Seit 08:05 Uhr Kakadu
Sonntag, 17.01.2021
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.02.2006

Erichs Knisterbude vor dem Aus

Immobilienstreit um das legendäre DDR-Rundfunkgelände an der Nalepastraße

Podcast abonnieren

Der Polizeiruf 110 wurde hier gedreht. Sting nahm hier eine Platte auf. Und das berühmte Filmorchester Babelsberg hat hier seinen Sitz: Das Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Berliner Nalepastraße ist eine bekannte Adresse in der Kunst- und Medienszene. Denn die noblen, technisch ausgefeilten Ton-Studios sind einzigartig in Europa.

Allerdings: Das Areal rund um die Studios verfällt, seit 15 Jahren wurde hier nichts saniert. Nun macht auch noch ein neuer Investor den Mietern des Objektes das Leben schwer und zerschlägt viel Porzellan. Dabei sollte das historische Gelände eigentlich zu einer High-Tech-Mediencity entwickelt werden. In dem denkmalgeschützten Objekt, in dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist.

Francesco Wilking: "Das ist wie, als wenn man so einen alten Dinosaurier sieht (lacht). Im naturhistorischen Museum. Es gibt mir schon so einen Eindruck, was der Osten wohl auch gewesen ist. Also dieses ganze Verstaatlichte, was die Kultur angeht, was es damals gegeben hat, das atmet man hier auch schon ein bisschen. Also eben, dass die Musiker selbst und die Kulturschaffenden auch Arbeiter waren und das ist halt hier die Fabrik davon gewesen - eben von der Musik und von den Hörspielen."

Berlin, Nalepastraße, auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks. Francesco Wilking probt mit seiner Band "Tele" in einem der alten Studios. Denn hier, auf dem riesigen, verwaisten Areal - weit weg von der City – herrscht Ruhe. Und die alten Backsteinbauten verströmen ein exotisches Flair: Holzvertäfelung, Parkett, Lampen, Stühle und sogar Toiletten stammen alle noch aus tiefster DDR-Zeit. Für die Jungs aus dem Schwarzwald ein "Trip" in die Geschichte.

Wilking: "Man hat schon das Gefühl, man würde durch einen Film laufen."

Felgner: "Nee, dat sollte man nicht vergleichen mit DDR. Das hat überhaupt nichts mit DDR zu tun, das ist nicht wie der Palast der Republik, wo die Kommunisten auf der Strasse gehen und sagen: Unser roter Palast, der soll erhalten bleiben! Das ist ganz einfach hier Denkmalschutz, hier ist was Besonderes entstanden, was Einmaliges auf der Welt, was man dergleichen nirgendwo auf der ganzen Welt wieder findet. Das ist eben ein Denkmal."

Norbert Felgner arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten auf dem Rundfunkgelände. Der 51jährige Objektleiter eilt mit weißen Turnschuhen, blauem Parka und einem dicken Schlüsselbund geschäftig über das Areal, das zehn Fußballfelder groß ist. Überall muss er nach dem Rechten sehen, vor allem in den denkmalgeschützten Musik- und Sendesälen.

Felgner: "Ja, das ist der größte Saal, den wir hier haben, Saal 1. Und hier sagt man eben, hier ist weltweit die beste Akustik. Hier hat schon Barenboim aufgenommen, seine Wagner-Inszenierung oder Justus Franz. Wir haben ihn aber nicht nur für Musikaufnahmen genommen, also hier wurden auch schon… Rammstein hat hier Platin bekomme, hier drin, also Feiern werden hier ooch gemacht offiziell und so, also ist schon ein Traum, einmalig schöner Raum."

Seiden-Tapete, Kirschholzparkett, ledergedämmte Decken. Felgner schwärmt: Sting sei schon hier gewesen, Nena und A-ha. Und jede Menge Filmemacher nutzten die Kulisse. Der Hauswart führt stolz durch kathedralengroße Hörspielstudios, in die einst ganze Treppenhäuser, Kellergewölbe und Sandwege hinein gesetzt wurden.

Felgner: "Wer so was noch nicht gesehen hat, für den ist das fantastisch. Hier hat man eben unter jedem Holzding eine andere Kieskörnung und Sand und so weiter, man konnte hier eben nachstellen, wenn eener an der Ostsee war, ist der durch den Sand gelaufen, was natürlich sehr leise war und hat die Oma im Altberliner Treppenhaus angerufen und gesagt: Oma, schick mir Geld!"

