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Fazit | Beitrag vom 15.12.2020

Eröffnung des Humboldt Forums"Es fehlt der politische Wille, koloniale Raubkunst zu restituieren"

Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Außenansicht des Humboldt-Forums Berlin am Schloßplatz der Berliner Museumsinsel (imago images / Jürgen Ritter)
Man habe die Chance verpasst, die Geschichte des Stadtschlosses zu überschreiben, sagt der Historiker Jürgen Zimmerer. (imago images / Jürgen Ritter)

Das Humboldt Forum wird eröffnet. Für den Historiker Jürgen Zimmerer hat die Politik die Chance verspielt, sich klar zum Kolonialismus zu positionieren und Raubkunst zurückzugeben. In der jetzigen Form werde das Humboldt Forum zu einer Blamage.

Anfang des Jahres hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf Kritik am Umgang mit afrikanischer Kunst aus einstigen Kolonien geantwortet, dass das Humboldt Forum eine Blaupause für einen partnerschaftlichen Dialog und zukunftsfähigen Umgang werde. Für den Historiker Jürgen Zimmerer ist dieses Versprechen ein "ungedeckter Scheck". 

Deutsche Gewaltgeschichte ausgelöscht

"Wenn es eine Blaupause ist, ist es eigentlich eine für einen unseligen Umgang mit der Vergangenheit und eigentlich auch für Geschichtsklitterung", sagt Zimmerer, der Leiter der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe der Universität Hamburg ist. Denn im Grunde sei das Hohenzollernschloss, das wiederaufgebaut wird, auch eine Auslöschung der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, der deutschen Gewaltgeschichte. 

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Leiter der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe der Universität Hamburg steht an einem Rednerpult. (imago images / Chris Emil Janßen)Die Bundesregierung verzögere die Raubkunst-Restitution, behaupte aber, Gespräche auf Augenhöhe zu führen. "Blanker Hohn", meint Historiker Jürgen Zimmerer. (imago images / Chris Emil Janßen)

Stein des Anstoßes sind die Benin-Bronzen. Seit fast 50 Jahren fordert Nigeria, unterstützt vom Internationalen Museumsrat, die Bronzen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück. Dass die Bundesregierung sie bisher nicht restituiert hat, liege an der nostalgischen Verklärung der deutschen Kolonialgeschichte, so Zimmerer.

Kolonialismus nicht ernst genommen

"Ich denke, dass man diese Bronzen nicht hergeben will, weil auch lange Zeit kein Unrechtsbewusstsein da war, eine koloniale Amnesie in Deutschland herrschte. Das heißt, man hat den deutschen Kolonialismus nicht ernst genommen." Dabei seien die Benin-Bronzen "ein eindeutiger Fall, wahrscheinlich der berühmteste Fall von kolonialer Beutekunst". Und dass man sie bis heute nicht zurückgeben habe, zeige auch, dass die politische Rhetorik mit der politischen Realität immer weiter auseinanderklaffe. "Die Schlussfolgerung ist, es fehlt der politische Wille, das zu tun."

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Vor Jahren schon habe der Historiker gesagt: "Wenn man das Humboldt Forum eröffnet, ohne dass die Frage der Benin-Bronzen befriedigend geklärt wird, dann richtet man im Grunde die Suchscheinwerfer der Welt auf das Problem koloniale Raubkunst und damit Deutschland in eine sehr wenig vorteilhafte Position." Das räche sich jetzt, weil das Humboldt Forum jetzt "im Grunde von Anfang an nicht nur mit der Hypothek eines preußischen Disneylands, also dieses Schlosses, behaftet ist, sondern eben auch mit der Unfähigkeit, diesen großen Wurf zu vollbringen".

Man habe die Chance verpasst, radikal mit der Frage der Dekolonisation umzugehen und zu Beutekunst zurückzugeben. Zimmerer hätte sich gewünscht, "die Benin-Bronzen zu restituieren, dann als Leihgabe aus Nigeria auszustellen und einen Teil des Humboldt Forums dann Benin-Forum zu nennen". So hätte man das Historische mit einer kritischen Auseinandersetzung verbinden können. 

(kpa)

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