Prosperität und hoher innerer Mobilität. "Der Untergang eines Imperiums macht am Ende alle zu Verlierern", resümiert der Autor. Einen Untergang der USA und der dazugehörigen westlichen Wertegemeinschaft sieht er weit entfernt. "Auch nach dem Auftreten der vermeintlichen Krisensymptome hatte das römische Imperium noch Jahrhunderte Bestand", beruhigt er. Ein bisschen klingt das nach Selbsthypnose. Mögen auch gewisse Analogien zwischen römischem Imperium und westlicher Welt überzeugen, so gilt es doch heute weitaus mehr Parameter zu beachten, als sie der Zustand der antiken Welt zu bieten hat.

Ralph Bollmann: "Lob des Imperiums". Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens
Berlin, wjs Verlag
208 Seiten, 18,00 Euro

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