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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.08.2020

Erfolgsgeschichte der KleingärtenDer erste Schrebergarten war ein Spielplatz

Von Ronny Arnold

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Der Arzt Moritz Schreber und der Schuldirektor Ernst Hauschild auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908 (Archiv Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.)
Der Arzt Moritz Schreber und der Schuldirektor Ernst Hauschild auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908 (Archiv Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.)

Moritz Schreber war ein Arzt und Orthopäde in Leipzig. Gesundheitliche Probleme von Kindern und Jugendlichen führte er auf Bewegungsmangel zurück. So plante er Spiel- und Tummelplätze - doch die Eltern wollten lieber ernten.

Samstagmorgen um kurz vor neun. Seit knapp einer Stunde harken Birgit Rollinger und Alexandra Bremert bei bestem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen Laub zu kleinen Haufen zusammen und stecken die Blätter in blaue Plastiksäcke.

Die beiden Gartenfreundinnen müssen ihre jährlichen Arbeitsstunden ableisten. Birgit Rollinger kennt das Ritual seit nunmehr 30 Jahren, so lange hat die Endfünfzigerin hier im Leipziger Zentrum-West schon ihren Schrebergarten.

Zwei Frauen harken auf einem Weg Laub.  (Deutschlandradio / Ronny Arnold)Birgit Rollinger (links) und Alexandra Bremert bei ihrer Arbeit für die Gemeinschaft (Deutschlandradio / Ronny Arnold)

"Durch Corona bedingt sind wir jetzt spät dran mit unseren letzten Stunden. Das waren schon immer zehn Stunden. In anderen Vereinen sind es ja nur acht. Die Arbeit ist ein bisschen, na ja. Wenn man das hier zusammenfegt, das liegt in fünf Minuten wieder unten. Aber erst mal sieht die Anlage gepflegt aus, wenn Gäste kommen."

Als Birgit Rollinger ihren Garten übernommen hat, gab es noch die DDR.

130 Quadratmeter Garten

Auch damals waren es hier um die 150 Parzellen, mit Gemüse- und Blumenbeeten und kleinen, meist selbst gebauten Häuschen. Seitdem bewirtschaftet Birgit Rollinger 130 Quadratmeter.

"Für mich hat sich eigentlich nichts verändert. Die ganzen alten Leute sind natürlich weg und es kommen immer wieder neue hinzu, viele mit Kindern. Aber alle nutzen ihren Kleingarten nicht so, wie wir es gewöhnt sind von früher. Man soll ja viel anbauen, aber durch diese trockenen Sommer wächst es ja auch nicht besonders toll."

Birgit Rollinger und Alexandra Bremert sind Gartennachbarinnen. Bremert ist erst seit gut fünf Jahren dabei.

Gemeinschaftsstunden gehören für die 40-Jährige eben zum Vereinsleben dazu: "Wir machen es eigentlich immer zusammen, damit man mal einen Schwatz haben kann und mal fünf Minuten Pause. Ich empfinde das als nötiges Übel, es ist aber nicht schlimm, das jetzt für die Gemeinschaft zu tun."

Eine Unkrautwüste wird fruchtbar

Ihr Garten war ausgeschrieben, Bremert übernahm eine verwahrloste Ödnis. Ein Glücksfall, sagt sie, denn nicht erst seit Corona sei die Nachfrage hier riesig.

"Normalerweise bekommt man hier so gut wie keinen Garten ohne Wartezeit. Dieser war aber direkt ausgeschrieben, weil selbst die Leute auf der Warteliste den Garten nicht haben wollten. Also es war eine Unkrautwüste."

Wie sieht er jetzt aus?

"Traumhaft! Tatsächlich so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Viele Pflanzen, Gurken, Tomaten, Erdbeeren, das Übliche, was man so selber verzehrt. Und eine schöne Wiese, es gibt seit diesem Jahr Rollrasen, ich habe mich sehr gefreut."