Rückblick, 1956. Auf dem Gelände einer ehemaligen Möbelfabrik wird das zentrale DDR-Rundfunkobjekt eingeweiht. Eine der ersten Stationen, die von hier aus funken, ist eine Geheimstation. Ihr Name:

Der Deutsche Freiheitssender 904 macht Propaganda im Westen. Am 17. August 1956, am Tag des KPD-Verbots, taucht plötzlich die "Stimme der KPD" aus dem Untergrund auf, Zitat, "als einziger Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht". Niemand darf erfahren, dass in Wirklichkeit aus dem Osten gefunkt wird. Zuerst aus der Nalepastraße, später aus Berlin-Grünau und dem brandenburgischen Bestensee. Besonders skurril: Der deutsche Freiheitssender verbreitet sogar Agenten-Botschaften.

"Achtung, wir rufen den Postschaffner! Das dritte Wort im Telegramm ist die Lösung. Ich wiederhole: Das dritte Wort im Telegramm…"

Die Botschaften sind allerdings nicht echt, die vermeintlichen Spionage-Nachrichten nur Inszenierungen. Die Intention: Es soll eine Geheim-Aura verbreitet und ein einflussreiches Agentennetz im Westen vorgetäuscht werden. Das haben Historiker nach der Wende herausgefunden.

"15 Uhr, hier ist Stimme der DDR…."

Die offiziellen, die Hauptsender aus der Nalepastraße heißen Radio DDR 1, Radio DDR 2, Berliner Rundfunk und DT 64. Auch die Berliner Welle, der Deutschlandsender und Radio Berlin International, die fürs Ausland produziert werden, haben hier ihre Redaktionen. Bis zu 5000 Menschen arbeiten zu jener Zeit auf dem Gelände.

Schwarz: "Ansonsten war das wie eine große Stadt, so muss man sich das vorstellen. Auf dem Gelände gab's eine Poliklinik mit allen Ärzten, die man brauchte, auf dem Gelände gab's einen Einkaufsladen, auf dem Gelände gab's ne Sauna, auf dem Gelände gab's die Betriebsakademie, wo man sich fort bildete. Und natürlich die Kantine. Also da war alles da. Das war ne sehr lebendige Geschichte."

Wer heute ehemalige DDR-Rundfunkmitarbeiter nach ihren "Nalepa-Erinnerungen" befragt, erhält häufig folgende Stichworte geliefert: Bananen, Argu und 60/40. Bananen stehen für die Sonderversorgung der "Radiostadt". Und 60/40 steht für das Verhältnis von Ost- zu Westmusik: Mindestens 60 Prozent der gesendeten Lieder mussten nämlich aus den sozialistischen Ländern stammen. Petra Schwarz, einst Redakteurin beim Jugendradio DT 64, erklärt, was Argu bedeutet.

Schwarz: "Das hieß Argumentation. Da wurde ganz klar die Richtung vorgegeben. Der Chefredakteur hat da gesessen und hat gesagt: Thema XY behandeln wir so! Und irgendwelche heißen Eisen, wurden natürlich meistens zur Seite gelegt, wurden nicht behandelt. Letztlich … wurde das weitestgehend natürlich umgesetzt, was da angesagt war."

Petra Schwarz erinnert sich aber auch, dass zumindest in den Kultursendungen die Andeutung realer DDR-Probleme möglich war. Eine Gratwanderung, die mitunter dazu führte, dass die Journalistin dann in den roten Backstein-Turm auf dem Gelände zitiert wurde.

Schwarz: "Ach, es gab öfter mal Krach. Musste öfter mal zum großen Vorsitzenden, wie wir so gesagt haben, also zum Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Rundfunk, so hieß das ja. Und Muffensausen hatte man schon. Also bisschen Muffensausen war schon dabei."

Doch wer den Bogen nicht überspannte, durfte nach einer Strafpredigt wieder ans Mikro.

