Erklärreihe

Das konservative Judentum

Ultra-orthodoxe Juden in Jerusalem - typische Juden? Keinesfalls. © dpa/picture alliance/Gabi Schulte
Von Yael Kornblum · 07.03.2014
Lange Schläfenlocken, schwarze Mäntel, dicke Bärte – es kann sich nur um einen Juden handeln! Dass das Judentum jedoch mehr als nur eine Ansicht zu bieten hat, besagt schon das Sprichwort: "Zwei Juden, drei Meinungen." In unserer Reihe stellen wir die Strömungen im Judentum vor.
Das konservative hat ebenso wie das liberale Judentum seine Wurzeln im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Es wurde als Mittelweg zwischen dem als zu offenem Liberalismus und der als zu starr empfundenen Orthodoxie gesehen. Die Begründer akzeptierten die Richtigkeit der Anliegen der Liberalen, nämlich dass Veränderungen in der jüdischen Praxis nötig seien, aber hierbei ging ihnen das liberale Judentum zu weit. Es hatte sich in zu vielen Bereichen zu weit von der Halacha, also dem jüdischen Gesetz, entfernt.
Genau wie die liberalen Juden verstehen konservative Juden die Torah nicht als eine einmalige Offenbarung, sondern als einen göttlich inspirierten Prozess. Auch hier wird die Torah nicht wörtlich ausgelegt. Im Unterschied zu den Liberalen ist das jüdische Gesetz jedoch keineswegs fakultativ. Charakteristisch für den Konservatismus ist die Frage, wie sich jüdische Tradition und Moderne vereinen lassen.
Der Kern des Konservatismus ist die Volksgemeinschaft. Als Mitglied des jüdischen Volkes ist wirkliche spirituelle Erfüllung nur im Land Israel möglich. Viele konservative Juden, speziell aus den USA, wandern deshalb nach Israel aus.
Innerhalb der konservativen Bewegung gibt es auseinanderstrebende Richtungen, beispielsweise die moderne Orthodoxie. Ihnen allen gemeinsam ist das Befolgen der Gesetze zum Shabbat und den Feiertagen sowie die ausschließliche Gültigkeit der talmudischen Ehe. Eine Ehe ist demzufolge nur dann gültig, wenn beide Ehepartner jüdisch sind. Besonders in liberalen Gemeinden wird dies ganz anders gesehen.
Sprache des Gottesdienstes ist immer Hebräisch
Anders als bei bestimmten ultra-orthodoxen Strömungen wiederum wird aber auch im konservativen Judentum ein Übertritt ermöglicht. Anders als bei den Liberalen und Egalitären ist die Sprache des Gottesdienstes grundsätzlich und ausschließlich Hebräisch. Während in den USA auch konservative Juden geschlechtergemischt sitzen und Frauen zu Rabbinerinnen ordinieren, ist dies in Europa und Israel nicht der Fall.
Tradition und Moderne also - wie soll das möglich sein? Die rituellen Gesetze sind zwar in ihrer Essenz verbindlich, müssen aber in ihrer Interpretation und Anwendung den jeweils herrschenden Zeiten angepasst werden. Daher ist es wichtig, die historischen Ursprünge der einzelnen Gesetze zu kennen und zu analysieren. Sie müssen sowohl in ihrer Entwicklung als auch in ihrer Funktion in der heutigen Welt Bestand haben.
Das folgende Beispiel veranschaulicht das: Während ein liberaler Jude am Shabbat problemlos den Heißwasserhahn aufdreht – kein Mensch muss hierfür extra Feuer anzünden, was am Shabbat verboten ist – und ein Orthodoxer genau dies niemals täte, einfach, weil das Religionsgesetz es verbietet, forscht der Konservative nach der Art der Erhitzung. Wenn ein Durchlauferhitzer die Quelle des warmen Wassers ist, so wird er den Wasserhahn nicht aufdrehen, weil er damit den Stromkreislauf in Gang setzen würde, also im übertragenen Sinne Feuer anzünden. Wenn aber das Wasser durch eine große Gemeinschaftstherme in einem Mietshaus läuft, so wird er auch am Shabbat warm die Hände waschen, denn das Wasser wird ohne sein Zutun permanent erhitzt.
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