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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.04.2012

"Erheblicher Konformitätsdruck"

Die Autorin Ruth Hoffmann hat für ihr Buchprojekt mit Kindern aus Stasi-Familien gesprochen

Ruth Hoffmann im Gespräch mit Ulrike Timm

Viele Stasi-Kinder wussten nicht, was ihre Eltern beruflich machen. (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)
Viele Stasi-Kinder wussten nicht, was ihre Eltern beruflich machen. (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)

Über die Opfer der Stasi ist viel gesprochen worden. Wie sich die Arbeit der Stasi-Spitzel auf ihr eigenes Leben und auf das ihrer Familien auswirkte, darüber weiß man aber immer noch relativ wenig. Die Autorin Ruth Hoffmann sprach mit 20 Kindern, deren Eltern für die Stasi arbeiteten.

Ulrike Timm: Wer in der DDR hauptamtlich bei der Stasi arbeitete, der war privilegiert. Gute Wohnung, mehr Geld und vor allem: Macht über andere. Als Feind konnte sich aber auch der eigene Sohn entpuppen oder die Schwiegermama, die ihre Westkontakte nicht abbrechen wollte. So bevorzugt die hauptamtlichen Stasi-Leute in der DDR lebten, so gefährdet waren sie in ihrer Karriere, wenn in ihrer unmittelbaren familiären Umgebung irgendetwas aus dem Ruder lief. 20 Stasi-Kinder, also Täter-Kinder, hat die Journalistin Ruth Hoffmann für ihr Buch "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat" ausführlich gesprochen. 20 Lebensläufe, also nicht unbedingt repräsentativ, aber immer aufschlussreich. Frau Hoffmann, schönen guten Tag!

Ruth Hoffmann: Ja, guten Morgen.

Timm: Wie wirkte sich denn die Stasi-Tätigkeit vom Vater oder gar von beiden Eltern auf das Familienleben und die Kinder aus?

Hoffmann: Also erst einmal herrschte ein großes Geheimnis in der Familie, die Kinder wussten in der Regel überhaupt nicht, was der Vater tut. Meistens waren es die Väter, denn die meisten Hauptamtlichen waren Männer. In der Familie wurde dann gesagt, MDI, das war die offizielle Sprachregelung, Ministerium des Innern. Also da würde der Vater arbeiten, das sollten die Kinder auch nach außen sagen, wenn sie in der Schule zum Beispiel gefragt werden, was der Vater denn tut. Und sie wussten eben selber gar nicht, was er macht, wenn er morgens das Haus verließ. Aber alle hatten eigentlich das – den Eindruck hatte ich in den Gesprächen – immer das Gefühl, dass man ihnen was vorenthält, und, ja, spürten dieses Geheimnis, dass da irgendetwas war, was auch das Familienleben bestimmte.

Timm: Nun verstand sich ja die Stasi als verschworene, besondere Elite in der DDR, und in der Stasi-Familie, da war doch sicher die Erziehung zum perfekten DDR-Bürger das Ziel. Wie hat sich denn das gestaltet im täglichen Leben?

Hoffmann: Also in vielen Familien war es tatsächlich so, dass ein hoher Erwartungsdruck auf den Kindern lastete, eben sozusagen die perfekten kleinen Sozialisten zu sein, von Anfang an gut zu funktionieren, den Eltern keine Schande zu machen, im Sinne des Systems natürlich zu funktionieren. Man muss dafür wissen, dass die Karriere der Väter unmittelbar, sie sagten es ja schon in der Anmoderation, an das Verhalten der Kinder gekoppelt war. Also sie konnten Schwierigkeiten kriegen, wenn sich die Kinder nicht staatskonform verhielten. Und von daher war der Konformitätsdruck in diesen Familien zum Teil wirklich erheblich und viele Väter und auch Mütter haben das eben auch mit Gewalt und Druck durchgesetzt, dass die Familie eben auf Linie ist.

Timm: Die meisten hauptamtlichen Mitarbeiter, die lebten ja in Berlin. Und auch in engen Wohnquartieren, die praktisch für die Stasi reserviert waren. Gab es um solche Kinder auf dem Schulhof eigentlich so eine Art Bannmeile oder waren die auch in der Schule unter sich?

