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Länderreport | Beitrag vom 19.07.2019

Erinnern im brandenburgischen FriedersdorfDie Spur der Gedenksteine

Von Nana Brink

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Die alte Dorfkirche von Friedersdorf entstand im 13. Jahrhundert. Das Foto zeigt den Turm der Kirche im Hintergrund. Davor ist ein Gedenkstein zu sehen. (Nana Brink/Deutschlandradio)
Die alte Dorfkirche von Friedersdorf entstand im 13. Jahrhundert. (Nana Brink/Deutschlandradio)

In Friedersdorf erzählen Gedenksteine Vor- und Nachkriegsgeschichte(n). Hans-Georg von der Marwitz will die Erinnerung wachhalten. Eine Idee des Biobauern: zwei sehr unterschiedliche Gedenksteine statt am Kirchhof zentraler im Ort aufzustellen.

"Der älteste Teil aus dem späten 13. Jahrhundert, nach dem 30-jährigen Krieg wurde das eine Barock-Anlage, die dann erst 1828 durch Schinkel umgebaut wurde, und dann diese markante neugotische Fassade bekam, die heute sich in den Archiven findet."

Ich stehe mit Hans-Georg von der Marwitz auf dem Platz vor dem ehemaligen Schloss seiner Familie. Der schlanke, hochgewachsene Landwirt, aufgewachsen im Allgäu, macht ein ausladende Bewegung. Das Schloss kenne ich nur von Fotos, sagt er. Unvergessen der Moment, als er als junger Mann im Sommer 1989 zum ersten Mal nach Friedersdorf kommt.

Das brandenburgische Friedersdorf mit Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert. Umbau ab 1702 unter Hans Georg von der Marwitz).  (picture alliance/dpa/akg)Friedersdorf in Brandenburg: die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert. (picture alliance/dpa/akg)

"Das waren zur damaligen Zeit sehr ernüchternde Erlebnisse, denn Kirche und Schlossplatz waren zum Teil ganz zerstört, es sah abenteuerlich aus, und in gewissen Grade auch in seiner Stimmung schon auch faszinierend. Aber letztlich die Ausstrahlung war so, dass man sich das nicht hätte vorstellen können, dass hier ein Neuanfang in irgendeiner Form möglich sein würde."

Alles auf Anfang in Friedersdorf

Es ist möglich. Der Enkel, dessen Familie seit 1682 in Friedersdorf beheimatet ist, kauft und pachtet die Güter seiner Großeltern. Er baut ein neues Haus für seine Familie – und renoviert die Kirche. In deren kühlen Gewölbe liegt der Grabstein eines berühmten Offiziers von der Marwitz. Er widersetzte sich einst Friedrich dem Großen, der ihn nötigte, ein sächsisches Schloss zu plündern. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zitiert Theodor Fontane die Inschrift auf der Grabplatte: "...wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte". 

Aber es ist nicht nur die Familiengeschichte, die den jungen Hans-Georg – "den "Wessi" müssen Sie sagen!", und er lacht mich an – plötzlich bewegt. "Also, natürlich war klar, dass diese Region im Krieg ganz besonders gelitten hat, es war die größte Schlacht auf deutschem Boden hier rund um die Seelower Höhen, das Oderbruch war ein riesiges Schlachtfeld, und auf einer meiner ersten Reisen habe ich auch die Gedenkstätte Seelower Höhen besucht. Und spätestens da wurde einem klar, was diese Region hier erlebt haben muss, hier sind mehrfach die Panzer durch den Ort gezogen, und der ganze Ort war zerschossen und zerbombt, zerstört. Es fiel mir sehr viel leichter zu verstehen, warum Friedersdorf so in einem besonderem Maße gezeichnet war."

Der CDU-Abgeordnete und Biobauer Hans-Georg von der Marwitz. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul) Verwurzelt in Friedersdorf: Biobauer Hans-Georg von der Marwitz. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Von der Marwitz erläutert: "Das ist der Familienfriedhof, ja, der ist schon wieder sehr schön eingewachsen, und ein Ort des Gedenkens für die Großfamilie, natürlich auch für uns: Hier liegt mein Vater, mein Onkel, mein Vetter, und hier liegt mein Großvater, alle nach '89 hier beerdigt, beziehungsweise umgebettet."

Der Kirchplatz zeugt von vielen Geschichten

Der Kirchplatz in Friedersdorf allerdings zeigt viele Namen. Und Geschichten. Und Gedenksteine. Links auf dem glatten, grauen Granitstein steht: "Ruhm und Ehre den Helden der Sowjetunion 1941 – 1945", auch in kyrillischer Schrift. Nur ein paar Meter entfernt ein übermoostes Ehrenmal mit einem Stahlhelm: "Friedersdorf – Seinen Gefallenen – 1939–1945". Der Stein hat eine besondere Geschichte, welche auch den Stahlhelm erklärt, den man sonst auf wenigen Gedenksteinen findet.

"Er sollte gesprengt werden, und in einer Nacht- und Nebelaktion haben die Bürger des Ortes ein großes Loch gegraben und haben diesen Stein am Ortseingang, wo er stand, versenkt. Und wir haben ihn dann dort wieder gehoben und haben ihn jetzt erst einmal hier aufgestellt."

Auf dem Stein stehen nicht nur die Namen der Gefallenen von der Marwitz, sondern aller Dorfbewohner. Als er 1946 vergraben wird, damit ihn die neuen Machthaber nicht sprengen, denken nur wenige, dass sie ihre Geschichte wieder ausgraben werden – 50 Jahre später. Heute steht der Stein mit dem Stahlhelm neben dem sowjetischen Ehrenmal.

"Auf kirchlichen Besitz, also die Grenze geht ungefähr hier, 15 Meter von der Friedhofsgrenze entfernt, aber es ist eben nur ein kleines Terrain, das, was sich innerhalb der Hecken befindet. Es lässt sich nur über meine Toreinfahrt hier besuchen. Insofern ist es wirklich eine Überlegung, diese Gedenksteine an zentraleren Orten aufzustellen."

Die Mitglieder des Angelvereins kümmern sich

Um das sowjetische Ehrenmal kümmert sich übrigens der örtliche Angelverein. Gemäß der Vereinbarung in den so genannten "2 plus 4"-Gesprächen mit Vertretern der – damals noch – beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten hat sich die Bundesrepublik zum Erhalt aller sowjetischen Gedenkstätten verpflichtet. Und zahlt dem Angelverein einen jährlichen Obolus. Als wir die lange Toreinfahrt entlanggehen – an den beiden so unterschiedlichen Denkmälern – wird Hans-Georg von der Marwitz sehr nachdenklich.

"Jetzt kommt hinzu, dass es immer schwieriger wird, diese Erinnerungskultur – übrigens beide Erinnerungskulturen, auch die in Deutschland – wach zu halten, das ist eine Herausforderung. Also hier kommt, wenn es hoch kommt, einer, zwei im Jahr, die sich da auch wirklich interessieren. Ansonsten kommt hier niemand mehr, der sich regelmäßig um diese Gedenkstätte kümmert."

Hans-Georg von der Marwitz will wenigstens eines garantieren: Dass das Tor offen bleibt: "Wie soll ich sagen – einladend soll es ja sein!"

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