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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.06.2008

Erotischer Reigen auf Polnisch

Bartosz Zurawiecki: "Drei Herren im Bett, die Katze nicht zu vergessen", Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008, 159 Seiten

Bartosz Zurawiecki beschreibt einen polnischen Reigen. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Bartosz Zurawiecki beschreibt einen polnischen Reigen. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Bartosz Zurawiecki ist ein präziser Chronist der polnischen Boheme. Ohne schrille Aufgeregtheit oder bedeutungsvolles Hüsteln erzählt der 1971 geborene Schriftsteller von kommunistischen Seilschaften, homophoben Rechten oder bigotten Priestern. Herausgekommen ist ein kluger Unterhaltungsroman über das menschliche Tohuwabohu.

"Das ist eine der großartigsten Errungenschaften der Demokratie, dass man sich am Arsch vorbeigehen lassen kann, was man will." Also murmelt die mittdreißigjährige Paulina beim Einrichten ihrer neuen Wohnung - noch jung genug, um sich beruflich und privat in neue Herausforderungen zu stürzen und dennoch in einem Alter, das ihr Vergleiche zur Zeit vor 1989 erlaubt: "Kommunismus, Armut, komplettes Durcheinander."

Währenddessen steht der gleichaltrige Adam in einer anderen Wohnung - es ist nicht die seine - vor dem Spiegel und grübelt: "Ein Brad Pitt wird er nun mal nicht mehr werden (Brad Pitt wird bald auch nicht mehr der Brad Pitt sein, haha!), aber dafür hat er andere Vorzüge." Adam ist schwul, seit kurzem wieder Single und arbeitslos, doch ist bei Michal und Pawel stets ein Plätzchen im gemeinsamen Bett frei.

Der polnische Schriftsteller Bartosz Zurawiecki, Jahrgang 1971, hat mit "Drei Herren im Bett, die Katze nicht zu vergessen" so etwas wie die Trash- und Camp-Version zu Milan Kunderas "Abschiedswalzer" geschrieben. Ein erotischer und emotionaler Reigen, der das gesellschaftliche Umfeld genau wahrnimmt und mit wenigen, aber scharf satirischen Strichen zeichnet, sich jedoch Autonomie bewahrt und nicht in den Fehler verfällt, für jegliches Missgeschick "die Politik" verantwortlich zu machen.

Sehr souverän ist dies und dazu vergnüglich, denn selbstverständlich liegt es nicht etwa an kommunistischen Seilschaften, homophoben Rechten oder bigotten Priestern, dass - mit Ausnahme des abgebrühten Paars Michal und Pawel - niemand so richtig die Kurve kriegt in diesem klugen Unterhaltungsroman.

Eine neue Wohnung für die attraktive Dame, die freilich das Pech hat, sich stets in Homosexuelle zu verlieben? Schön und gut, doch ist die Klospülung der frenetisch kleinbürgerlichen Nachbarn stärker als jede mondäne Euphorie. Ein flotter Dreier? Ebenfalls nicht zu verachten, doch "flott" höchstens in der bemüht flotten Diktion derer, die von solchen Sachen keine Ahnung haben.

Bartosz Zurawiecki - präziser Chronist einer polnischen (Halb)-Intellektuellen-Boheme, die selbst gar nicht so bohemig, sondern lieber finanziell etwas arrivierter wäre - aber weiß von all diesen Konstellationen und Gegebenheiten und bringt das Kunststück fertig, sie ohne schrille Aufgeregtheit oder bedeutungsvolles Hüsteln zu beschreiben.

Am Schluss zieht Adam wieder aus und findet, wenn schon nicht sein Glück, so doch eine gewisse Abgesichertheit bei einem gleichaltrigen Psychotherapeuten, der freilich ebenfalls der Zuwendung bedarf. Um ein berühmtes Wort recht frei abzuwandeln: Die Kaczynscis kommen und gehen, das menschliche Tohuwabohu aber bleibt - und zwar nicht nur bei den Gays in Polen.

Rezensiert von Marko Martin

Bartosz Zurawiecki: Drei Herren im Bett, die Katze nicht zu vergessen
Roman, aus dem Polnischen von Barbara Samborska,
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008,
159 Seiten, 13, 90 Euro

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