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Zeitfragen | Beitrag vom 22.02.2021

Erinnerungskultur in BayernEhemaliges Zwangsarbeiterlager soll Gedenkort werden

Von Susanne Lettenbauer

Blick auf die Baracke 5 durch einen Bauzaun. Im Vordegrund ist eine Rankpflanze am Zaun zu sehen. (imago images / HR Schulz)
2011 wurde beschlossen, das ehemalige Zwangsarbeiterlager Neuaubing zu sichern. Seitdem wird im Rathaus immer wieder über das Projekt gesprochen. (imago images / HR Schulz)

Im Lager Neuaubing* waren zur Nazi-Zeit Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa untergebracht. Jeden Tag wurden sie zur Arbeit in ein Reichsbahn-Ausbesserungswerk getrieben. Jetzt soll dort ein Gedenkort entstehen.

"Das ist sehr wahrscheinlich die Frauenbaracke gewesen. Sie sehen hier einfach an der Bodenbeschaffenheit, dass dieser Raum drei kleine Räume waren. Hier war Mauer und der nächste Raum dann quasi bis hier."

Susanne Musfeldt-Gohm deutet auf den Boden, scharf zeichnen sich Spuren früherer Mauern ab.

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Was heute ein geräumiges, gemütliches Zimmer für ein Künstlerduo ist, waren einmal drei getrennte Räume. Sie müssen winzig gewesen sein, vielleicht 15 Quadratmeter. Jedes Einzelne vollgestellt mit Doppelstockbetten für mindestens acht bis zehn Zwangsarbeiterinnen.

Nur in einem Zimmer stand ein kleiner Eisenofen. Eine typische Baracke, wie sie deutschlandweit in Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern standen:

"Ich finde immer, wenn man da durch die Tür geht, denke ich so, puh, ja, das war so damals ... Und die Fensterläden waren alle nur von außen zu schließen und zu verriegeln …

Als ich eingezogen bin, da macht man so kleine Ich-nehme-den-Raum-in-Besitz-Sachen, wie zum Beispiel Fensterputzen. Und als ich diese Fenster geputzt habe, da habe ich einen kleinen Flashback gehabt, und habe gedacht: Mein Gott, wer hier schon alles durchgeschaut hat zu der damaligen Zeit."

Das Gelände gehörte der Reichsbahn, die die Zwangsarbeiter jeden Tag zu Fuß ins zwei Kilometer entfernte Reichsbahn-Ausbesserungswerk RAW treiben ließ. Nach dem Krieg kümmerte sich die Deutsche Bahn kaum noch um die 20.000 Quadratmeter große Anlage, 2014 wurde sie verkauft.

"Ich erinnere mich daran, wie wir dort lagen"

Kurzzeitig wurde sie als Lehrlingsheim genutzt, dann als Schrottplatz, in ein Gebäude zog ein Kindergarten ein. Was genau hier ablief in der Nazi-Zeit, daran erinnert sich noch eine Zeitzeugin: Anna*. Als 13-Jährige wurde sie 1944 gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei Schwestern nach München verschleppt.

"Ich erinnere mich daran, wie wir dort lagen. Dann begannen sie, uns zur Arbeit zu bringen. Sie haben alle diese Minderjährigen versammelt und die Patrouillen führten uns zu diesem Werk oder einer Werkstatt oder so etwas. Ich weiß es nicht genau. Wir haben dort etwas angefertigt. Man gab uns solche langen Streifen aus Eisen. Dort war eine Werkbank. Und wir mussten an dieser Werkbank diesen Draht zerschneiden."

In der alten Lagerküche hat heute Steinmetz Peter Heesch seine Werkstatt. Holzfußboden, gemauerte Wände, hohe Decken – alles original, nur ein Ofen ist dazu gekommen:

"Es ist nicht unangenehm, nein, es ist nicht unangenehm. Ich würde sagen, es schärft das Bewusstsein. Auch in den anderen Baracken. Es schärft das Bewusstsein, dass es so was gibt, dass es so was gab, und ... ich meine – Zwangsarbeit gibt es heute noch, auf der ganzen Welt, wo Menschen unfreiwillig arbeiten müssen."