Hoffmann: Nein, die sind ganz normal, auf ganz normale Schulen gegangen. Aber tatsächlich, in Lichtenberg gab es Schulen, auf denen der Anteil eben von diesen Kindern relativ hoch war. Aber die haben ja auch eben untereinander nicht darüber sprechen können. Alle kamen eben mit dieser offiziellen Lüge MDI in die Schule. Und eigentlich bricht das ganze System erst so ein bisschen auf, als die Kinder so in die Pubertät kommen und anfangen, Fragen zu stellen. Auch mit Fragen aus der Schule kommen. Also einer meiner Gesprächspartner hat mir zum Beispiel erzählt: In der Schule hieß es dann MDI, MDI, das heißt doch Stasi, dein Vater ist doch bei der Stasi. Und dann ist er nach Hause gegangen und hat gesagt: Was machst du denn da? Du bist ja bei der Stasi. Also da kamen schon dann eben Fragen von außen. Also es war nicht möglich für die Stasi, dieses System trotz dieser relativ geschlossenen Wohngebiete völlig sozusagen wasserdicht zu halten.

Timm: Wie haben die Kinder denn reagiert, als sie größer wurden? Mit Anpassung oder mit Rebellion?

Hoffmann: In den meisten Fällen, mit denen ich gesprochen habe, war es tatsächlich Rebellion in irgendeiner Form. In den meisten Fällen gibt es eben Brüche. Ob das repräsentativ ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass die meisten, die bereit waren, mit mir zu sprechen, einfach schon einen gewissen Abstand haben mussten zu ihrem Elternhaus, eine gewisse Distanz vielleicht auch zum System, um eben bereit zu sein, sich da auch kritisch zu äußern. Von daher sind in meinem Buch eben Geschichten mit Brüchen die Mehrheit. Also in der Pubertät konnte es in diesen Familien aber eben auch ganz schnell zu Konflikten kommen, das musste gar keine große Rebellion sein, sondern die ganz normalen Pubertätskonflikte. Dem Vater passt zum Beispiel die Musik nicht, die sein Sohn hört. Wenn er Punkmusik hört aus dem Westen, das ist schon mal per se natürlich vom Klassenfeind, und dann auch noch mit anarchischen Inhalten, also das ist eine Bedrohung auch für ihn, wenn das rauskommt, und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass es rauskommt, dann kann er eben auch Schwierigkeiten bekommen. Muss sich vor seinen Disziplinaroffizieren dafür rechtfertigen und so weiter. Das bedroht seine Karriere. Und von daher haben die Väter eben oft mit extremer Repression auf solche ganz normalen Konflikte in den Familien reagiert.

Timm: Sprich, es gab regelrechte Familienzusammenbrüche, weil im Zweifelsfall dann die Stasikarriere des Vaters mehr zählte als die Liebe zum eigenen Sohn, der 89 dann irgendwann vielleicht sogar mit demonstriert hat.

Hoffmann: Ja, genau. Ich habe zum Beispiel einen Fall, wo eben der Sohn dann im Gefängnis landete wegen einer etwas kritischen Wandzeitung, die er in seinem Betrieb gestaltet hat. Daraufhin hat der Vater sich offiziell von seinem Sohn losgesagt, und das ist bei Weitem kein Einzelfall. Und er hat dieses Verbot auch bis ’89 durchgehalten, also er durfte nicht mehr sein Elternhaus betreten und also keinen Kontakt mehr, auch mit der Mutter nicht haben, und der Vater hat eben akribisch darauf geachtet, dass das eingehalten wurde. Und die Stasi selbst übrigens auch, dass das Vater dieses Kontaktverbot einhält.

Timm: In Ihrem Buch sagt eines der Kinder, die ja inzwischen auch längst erwachsen sind: Wir müssen ohne die Väter unser wahres Leben finden. Wie haben Sie denn das Verhalten Ihrer Eltern nach der Wende gesehen, bewertet oder auch überstanden?

Hoffmann: Erstaunlicherweise war für viele Kinder gar nicht das Thema die Stasitätigkeit ihrer Eltern, sondern mehr der Umgang danach mit ihnen. Das heißt also, viele Kinder haben wirklich das Gespräch mit ihren Eltern, mit ihren Väter gesucht und sind da vor Mauern gelaufen. Auch Jahre nach dem Mauerfall noch. Also das Schweigen zu DDR-Zeiten setzte sich sozusagen auch nach ’89 fort. Und für die Kinder ist eigentlich das nach meinem Empfinden die eigentliche Verletzung, dass ihnen das Gespräch verweigert wurde. Ich habe zum Beispiel einen Sohn, der mit seinem Vater sprechen wollte. Der hatte Mitleid nach 89, weil zum Beispiel der Name seines Vaters in der TAZ auftauchte. Die hat Listen veröffentlicht von hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeitern, und da tauchte dann eben auch sein Vater auf. Daraufhin wurde er auf der Straße bespuckt und beschimpft. Und da hatte er Mitleid und ist dann auf seinen Vater zugekommen, eine, finde ich, große Geste, denn das Verhältnis war sehr, sehr schwierig, und der Vater hat eben einfach abgeblockt.

