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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 22.12.2017

Ernährung und DrogenBerauschende Lebensmittel

Von Udo Pollmer

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Muttermilch, Kuhmilch und Stollen. (imago/Bernhard Classen/MiS/Westend61/Collage)
Muttermilch, Kuhmilch und Mohnstollen: alles berauschend. Aber auch gefährlich? (imago/Bernhard Classen/MiS/Westend61/Collage)

Morphium im Mohnstollen, Haschisch in der Kuh- und Cannabinoide in der Muttermilch: Für übereifrige Drogenwächter gibt es noch viel zu tun, um auch die letzten Reste suchtgefährdender Substanzen aus unseren Lebensmitteln zu verbannen, meint Udo Pollmer.

Weihnachten naht und mit ihm festliche Gebäcke wie der beliebte Mohnstollen. Schon vor Jahren war es den Behörden gelungen, zum Schutz des Verbrauchers den Speisemohn als gefährliche Droge dingfest zu machen. Seither darf er nicht mehr in seiner naturbelassenen Form genossen werden. Erst nach einer Extraktion, um zuverlässig auch das letzte Mikrogramm Morphium zu entfernen, ist er sicher genug. In der Vergangenheit ist es hin und wieder vorgekommen, dass bei der Ernte des Speisemohns, der eigentlich frei von Morphium ist, dennoch ein wenig angetrockneter Milchsaft von einer noch unreifen Mohnkapsel in die Saat geraten war.

Mohnstollen-Süchtige ohne Entzugserscheinungen

Nichtsahnend von dieser Suchtgefahr haben unsere Vorfahren einfach Mohnstollen gebacken, ihn mit Butter bepinselt, mit Puderzucker bestreut und sich darauf gefreut, ihn an der weihnachtlichen Kaffeetafel genießen zu dürfen. Ohne jede Entzugserscheinung haben alle Stollenliebhaber klaglos übers Jahr gewartet, um sich erneut an festlicher Kost zu laben.

An hohen Feiertagen gönnen sich die Menschen in vielen Kulturen Berauschendes. Mutige Kamerateams pirschen durch den Dschungel und berichten von fernen Gesellschaften, die sich regionale Drogen einpfeifen und danach versichern, auf ihrer Reise dem Göttlichen oder ihren Ahnen begegnet zu sein. Wohlwollend und vielleicht auch mit etwas Neid betrachten wir das naturverbundene Leben dieser unbekümmerten Menschen. Aber wenn sich in Mohnbrötchen auch nur ein Hauch eines Naturstoffes befindet, der vom Ruch der Droge behaftet ist, dann beginnen die Mühlen der Schützer brav zu mahlen.

Drogen in Grundnahrungsmitteln

Nun sind neue, ebenso angsttaugliche Tatsachen ruchbar geworden: Auch in Grundnahrungsmitteln stecken Drogen. Analytiker haben in Frischmilch Haschisch entdeckt! Rinder werden nämlich mit all den Dingen gefüttert, die der Mensch nicht essen kann, weil er keinen Pansen besitzt. Dazu gehört auch Hanfsilage. Bei der Gewinnung von Hanffasern und Hanföl bleibt allerlei Stroh übrig, das nach üblicher Gärung ein anständiges Futter abgibt.

Nun haben Chemiker tatsächlich die wirksamen Inhaltsstoffe von Haschisch in der Milch der Rinder nachgewiesen. Das psychoaktive THC, das Tetrahydrocannabinol, war bei üblicher Hanffütterung mit fast zwei Milligramm pro Liter vertreten. Die Gehalte weiterer Cannabinoide lagen teilweise doppelt so hoch. Nur zum Vergleich: Viele Pestizide werden bereits ab einer Konzentration von einem Hundertstel Milligramm beanstandet. Da gibt’s noch was zu tun für Gelangweilte, die Freude daran haben, die Menschheit mit neuen Vorschriften zu beglücken.

Was für Milch gilt, gilt auch fürs Fleisch. Bei Untersuchungen zur Ausscheidungsbilanz – also beim Abgleich der Haschisch-Gehalte im Rinderfutter und denen in der Milch – fehlten 50 Prozent. Da THC fettlöslich ist, wird es sich wohl im Körperfett der Tiere befinden. Je älter das Rind, desto höhere THC-Gehalte sind zu erwarten. Insofern bieten sich vor allem ältere Milchkühe als Drogen-Lieferanten an. Deren zähes Fleisch wird branchenintern gern als "Hundefutter" gewertet, aber gut gewolft ist es auch für den Menschen genießbar. Deshalb war dieses Hack stets eine preisgünstige Grundlage für Hamburgerpatties.

Muttermilch als Einstiegsdroge?

Doch es kommt noch dicker: Auch in Muttermilch wurden Analytiker fündig. Zwar haben sie kein Hasch darinnen erwischt, sofern die Mutter nicht kifft, dafür aber Cannabinoide, die wie Haschisch wirken, weil sie im Gehirn an die gleichen Rezeptoren andocken. Auch der mütterliche Körper produziert Drogen, mit denen er die Stimmung und das Gedeihen des Kindes steuert. Blockiert man die Rezeptoren der Cannabinoide, verweigert der Nachwuchs die Milch.

Es gibt also für unsere Drogenwächter nach dem Triumph über den Mohnstollen noch viel zu tun – beispielsweise Säuglinge vor mütterlichen Cannabinoiden zu schützen. Muttermilch ist nun mal die populärste Einstiegsdroge ins Leben. Mahlzeit!


Literatur:

ldler C, Ehlert D: Ernte und Konservierung von Hanf. Landtechnik 1999; 54: 30-31

BfR: THC in Futtermitteln aus Hanf und Hanferzeugnissen im Hinblick auf die Tiergesundheit und den Carry over in Lebensmittel tierischen Ursprungs. Stellungnahme Nr. 044 vom 18. September 2012

Meyer C et al: Übergang von Cannabinoiden aus hanfartigen Futtermitteln in Kuhmilch. Lebensmittelchemie 2017; 71: 117

Gouveia-Figueira S, Nording ML: Development and validation of a sensitive UPLC-ESI-MS/MS method for the simultaneous quantification of 15 endocannabinoids and related compounds in milk and other biofluids. Analytical Chemistry 2014; 86: 1186-1195

Wu J et al: Oxylipins, endocannabinoids, and related compounds in human milk: levels and effects of storage conditions. Prostaglandins & Other Lipid Mediators 2016; 122: 28-36

Fride E et al: Inhibition of milk ingestion and growth after administration of a neutral cannabinoid CB1 receptor antagnoist on the first postnatal day in the mouse. Pediatric Research 2007; 62: 533-536

Vilela FC, Giusti-Paiva A: Cannabinoid receptor agonist disrupts behavioral and neuroendocrine responses during lactation. Behavior & Brain Research 2014; 263: 190-197

Russo EB: Beyond cannabis: Plants and the endocannabinoid system. Trends in Pharmacological Science 2016; 37: 594-605

Lu Y et al: Cannabiniod signaling in health and disease. Canadian Journal of Physiology and Pharmacology 2017; 95: 311-327

Pollmer U et al: Opium fürs Volk. Rowohlt, Reinbek 2011

 

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