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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.12.2016

Ernst KrenekZeitlebens ein neugierig Experimentierender

Von Stefan Zednik

Der amerikanisch-österreichische Komponist und Musikschriftsteller Ernst Krenek als Dirigent in einer undatierten Aufnahme. (picture alliance / dpa / Herold)
Der amerikanisch-österreichische Komponist und Musikschriftsteller Ernst Krenek als Dirigent in einer undatierten Aufnahme. (picture alliance / dpa / Herold)

Mit der Oper "Jonny spielt auf" aus den 1920er-Jahren wurde der 27-jährige Österreicher Ernst Krenek fast über Nacht bekannt. Er zählt zu den Vertretern der Neuen Musik - einer Bewegung, die mit tonalen Gesetzen zu brechen und neue musikalische Formen zu finden suchte. Unter den Nationalsozialisten musste er in die USA emigrieren.

Als der kanadische Starpianist Glenn Gould 1957, bei dem ersten Gastspiel eines westlichen Künstlers in Moskau nach dem Krieg, seinem russischen Publikum Musik von Ernst Krenek präsentiert, ist dieses mehr als konsterniert. Die Musik dieses einst sehr bekannten Komponisten ist in der Sowjetunion unbekannt – doch auch in der westlichen Welt ist Krenek in den 50er-Jahren weitgehend vergessen.

Am 23. August 1900 wird Ernst Krenek in Wien geboren. Seine deutsch-tschechischen Eltern sind musik- und theaterinteressiert, sie fördern die musikalische Begabung ihres einzigen Sohnes. Nach Beendigung der Schule verlässt er Österreich und wendet sich 1921 nach Berlin.

"Ich muss gestehen, dass ich mich in Berlin keineswegs wohlfühlte. Ich war damals 21 und hatte bis dahin nur in Wien, meiner alten Heimat gelebt, wo ich seit 1916 bei Schreker studiert hatte. Ich fühlte mich in Berlin einigermaßen verlassen, die Stadt erschien mir groß, öde und hässlich."

Und doch ist er in Berlin in einem Zentrum der geistigen – und musikalischen Moderne. Der Krenek-Experte Reinhard Schmiedel:

"Also, es gab zwei große Kompositionsklassen in Berlin, die von Franz Schreker und die von Ferruccio Busoni, beides große Lehrer und hochangesehene, auch charismatische Persönlichkeiten jeder auf seine Art, und da war eben in der einen Klasse Franz Schreker eben, unter anderem dieser hochbegabte Ernst Krenek, und in der anderen, Ferrucio Busoni-Klasse, der ebenso hochbegabte Kurt Weill."

Krenek ist kein musikalischer Berserker

Krenek löst sich früh von dem eher spätromantischen Stil seines Lehrers Schreker, er ist mutig, probiert musikalisch vieles aus, und er zeigt als noch nicht einmal 25-jähriger Komponist eine enorme Produktivität.

Ernst Krenek: "Manche dieser Kompositionen wurden mit größtem Aufsehen aufgeführt. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie nach der Uraufführung der zweiten Symphonie sich das Haus in Furcht und Schrecken einerseits, frenetische Begeisterung andererseits teilte."

Reinhard Schmiedel: "Es erschlägt einen. Seine zweite Symphonie, fast so ein Skandal gewesen wie Jahre vorher ‚Le sacre du printemps‘ bei der Uraufführung. Wo die Leute gedacht haben: Jetzt stürzt das Theater ein, der Konzertsaal stürzt ein."

Doch Krenek ist kein musikalischer Berserker, kein anarchischer Zertrümmerer, sondern nimmt Zeit seines Lebens interessante Strömungen kritisch und produktiv auf, den Neoklassizismus Strawinskys und die Zwölftontechnik Schönbergs ebenso wie die serielle und die elektronische Musik nach 1945.

Er komponiert Lieder in der Nachfolge Schuberts, und auch die Oper zählt von Beginn an zu seinem Metier. Angestellt als Musikdramaturg in Kassel, schreibt der 26-Jährige ein Werk, mit dem er quasi über Nacht berühmt wird: Die Jazzoper "Jonny spielt auf".

Krenek wurde zur Emigration gezwungen

"Jonny" wird 1927 ein sensationeller Erfolg, vergleichbar nur mit Weills ein Jahr später uraufgeführter "Dreigroschenoper". Für die Nationalsozialisten wird "Jonny" ein Symbol des kulturbolschewistischen Niedergangs, Kreneks Musik treten sie schon vor 1933 mit äußerster Schärfe entgegen. Das berühmte Plakat der Ausstellung "Entartete Musik" von 1938 zitiert mit der Karikatur des dunkelhäutigen Saxofonisten "Jonny", hier gar mit Judenstern, noch zehn Jahre nach der Uraufführung dieses Werk.

Wie Weill wird Krenek zur Emigration gezwungen, doch anders als sein Kollege schreibt er keine Musicals, sondern lebt in den USA vor allem vom Unterrichten. Er bleibt zeitlebens ein neugierig Experimentierender, etwa in einem Stück für Orgel und Tonband aus dem Jahr 1971.

Ernst Krenek stirbt im Alter von 91 Jahren am 22. Dezember 1991 in Kalifornien.

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