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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.12.2010

Erstarrte Gefühle im Kunstschnee

"Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" am Schauspielhaus Düsseldorf

Von Martin Burkert

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Der Schriftsteller Botho Strauß (AP Archiv)
Der Schriftsteller Botho Strauß (AP Archiv)

Der Düsseldorfer Hausregisseur Stephan Rottkamp interpretiert das 1974 entstandene Stück "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" von Botho Strauß als skurril absurde Persiflage auf kleinbürgerliche Befindlichkeiten in der Bonner Republik und darüber hinaus.

Kunstschnee rieselt ununterbrochen vom Bühnenhimmel. Die weißen Flocken legen sich auf drei frei im Raum stehende Flügeltüren, einen entnadelten Weihnachtsbaum und den roten Vorhang, der als Bodentuch ausgebreitet ist. Das Arrangement markiert ein heruntergekommenes Hotel zur Weihnachtszeit. Wir befinden uns in Königswinter, einem Städtchen nahe der einstigen Regierungsstadt Bonn. Drei Paare und ein einzelner Herr versammeln sich zur lustlosen Konversation. Sie sitzen wie festgeklebt auf Designer-Stühlen und wischen nur selten die Flocken von ihren bunten 70er-Jahre-Klamotten oder schütteln sie aus den altersgrauen Langhaar- oder Afrolook-Perücken. Hier sitzen abgeschlaffte Figuren, die aus der Bonner Republik übrig geblieben sind.

Zwei Ausnahmen gibt es. Doris, die Ehefrau des Hotelbesitzers und Günther, der einzige Angestellte des Hauses, tanzen. Unter dem Beifall der anderen formieren sie sich zum Quickstep-Training für die Deutschen Amateurmeisterschaften in der Halle Münsterland in Münster. Dann stürzt Doris, ihr Partner ohrfeigt sie und beendet das Training. Günther muss kurz darauf eine Ungeheuerlichkeit seines Chefs Stefan anhören. Das überschuldete Hotel soll an das Innenministerium abgegeben werden, gegen Übernahme der Schulden. Für Stefan fällt dabei eine Stelle als Angestellter im öffentlichen Dienst ab. Günther ist empört und steigt auf die Barrikaden. Er wird zum Rebell gegen die Willkür des Privateigentums. Der Sponti-Geist der Siebziger feiert fröhliche Urständ.

Auch die anderen Figuren legen ihre Lustlosigkeit ab. Sie präsentieren ein kleines Panoptikum von verschiedenen Haltungen der Demokratie. "Das muss ohne Radikalität ablaufen" über "Versprechungen müssten gehalten werden" bis zu "so kann man doch mit uns nicht umgehen!" Die Debatte endet mit einer tödlichen Lösung. Der Hausbesitzer erfriert in der Tiefkühltruhe, der alte Trott kehrt zurück. Die Wohngemeinschaft hat sich selbst gerettet. Gesellschaftliche Ambitionen sind wieder passé.

Stephan Rottkamp, Jahrgang 1971, inszeniert das Stück als Satire auf die 70er mit mächtigen Grauhaarperücken und aufgeklebten Falten aus Theaterplaste. Die Auflehnung gegen Eigentümer und Privatbesitz zeigt er als eine Art Jungbrunnen. Die kämpfenden Bürger ziehen sich die Runzeln aus dem Gesicht, legen die Grauhaarperücken ab und sehen wieder gut und tatkräftig aus.

Das weitgehend statische Arrangement fordert vom Ensemble eine hoch disziplinierte Sprachbehandlung. Sie gelingt mit Bravour. Die Schauspielerinnen und Schauspieler pointierten witzig und präzise die intelligenten, scharf formulierten Sätze. Der Staub, den der Text angesetzt hat, lässt sich nicht ganz weg klopfen. Anspielungen auf Pommern, Luftschutzkeller, Ostagenten, Bundesgrenzschutz oder das Fernsehen wirken von der Zeit überholt.

Hervorgeholt hat die skurrile, dennoch konzentrierte Inszenierung einige Parallelen zur Gegenwart. Assoziationen zum situationsbezogenen Engagement von Bürgern stehen im Raum, von Stuttgart 21 bis zu Initiativen gegen Straßen, Flughäfen oder Stromleitungen. Der 39-jährige Regisseur unterlässt allerdings aktuelle Verweise. Er sendet jedoch eine aufmunternde Botschaft an die Älteren: Erstarrt nicht! Jeder aktive Angang an die Welt ist besser als Gleichgültigkeit, Zynismus und Müdigkeit.

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