Schwarz: "Was immer ein bisschen ominös war, wenn man ins Archiv kam. Da wusste man, da gibt’s Plätze, wo mitgeschnitten wurde. Also wenn man ins Archiv kam und sagte: Ich hab gehört beim Rias wurde gestern das und das und jenes gesendet, ich bräuchte das mal! Oh, da wurde eine Riesen-Geheimniskrämerei drum gemacht.
Man kriegte das dann meistens auch schriftlich, also man kriegte das dann meistens auch schriftlich. Man konnte das dann anfordern und da stand dann geschrieben, was in der jeweiligen Sendung gesagt wurde. Also das wurde natürlich alles aufgezeichnet, ganz klar."

Aufgezeichnet wurde noch ganz Anderes in der Nalepastraße. Objektleiter Felgner zeigt einen Technikraum mit meterhohen Relais-Wänden: die alte Telefonzentrale. Mit einem Regal in der Ecke, in dem einst Tonbandgeräte standen.

Felgner: "Na dit war hier die Abhörsache, wenn man nach dem Westen telefoniert hat, hier konnte die Stasi… und hat das dann abgehört und dann wurde das ausgewertet. Weil das war ja bekannt damals, wenn man ne Rufnummer gewählt hat nach Westberlin oder Westdeutschland, dann sprangen die an."

Im roten Turm, in der sechsten Etage - eine Kammer mit Eisengitter: Raum A 604.

Felgner: "War die Waffenkammer."

Neonlicht, gemusterter Linoleumfußboden, eine gelbe Gardine, die schlaff vorm Fenster hängt: Bis auf das Gitter und die Siegel-Reste an der Tür erinnert heute nichts mehr an die Waffenkammer der Stasi.

Felgner: "Naja, das waren Pistolen drin und Leichtfeuergewehre oder sowat. Die Waffen hat man nicht gesehen, die waren ja hinter Panzerschränken, verschlossen waren die ja. Deswegen ja auch hier diese Eisengittertür – aber man wusste eben, dass das hier ist. Stand ja auch dran: Waffenkammer."

Felgner hatte damals – wenn auch unter Bewachung - Zutritt zu den Räumen der Staatssicherheit. Mussten doch auch hier mal Glühlampen ausgewechselt oder Rohre repariert werden. So hat der gelernte Klempnermeister von den Waffen erfahren.

Felgner: "Die blieben da, die wurden auch nicht am Mann getragen. Sondern das war nur, wenn jetzt der Bonner Aggressor uns überfallen hätte, der Bonner Aggressor, so wurde das ja oftmals gesagt, dann hätten die Leute eben versucht hier eben, in ihren geschützten – gab's ja noch mal ein anderes Studio hier, in ihren geschützten Räumen hier den Rundfunk weiter zu betreiben."

Das "andere Studio" war ein Notfunk-Keller: Mittlerweile eingefallene, fensterlose Räume, aus denen im Kriegsfall gesendet werden sollte.

Felgner: "Der Rundfunk war ja nun mehr wert als der Fernsehfunk. Weil, wenn der Strom ausgefallen wäre, hätte jeder zu Hause noch ein kleenes Kofferradio, Batterie betrieben, und da hätte man noch weiter seine Propaganda weiter betreiben können. Aber diese Studios und dies alles ist nie in Betrieb gegangen, stand nur da und hätte vielleicht mal in Betrieb gehen können, wenn... weiß der Kuckuck was gewesen wäre."

Die Hörfunk-Leute wussten damals nichts von den Geheimobjekten. Ihre Erinnerungen drehen sich heute vor allem um ausgelassene Rundfunkpartys, um entspannte Mittagspausen am Ufer der Spree und um die hauseigene Sauna.

Schwarz: "Oh, Sauna, war sehr beliebt. Sauna hab ich öfter besucht. Spätabends auch, das war ne tolle Einrichtung."

Petra Schwarz, die heute beim MDR arbeitet, schwärmt vom damaligen Kollektiv-Feeling.

Schwarz: "Wer gerade da war, saß drin, in der Sauna. Und wenn's meine Chefin war, dann saß die auch drin. War familiär, wir haben uns auch geduzt. Ich hab noch nie einen Chef gesiezt zu DDR-Zeiten."

Beyer: "Ich kenne also noch den Vollbetrieb zu DDR-Zeiten. Ich sehe hier noch vor meinem inneren Auge irgendwie so die 4500-5000 Mitarbeiter durch die Gänge schleichen. Das heißt: Vollbetrieb, das heißt Funktionärstum, das heißt Ideologie, das heißt vielleicht auch Propaganda. Hieß aber auch damals schon immer: hervorragende Möglichkeiten, um Musik zu produzieren, das war schon sehr ambivalent. Dann hieß es, nach dem Mauerfall: abschmelzen, sterben, Unkraut, Verfall."

