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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2014

ErnährungWeißer Killer oder weißes Gold?

Streit um die Gefährlichkeit von Salz

Von Udo Pollmer

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Darf's noch ein bisschen mehr sein? Salzgewinnung in Walvis Bay am Atlantischen Ozean. (picture alliance / zb / Thomas Schulze)
Darf's noch ein bisschen mehr sein? Salzgewinnung in Walvis Bay am Atlantischen Ozean. (picture alliance / zb / Thomas Schulze)

Der Weltkongress der Herzspezialisten wird im Mai zum "war on salt" aufrufen, zum Krieg gegen das Salz. Dabei fehlen bis heute die Beweise, dass Salz ein Blutdrucktreiber ist. Das weiße Gold kann sogar Leben retten.

Der Kampf gegen das Salz gewinnt auch in Deutschland wieder an Fahrt. Den aktuellen Kardinalbeweis soll die Marsmission liefern. Versuchshalber wurden zur Vorbereitung auf den Raumflug sechs junge Männer anderthalb Jahre isoliert und unter kontrollierten Bedingungen gehalten, quasi wie Laborratten. Dabei war der Speiseplan genau fest-gelegt – und damit die Kochsalzaufnahme. Den Medizinern bot sich eine einmalige Chance, die immer wieder behauptete Wirkung von Salz auf den Blutdruck zu testen.

Ergebnis: Bei einer Verdopplung der täglichen Salzzufuhr von sechs auf zwölf Gramm stieg der Blutdruck im Schnitt von 117 auf 120 mm Hg an, allerdings mit kuriosen Schwankungen nach oben wie unten – also ein klinisch wie statistisch völlig wertloses Resultat. Ein harter Schlag für die Gurkentruppe der Salzkrieger, die gebetsmühlenartig fordert, den Salzkonsum endlich von zwölf Gramm auf höchstens sechs Gramm zu senken.

Die Journalisten haben die Niederlage schnell in einen Endsieg umgedeutet. Hier ein typisches Zitat: "Erstmals war es in einer kontrollierten Langzeitstudie gelungen, einen Zusammenhang zwischen Salz und Bluthochdruck nachzuweisen." Ha, erstmals gelungen? Es wurde doch immer so getan, als handele es sich um eine längst bewiesene Tatsache. Und auch diesmal ging der beabsichtigte Nachweis der Gefährlichkeit des Salzes in die Grütze. Ab in den Müll mit dem Gesundheitsjournalismus.

Salz fördert Wachstum, Fruchtbarkeit und Gesundheit von Vieh

Wenden wir uns verständigeren Wesen zu, zum Beispiel kleinen Insekten. Denn hier gibt es Neues: Auch im Ökosystem spielt Salz eine wichtige und vorteilhafte Rolle. Tests im Regenwald des Amazonas haben ergeben, dass Ameisen mit der gleichen Begeisterung salzhaltige Futterquellen aufsuchen wie Zuckerlösungen. Auf den Versuchsflächen mit Salz vervielfachte sich die Zahl der Ameisen und der Termiten binnen Tagen. Die Überraschung der Fachwelt ist groß. Offenbar aus lauter Angst vor dem "bösen" Salz hatte sie es bisher unterlassen, zu prüfen, welche biologische Funktion das Salz der Erde auf ebendieser ausübt.

Viele Tiere wandern weite Wege, um an Salz zu gelangen, manche Antilopen suchen sogar Höhlen auf, in denen sie begierig das weiße Gold lecken. Die Gefahr der dort lauernden Raubtiere nehmen sie dabei billigend in Kauf. Elefanten wühlen in Schlammlöcher tiefe Gruben, um an salzhaltige Erde zu gelangen. Elche gehen ins Meer, um salzige Algen zu fressen. Berggorillas lieben verrottendes Holz – aber nicht wegen der Ballaststoffe, sondern weil darauf Pilze gedeihen, die Salz anreichern. Das Salz ist für sie so wichtig, dass manche das unverdauliche Material solange kauen, bis der Gaumen blutet. Das faulige Holz liefert ihnen dafür aber zwanzigmal so viel Salz wie ihre normale Kost.

Salzäpfel als Lebensretter

Wachstum, Fruchtbarkeit und Gesundheit von Vieh auf der Weide und von Wild in freier Natur wird durch Salzlecksteine gefördert. Es gilt als Tierquälerei, den Tieren keine Lecksteine oder Sulzen anzubieten. Heute werden nach Möglichkeit die Äsungsflächen gezielt mit Natriumsalzen gedüngt. Auf so simple Weise lässt sich Wildverbiss vermeiden – also das Abfressen der Knospen von Jungbäumen, die dann absterben. Bekommt das Wild keine Lecksteine oder Sulzen angeboten, dann sucht es im Winter die Straßen auf, um Streusalz zu lecken. Dieses wird wiederum mit bitterem Magnesiumoxid vergällt, um Wildunfälle zu vermeiden. Wenn Alternativen zu unvergälltem Salz fehlen, nützt auch das nichts.

Eine intelligentere Lösung wurde in Skandinavien gefunden. Dort kommt es wegen der Salzleckerei auf der Straße zu zahlreichen Verkehrsunfällen mit Rentieren. Nun weiß man, dass Rentiere Äpfel über alles lieben und den Duft über viele Kilometer erschnuppern können. Also wurden Salzlecksteine mit Apfelduft entwickelt und in gebührender Entfernung auf beiden Seiten stark befahrener Straßen angebracht. Die Zahl der Unfälle ist seither deutlich gesunken. Ja, Salz rettet Leben. Mahlzeit!


Literatur:

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Rakova N et al: Long-term space-flight simulation reveals infradian rhythmicity in human Na+ balance. Cell Metabolism 2013; 17: Supple-mental Information
Schulz R: Ein Körnchen Wahrheit. SZ-Magazin 2014; Heft 13
Bidder B: Mission Mars500: Überraschende Hormonzyklen bei Männern. Spiegel-Online 8. 1. 2014
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Knorpp L, Kroke A: Salzreduktion als bevölkerungsbezogene Präven-tionsmaßnahme. Ernährungsumschau 2010; (6): 294-300
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Ganz A: Salzlecken im Revier: scharf gewürzt. Deutsche Jagdzeitung 2010; (4): 38-41
Hebert D et al: Natural salt licks as a part of the ecology of the mountain goat. Canadian Journal of Zoology 1971; 49: 605-610
MacCracken JG et al: Use of aquatic plants by moose: sodium hunger of foraging efficiency. Canadian Journal of Zoology 1993; 71: 2345-2351
Weir JS: Chemical properties and occurrence on Kalahari sand of salt licks created by elephants. Journal of Zoology 1969; 158: 293-310
Lizcano DJ, Cavelier J: Daily and seasonal of the mountain tapir (Tapirus pinchaque) in the Central Andes of Colombia. Journal of Zoology 2000; 252: 429-435
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Pennisi E: Ecosystems say "Pass the Salt!" Science 2014; 343: 472-473
Neuner KH: Leckere Wildwiesen. Unsere Jagd 2012 (März): 36-40

 

 

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