Timm: Wir sprechen mit Ruth Hoffmann über ihr Buch "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat". Frau Hoffmann, nun haben Sie Stasi-Kinder getroffen, die in ihrem Leben rebelliert haben gegen ihre Herkunft. Die wollten dann auch reden, klar. Haben Sie eigentlich irgendwie erfahren, wie diejenigen, deren Erziehung aus Stasisicht sozusagen geglückt war, die also das Denken ihrer Eltern übernahmen, wie es bei denen weiterging? Denn die alten Herren der Stasi, die gefallen sich ja zum Teil heute noch in ihrer Rolle und sehen sich als heroische Opfer der Einheit. Wissen Sie von solchen Kindern auch etwas?

Hoffmann: Also ich habe einen Fall in meinem Buch, der sozusagen ohne Brüche, zumindest ohne äußere Brüche herausgekommen ist. Eine Frau, die sich eben die ganze Zeit ihren Eltern angepasst hat, im Sinne ihrer Eltern funktioniert hat, auch sehr an die DDR glaubte, auch als Erwachsene noch und auch noch weit über die ersten Demonstrationen hinaus. Also sie hat ’89 den Umbruch auch selber sehr kritisch und mit Angst beobachtet. Und die steht auch heute noch loyal zu ihren Eltern, auch wenn sie ganz viel Kritisches über sie sagt. Nichtsdestotrotz ist aus Stasisicht da sozusagen alles glatt gelaufen.

Timm: Und die lebt heute im politischen Biotop, sozusagen.

Hoffmann: Nein, sie hat das für sich schon eingeordnet und sieht das heute kritisch. Sieht auch ihre eigene Rolle kritisch, aber sie sagt auch, ich wäre damals kein Held gewesen, so ist es eben. Ich bin unter einer doppelten Glasglocke aufgewachsen, eben die Glasglocke DDR und die Glasglocke meiner Stasi-Eltern. In diesem Fall waren beide Eltern bei der Stasi. Und das war eben so. Sie sieht das heute kritisch, ihre Eltern leben noch im Biotop, so, wie sie es schildert. Ich glaube trotzdem, dass selbst für diese Frau es schwierig ist, eine Haltung zu diesen Dingen zu finden.

Timm: Nun sind Stasi-Kinder Täter-Kinder. Opferkindern bringt man immer eine gewisse gesellschaftliche Empathie vorab entgegen, wenn es darum geht, dass sie von den Erlebnissen ihrer Eltern ja auch gezeichnet sind. Wie ergeht es denn da Stasi-Kindern gesellschaftlich? Gibt es da eine neue Chance nach reinem Tisch? Die können ja nichts dafür, dass ihre Eltern das gemacht haben.

Hoffmann: Ich glaube, das Thema ist einfach noch gar kein Thema in der Gesellschaft. Und das finde ich auch bezeichnend tatsächlich für dieses Thema. Als ich vor Jahren damit anfing, zu recherchieren, da war ich selber überrascht, dass es nichts dazu gibt, keine Bücher, keine wissenschaftlichen Untersuchungen, soziologisch oder psychologisch, noch nicht einmal ein Internetforum, also die Kinder selber treten gar nicht in Erscheinung.

Timm: Wie haben Sie sie dann gefunden?

Hoffmann: Also nach und nach. Also ursprünglich über jemanden, der mit einigen in eine Klasse gegangen ist, der hat mir einige seiner Klassenkameraden vorgestellt. Und so bin ich dann auch über das, auf das Thema überhaupt gekommen. Und dann hat sich das immer so weiter ergeben. Es hat aber wirklich einige Jahre gedauert. Und ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn das Buch – und heute Abend läuft auch ein Film zum Thema, übrigens – wenn beides dazu beitragen könnte, dass die Kinder, ja, dieses Schweigen aufgeben können und sich, ja, selbstbewusst sozusagen auch, vielleicht nicht unbedingt in der Öffentlichkeit, aber zumindest schon einmal untereinander austauschen.

Timm: Ruth Hoffmann über ihr Buch "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat", erschienen bei Propyläen. Ein Film zu diesem Thema läuft heute Abend ab 22 Uhr im MDR-Fernsehen. Frau Hoffmann, ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Hoffmann: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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