Klaus Peter Beyer arbeitete früher als Bratschist in einem der DDR-Rundfunkorchester. Der Künstler hat hautnah erlebt, wie die Ostsender Anfang der 90er Jahre aufgelöst wurden; wie sich das Gelände nach und nach leerte. Doch Beyer blieb und holte das berühmte Filmorchester Babelsberg hierher, das bis heute in den großen Studios seine Aufnahmen macht.

Allerdings ist die Nalepastraße für den Intendanten und sein Orchester mittlerweile eine unsichere Adresse. Denn der Eigentümer hat gewechselt. Bislang fungierten die neuen Bundesländer als Besitzer des Objekts, doch kürzlich haben sie – nach jahrelanger Investorensuche – das Areal an eine Firma aus Sachsen-Anhalt verkauft. Diese verlangt nun wesentlich mehr Miete für die Studios.

Beyer: "Stellen Sie sich vor, Ihr Vermieter steht von einem Tag auf dem anderen bei Ihnen in der Tür und verlangt die dreifache Miete. Was bedeutet das für Sie? Ich denke mal, das ist eine Frage, die sich jeder auf diese Art und Weise sehr leicht beantworten kann. Zunächst hat man erstmal ein Problem und muss darüber nachdenken, ob das überhaupt geht."

Im roten Turm, im Büro des Vorsitzenden des DDR-Rundfunkkomitees, residiert heute – an einem meterlangen Konferenztisch - Wolf Hartmann. Hartmann ist Chef der Firma Go East Invest und vertritt den neuen Immobilienbesitzer in Berlin. Sein Credo: durchgreifen.

Hartmann: "In den 15 Jahren hat sich hier vielleicht eine kleine Insel des Sozialismus erhalten, manche haben hier auch gelebt wie die Made im Speck und jetzt kommt ein privater Investor, der auch in gewisser Weise für Ordnung sorgt."

Hartmann klagt, die Einnahmen seien zu gering und die Nebenkosten zu hoch, er mache nur Verluste. Deshalb die Mieterhöhung. Allerdings gibt es Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Mieterhöhung sowie Ärger mit der Energieversorgung des Objektes. Umstritten ist auch, was aus dem Gelände insgesamt wird.

Der Besitzer aus Sachsen-Anhalt plant hier nach eigenen Aussagen etwas Großes: eine Riesen-Mediencity. Gleichzeitig hat er aber den Kern des Areals bereits an eine dritte Firma weiter verkauft, über deren Gesellschafter und Ziele nichts bekannt ist. Das Land Berlin ist deshalb misstrauisch. Für Christoph Lang von der Senatsverwaltung für Wirtschaft ist das Projekt viel zu undurchsichtig.

Lang: "Wir hatten von Anfang an Zweifel an der Bonität und an der Ernsthaftigkeit des Projektes. Nun ist es leider so, dass sich die Zweifel bewahrheiten."

Im Berliner Abgeordnetenhaus wurden bereits Notpläne erörtert - Pläne für eine Rückabwicklung des Kaufvertrages.

Lang: "Sollte der Kaufvertrag rück abgewickelt werden, wird sich Berlin mit der Variante befassen, dass man eventuell diese Liegenschaft zurück nimmt, übernimmt, um eben den Fortbestand der Studios und des denkmalgeschützten Ensembles zu gewährleisten."

Objektleiter Norbert Felgner, dem die Nalepastraße ans Herz gewachsen ist, macht sich große Sorgen. Zum einen will der neue Investor künftig auf seine Dienste verzichten. Zum anderen ist der 51-Jährige überzeugt, dass das gesamte Rundfunkgelände an der Spree weiter vor sich hindümpeln wird. Auch wenn sogar Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf versprochen hat, sich persönlich darum zu kümmern.

Felgner: "Es gibt so viele Leute, die sich für den Rundfunk …. gesagt haben: Ja, den müssen wir retten, ob det der Minister Wolf war oder der Berliner Senat überhaupt an sich und viele Musiker und Tonmeister und und und. Aber es passiert einfach nichts."

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur