Erinnerung als Gruselkabinett

Rezensiert von Carsten Hueck |
Mit ihrem Debüt "Die Schattenboxerin" erregte sie Aufsehen. Vor zwei Jahren erhielt die 1967 in Frankfurt/Main geborene Autorin Inka Parei den Bachmann-Preis für das Eingangskapitel ihres Romans "Was Dunkelheit war". Das Buch ist eine Studie über Zeit und Spuren von Gewalt in der menschlichen Seele.
Mit ihrem Debüt "Die Schattenboxerin" fiel sie gleich auf. Inka Parei erhob ihre Erzählstimme 1999 eigenwillig, geheimnisvoll und klar zugleich. Vor zwei Jahren erhielt die 1967 in Frankfurt/Main geborene Autorin den Bachmann-Preis für das Eingangskapitel ihres neuen Romans "Was Dunkelheit war".

In seinem Zentrum stehen Vergessen und Erinnerung, ein Haus und ein namenloser Mann. Um die 70 ist er, ehemaliger Weltkriegsteilnehmer, pensionierter Postbeamter. Vielleicht so etwas wie ein typischer Deutscher seiner Generation. Seit kurzem lebt der Mann in einem schäbigen Eckhaus am Stadtrand von Frankfurt am Main. Er hat es geerbt - von jemandem, an den er sich nicht erinnern kann oder will, eine ehemaliger Kriegskamerad vermutlich. Zum Haus gehören Gastwirtschaft, Metzgerladen, Hinterhof und ein verwaister Hoteltrakt.

Der Mann, fremd am Ort, beobachtet das gesamte Areal, versucht, sich von seiner kleinen Wohnung aus einen Überblick zu verschaffen. Doch undurchsichtig bleiben ihm die Vorgänge im und um das Haus herum. Matt spiegeln sie nur das verdämmernde Bewusstsein des Mannes. Ob er dement, an Alzheimer erkrankt ist oder sich bereits in Agonie befindet, lässt Inka Parei offen. Sie konstruiert die Welt ihres Protagonisten als Ort, an dem sich Zeitebenen aufheben und der Schlaf der Vernunft qualvolle Bilder produziert. Wie Wrackteile treiben sie im unüberschaubaren Bewusstseinsmeer des Mannes, der sich abmüht, sie wieder zusammenzusetzen.

Es ist Herbst. Kalt, grau und regnerisch. Eine ungemütliche Zeit Anfang Oktober 1977. Inka Parei führt die schemenhaften Wahrnehmungen und Erinnerungen des alten Mannes eng mit dem aktuellen Ereignis jener Tage: der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF. Der Alte, einsam und gebrechlich auf sich selbst zurückgeworfen, wird von Schreckensbildern heimgesucht. Szenen von Gewalt, Verfolgung und Tod, Gesichter von Opfern und Tätern flackern grell auf. Sie schrecken ihn nicht weniger als die Alltagseindrücke.

Pareis Hauptfigur geistert durch den verlassenen Hoteltrakt des Hauses wie durch die abgedunkelten Bereiche der eigenen Vergangenheit. Die Begegnung mit einem fremden Hotelgast wird zur nachhaltigen Verstörung, Aktivitäten von Metzger und Gastwirt scheinen auf ein Verbrechen hinzuweisen. Aber nichts ist klar, alles bleibt angedeutet. Fragmentarisch sind die Wahrnehmungen, ungreifbar die Realität.

Inka Parei webt schreibend einen Schleier. Undeutlich wird so der Ablauf jeglicher Handlung, Zeitebenen verwischen, Bewusstein verdämmert. "Was Dunkelheit war" bleibt dunkel bis zum Schluss. Kunstvoll ist dieser Text in der konsequenten Entsprechung von Inhalt und Form, betrüblich aber in seiner Wirkung.

Die Autorin zieht den Leser vordergründig hinab in die nichtssagende, muffige Realität eines banalen Alten, der auf eine scheinbar ereignislose Biografie zurückblickt. Bedrohlich scheinen die Kriegstage auf, grausiger Morast von Erinnerungen, in denen der Mann selbst, wie eben auch der Leser, immer wieder stecken bleibt. Persönliche Vergangenheit erscheint hier als labyrinthisches Gruselkabinett. Ihrer Verdrängung mag es zuzuschreiben sein, dass der Alte seltsam konturlos bleibt. Die Schilderung seiner vielleicht einzigen Liebe verkümmert in der Agonie zum traurigen Nebenschauplatz. Aber auch die anderen Figuren des Romans wirken platt.

Kalt, aus der Distanz, zeichnet Inka Parei die modrige Atmosphäre eines Geisterhauses. Der Roman ist eine sinistere Studie über Zeit und Spuren von Gewalt in der menschlichen Seele. Die Autorin konfrontiert nicht lauthals mit Erkenntnissen. Sie lässt den Leser allein mit einer ungelösten Geschichte, einem trostlosen Abbruch des Lebens, einer unbeantworteten Schuldfrage.

Inka Parei, "Was Dunkelheit war", Schöffling&Co, Frankfurt/Main, 168 S., 18,90 €