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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.01.2015

Ernesto Cardenal wird 90Priester, Lyriker, Revolutionär

Von Joachim Hildebrandt

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Der Dichter, Priester und Politiker Ernesto Cardenal. (Imago / epd)
Schillernder Prister: Ernesto Cardenal. (Imago / epd)

Der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal aus Nicaragua ist einer der schillerndsten Priester der katholischen Weltkirche. Zeit seines Lebens setzte er sich für den Marxismus ein - bis heute. Nun wird er 90 Jahre alt.

"Ich heiße Ernesto Cardenal. Gott ist überall, durch ihn leben wir. Wir sind an Gott gebunden und fast ein Teil von ihm."

Das Bild von Ernesto Cardenal hat sich uns tief eingeprägt. Sein Markenzeichen ist weißes Haar, schwarze Baskenmütze und Sandalen. Er selber sagt von sich, er sei Priester, Poet und Revolutionär. Er hat eine Mission von früher Jugend an. Er kämpft für die Armen und die Unterdrückten. Seine Schriften sind stark geprägt durch die "Theologie der Befreiung". Priester, Katecheten und Bischöfe Lateinamerikas verkündeten ab Ende der 1960er-Jahre eine neue Theologie, erklärten das Wort der Bibel auf eine andere Art. Das Leid der Landarbeiter sei nicht Gottes Wille, heißt es da, und auch der Hunger sei nicht gottgewollt. Alle sollen genug zu essen haben und sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfinden müssen.

Aktives Christentum in der Gemeinschaft sollte gelebt werden, um die Gegensätze zwischen Arm und Reich zu überwinden und eine gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln und Gütern zu erreichen. Davon spricht einer der Gründungsväter der Theologie der Befreiung, Bischof Sergio Mendez aus der Diözese Cuernavaca, Mexiko, wo Ernesto Cardenal zwei Jahre lang in der Benediktinerabtei zu Gast war:

"Ich komme aus einem Teil der Welt, wo es Armut gibt. Auch ich bin arm wie meine armen Brüder in der Diözese Cuernavaca. Die Armut ist aber keine Gabe Gottes, wenn auch, wer arm ist, keine bessere Hilfe hat als die von Gott. Wir Menschen haben die Erde, das Land, den Boden geteilt und viele Male das Blut des Bruders vergossen. Jahrhundertelang haben wir die Feindschaft in uns selbst genährt. Nun erheben wir unsere Stimme zum Herrn, damit es keine Auseinandersetzungen in dem Land mehr gibt und der Friede für die Menschen als Segen auf der Erde ruht."

Die Theologie der Befreiung

Bereits 1964 hatte es ein erstes Treffen von Theologen der Befreiung in Metropolis in Brasilien gegeben. Aber der Begriff als solcher wurde erst 1968 geprägt von dem peruanischen Priester Gustavo Guiterez. Es ging in erster Linie um den Einsatz für die Armen. Denn in dieser Zeit lebten etwa 150 Millionen Menschen in Lateinamerika in Armut. "Gott will es so", war die Antwort darauf, doch die Befreiungstheologen meinten: "Gott will es anders!" Sie widersprachen deutlich den Regierenden in Chile, wo Pinochet regierte, und in Brasilien, Argentinien, Guatemala, der Dominikanischen Republik, wo diktatorische Regimes herrschten.

Ernesto Cardenal, im Alter von 40 Jahren zum Priester geweiht, verband in seinen Büchern zwei Themen miteinander, die nur selten zusammen genannt werden: Gott und die Revolution. Er sagte: Ich bin Christ und Marxist. In seinen südamerikanischen Psalmen schreibt er:

"Du bist Gott und kein Freund der Diktatoren. Straf sie, o Gott! Blick auf mich im Konzentrationslager, Herr, zerschneide den Stacheldraht."

In derselben Schrift spricht er auch von Cocktailpartys und Banknoten, vom Babylon der modernen Zivilisation. Cardenal ist vom Diktator Somoza verfolgt und mit dem Tod bedroht worden, bevor er sich der Gemeinschaft im Benediktinerkloster in Cuernavaca anschloss. Er formulierte die biblischen Psalmen neu und auf eine freie Art. Oft tourt der fast 90-jährige Cardenal mit seiner Grupo Sal heute noch durch Deutschland, wenn er eine Lesereise macht oder, wie im letzten Jahr, als er den Theodor-Wanner-Preis des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen bekam.

Ein Leben für den Sozialismus

In den 1960er-Jahren gründete Cardenal auf dem Inselarchipel Solentiname eine Kommune, in der es human und gerecht zugehen sollte. Anfang 1990 wurde er gefragt, ob er noch glaube, dass der Sozialismus eine tragfähige Gesellschaftsordnung sei:

"Selbstverständlich, ja. Die wichtigste Veränderung, die es gab, ist der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Europa. Aber das bedeutet nicht das Scheitern des Sozialismus, sondern nur des stalinistischen Sozialismus, eines verzerrten Models des Sozialismus. Deshalb muss man einen demokratischen, humanen Typ von Sozialismus anstreben. Wir meinen, dass nur etwas zerstört worden ist, das eine Deformation war."

Ernesto Cardenal ist so etwas wie eine Kultfigur geworden, eine Integrationsfigur und ein Hoffnungsträger. Doch es gibt auch Stimmen, die meinen, dass zu viel Kult um seine Person gemacht werde. Mario Vargas Llosa hat sich lustig gemacht über das, wie er sagt, "Cocktail aus Christentum und Revolution" und prophezeit, dass in Nicaragua später einmal eine Cardenal-Statue errichtet werde. Manche Stimmen bezeichnen Cardenal als Prediger und Mystiker, andere gar als Frömmler. Sie werfen ihm vor, dass er Fidel Castro bewundert hat.

Die Befreiungstheologie hat einen weltweiten Dialog ausgelöst und zu vielen sozialen Veränderungen beigetragen. Vom Willen Gottes ist oft gesprochen worden und davon, eine Welt zu schaffen, in der die Menschen leben wollen und in der sie überleben können. Ernesto Cardenal ist heute nicht mehr politisch aktiv und sagt, dass er sich auf sein lyrisches Schaffen konzentrieren werde. Der Glaube an Gott bleibt ihm ein Lebenselixier:

"Man kann ohne Gott nicht existieren. Mag sein, dass manche Leute sich dessen nicht bewusst sind, aber ich erlebe und empfinde die Anwesenheit Gottes. Ich erlebe die Verbindung zu Gott in vielen Momenten meines Lebens."

Mehr zum Thema:

"Und wenn das ewige Leben heute ist?"
(Deutschlandradio Kultur, Feiertag, 19.04.2009)

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