Jetzt soll hier ein Gedenkort entstehen. Gleichzeitig sollen aber die Werkstätten bleiben, auch der Baracken-Kindergarten und eine kleine Tierfarm des städtischen Sozialamtes.

Es gibt kaum noch Zeitzeugen

Seit 2011 beschlossen wurde, das ehemalige Zwangsarbeiterlager zu sichern, wird im Rathaus immer wieder über das Projekt gesprochen. Eine Baracke wurde saniert. Eine App ist in Arbeit.

Die geplante Ausstellung wird wohl erst 2024 eröffnet – voraussichtlich, sagt Projektleiter Paul-Moritz Rabe vom NS-Dokumentationszentrum München. Fast 80 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner. Zeitzeugen gibt es fast keine mehr. Warum dauert das so lange?

"Gute Frage. Das hängt viel mit öffentlichen Verwaltungsprozessen zusammen, aber auch damit, dass das Gelände am Anfang noch gar nicht im Besitz der Stadt München war. Ein anderer hing auch damit zusammen, dass das NS-Dokumentationszentrum selbst erst 2015 gebaut wurde."

In direkter Nachbarschaft des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers entsteht derzeit das größte Neubauprojekt Münchens mit 20.000 Wohneinheiten. Das Leben geht weiter.

Es soll kein Disneyland werden

In welcher Form passt dann noch ein Gedenkort hierher? Historiker Rabe:

"Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie dieser Ort sein soll in Zukunft, und darin liegt auch durchaus eine Spannung. Es gibt die Meinungen, die eher sagen, es muss das Lager wieder deutlich sichtbar erkennbar werden als ein solches, dass man das auch architektonisch sofort sehen kann, wenn man den Ort betritt. Dann gibt es auch solche, die sagen: Gerade das Besondere ist der zweite Blick, dass man die gegenwärtige Nutzung nicht verdrängt durch die Vergangenheit. Wir streben irgendwas dazwischen an."

Dr. Paul-Moritz Rabe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokumentationszentrum, blättert in einem Buch, bei der Begehung von Baracke 5, auf dem Gelände des Zwangsarbeiterlagers München Neuaubing.  (imago images / HR Schulz)Paul-Moritz Rabe in einer Baracke auf dem Gelände des Zwangsarbeiterlagers. (imago images / HR Schulz)

Eine vage Aussage. Klar ist: Bei allen Gedenkstätten Deutschlands sei man sich einig, so der Chef der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller, dass Teile oder Gebäude von Opferorten wie Buchenwald, Dachau oder eben Neuaubing nicht rekonstruiert werden sollen. Man werde kein Disneyland zulassen, betont Freller. Künftig werde eben mit Videos von Zeitzeugen, Originalaufnahmen, VR-Technik und Smartphone-Applikationen gearbeitet.

Denn: Rekonstruktionen könnten bei der rechten Szene und all denen, die für die Gräueltaten der Nazis sensibilisiert werden sollen, als Nach- und damit Fake-Bauten belächelt werden und gerade das Gegenteil bewirken.

"Ich will nichts überemotionalisieren. Keine Gefühlsduselei oder so was, aber was es braucht, ist ein emotionaler Zugang, wenn ich Verhalten ändern will. Nur mit kognitivem Wissen mögen sich einige wenige Köpfe sich dadurch anders verhalten. Es heißt ja erinnern, dass man nicht nur forscht oder wiedergibt, sondern auch aus Empathie zu den Opfern sich anders verhält und dazu brauche ich mehr als nur Geschichtswissen."

*Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Fassung hatten wir in der Überschrift und im Teaser "ehemaliges KZ-Lager Neuaubing" geschrieben. Das haben wir korrigiert, da Neuaubing ein Zwangsarbeiterlager war.

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