Ersatzemotionen im Fernsehen

Vorgestellt von Ulfried Geuter · 09.06.2005
Der Autor Peter Winterhoff-Spurk warnt vor den Folgen des heutigen Fernsehkonsums und sieht einen Charaktertyp sich herausbilden, der der Bindungslosigkeit der heutigen Gesellschaft entspre-che. Das Fernsehen biete diesem Charaktertyp Ersatzemotionen und fördere damit nur die innere Leere. Sein Rat: mehr Zeit mit dem Partner als mit dem Fernseher verbringen.
Zwei von drei Jugendlichen und mehr als jedes dritte Kind hat einen eigenen Fernseher auf dem Zimmer. Im Schnitt sitzt ein deutscher Erwachsener dreieinhalb Stunden täglich vor dem Fernsehge-rät, im Laufe seines Lebens, nach Abzug der Schlafzeiten, 13 Jahre. Und schaut ein Programm, das immer mehr sich am Verkauf von Gefühlen ausrichtet. Die Firma Endemol, an der Linda de Mol beteiligt ist, produziert Serien wie Traumhochzeit oder Big Brother, die Gefühle erzeugen und vorführen, damit die Produzenten daran verdienen.

Das Fernsehen formt unser Fühlen und Denken wie vor der Aufklärung die Religion, schreibt Peter Winterhoff-Spurk in seinem Buch "Kalte Herzen". Er will den Zuschauer wachrütteln, damit dieser bemerkt, wie sehr das Fernsehen einen ganz bestimmten Charaktertyp befördert:

"Leicht erregbar, suggestibel und emotional oberflächlich, wenig interessiert, konzentrationsunfähig und ungebildet, an medialer Prominenz ausgerichtet und sich gern aus der Realität zurückziehend."

Diesen Charaktertyp nennt Winterhoff-Spurk in Anlehnung an das Diagnose-System der Psychothe-rapeuten den "Histrio". Was so etwas ähnliches ist wie der ältere Begriff des Hysterikers. Der Histrio liebt den wirkungsvollen Gefühlsausbruch, aber er ist an seinen Emotionen innerlich wenig beteiligt. In seiner Identität ist er unsicher und orientiert sich gern an äußeren Vorbildern.

Der Autor macht nicht den Fehler, dem Fernsehen die Entstehung dieses Charaktertyps anzulasten. Der wachse vielmehr auf dem Boden der Bindungslosigkeit, die unsere Gesellschaft heute immer mehr erzeugt, durch Familienzerfall, Zwang zu unbegrenzter Arbeitsmobilität und einer Zunahme von Dienstleistungen, die es verlangen, für Kunden gute Mine zu machen. Im Fernsehen ist dieser Typ allgegenwärtig: Erfolg hat, wer sich gut darstellen kann. Gefühle müssen heute nicht echt sein, sondern ankommen.

Peter Winterhoff-Spurk liefert in seinem flüssig geschriebenen Buch geradezu beiläufig eine über-zeugende Zeitdiagnose, ein Verständnis für die großen Veränderungen in unserer Gesellschaft. Und er stellt mit allen Ergebnissen der Medienforschung für jeden Leser verständlich dar, wie das Fernsehen diese Veränderungen fördert, vor allem den histrionischen Charaktertyp, den die bin-dungslose, auf schnelles Geld und schnellen Erfolg ausgerichtete Gesellschaft benötigt - in Form des durchsetzungsfähigen Jungmanagers, des eventsüchtigen Lebenskünstlers, des bodygedildeten Jungproletariers oder des skrupellosen telegenen Politikers.

In Zeiten von Bindungslosigkeit suchen die Menschen Ersatz. Den bietet das Fernsehen im geliebten Star, Showmaster oder Moderator, zu dem der Zuschauer eine scheinbare Beziehung eingeht: Wegen ihm schaltet er ein, ihn glaubt er zu kennen, von ihm fühlt er sich persönlich angesprochen, obwohl er ihm nie begegnet:

"Der Zuschauer kann seine innere Leere mit einem ständig fließenden Strom von Bildern und Berichten kaschieren, findet scheinbaren Halt bei seinen treuen TV-Freunden und wird in einer Weise kognitiv und emotional versorgt, wie er es gern hat, nämlich lebhaft, verblüffend, nachdrück-lich, mit einer insgesamt oberflächlichen, gelegentlich überbordenden Emotionalität."

Inhaltsanalysen von Nachrichtensendungen zeigen: Auch sie folgen dem Trend zur Emotionalisie-rung und zeigen zunehmend mehr Gewalt als früher. Gewalt, Aggression und Sex sind auch die Themen, die Serien und Reality Shows durchziehen. Die Gewalt des aggressiven männlichen Histrios wird jeden Tag auf den Bildschirmen als Verhaltensmodell vorgeführt. Kinder und Jugendli-che sitzen davor und lernen, wie Psychologen sagen, am Modell. Vor allem Menschen aus einem sozialen Milieu mit geringerer Bildung, das hauptsächlich an der Unterhaltung interessiert ist.

Winterhoff-Spurk rät zum Gegensteuern. Nicht nur, indem man bewusster mit dem Medium Fernse-hen umgeht und das auszuwählen lernt, was man wirklich sehen will. Sondern indem man menschli-che Bindungen pflegt, zum Beispiel mehr Zeit mit dem Partner und mit den Kindern verbringt. In den USA verbringen Eltern bereits mehr Zeit im Auto als mit den Kindern, ganz zu Schweigen von der Zeit vor dem Fernseher. Der beste Nährboden für das Gedeihen eines Charakters, dessen soziale Beziehungen von Anziehung und Ablehnung, von der Aufregung des Neuen und der Langeweile am Beständigen geprägt sind: des Histrio.

Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt.
Stuttgart, Klett-Cotta Verlag