Besuch im Kleingartenmuseum im Herzen der Anlage. Die Ausstellungsräume sind direkt im Vereinshaus in der ersten Etage. Caterina Paetzelt leitet das Museum seit 15 Jahren.

"Das ist weltweit das einzige dieser Art", erzählt sie. "Es gibt zwar Gärtnervereine und die haben ähnliche kleine Ausstellungen, aber als Museum, hier ist das natürlich ganz anders aufgebaut. Wir haben auch Archivbestand und Magazine und forschen entsprechend. Und die Besonderheit hier ist, dass wir uns natürlich ganz authentisch in dieser historischen Gartenanlage befinden und als Museum in der Gartenanlage auch drei Schaugärten für unsere Besucher vorhalten, wo sie sich quasi beispielhaft verschiedene Zeitepochen noch mal anschauen können."

Mit den Armengärten fing es an 

In der chronologisch angeordneten Dauerausstellung sieht man, dass alles Anfang des 19. Jahrhunderts begann. Der erste Kleingartenverein wurde 1814 in Kappeln an der Schlei in Schleswig-Holstein gegründet. Ab 1820 errichteten dann deutschlandweit mehrere Kommunen sogenannte Armengärten, in denen Familien auf gepachtetem Kirchenland Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen konnten. Wenig später entstanden Fabrikgärten, Eisenbahnergärten, Gärten vom Roten Kreuz und der Naturheilbewegung.

Die heute bekanntesten sind aber die Schrebergärten mit ihrem Ursprung in Leipzig, erzählt Caterina Paetzelt: "Doktor Moritz Schreber war Arzt und Orthopäde hier in Leipzig und hat sich mit den gesundheitlichen Problemen vorrangig bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt und stellte halt in seiner Arbeit fest, dass die Kinder einfach zu wenig Bewegung haben. Verschiedene orthopädische Problematiken waren darauf zurückzuführen."

An einem Weg mit Bäumen liegt ein verspieltes weißes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert mit einem Turm. (Deutschlandradio / Ronny Arnold)Das Vereinshaus "KGV Dr. Schreber“ in der Kleingartenanlage in Leipzig (Deutschlandradio / Ronny Arnold)

Schreber selbst war begeisterter Turner und Mitbegründer des ersten Turnvereins in Leipzig. Er plante Spiel- und Tummelplätze, seine Ideen setzte dann Ernst Hauschild um, ein Schuldirektor.

"Ernst Hauschild hat im Jahre 1864 den ersten Schreberverein gegründet, also in seiner Funktion als Lehrer und Direktor mit der Elternschaft der Schule zusammen. Und daraufhin wurde halt dieser erste Schreberplatz eingerichtet. Und der war wirklich anfangs nur als Spiel- und Sportbereich gedacht, so dass die Kinder sich dort austoben konnten."

Obwohl die Gärten heute vor allem als Schrebergärten bekannt sind, kam der Wandel, das gärtnerische Element, am Ende von Karl Gesell, der ebenfalls Pädagoge war.

"Der hatte die Idee, dass man am Rande dieses Schreberplatzes kleine Beete anlegen sollte, sogenannte Kinderbeete. Es war natürlich vom Pädagogen super gedacht und gut gemeint, hat aber nicht so richtig funktioniert. Die Kinder verloren recht schnell die Lust daran. Daraufhin übernahmen die Eltern die Arbeit und erkannten den positiven Sinn und Mehrwert des Ganzen, weil natürlich auch mehr oder weniger Ernte dabei heraussprang. Und daraufhin erwuchs quasi dieser Wunsch, dass man doch kleine Gärten hatte. Und dann kam natürlich das absolute Schrebergarten-Element dazu: der Zaun. Weil, man musste ja irgendwie eine Einteilung schaffen."

Der Garten ist zum Ernten da

Draußen in der Anlage, vielmehr an den Außengrenzen, erneuern weitere Gartenfreunde eben jenen, etwas maroden Zaun. Alles unter den wachsamen Augen von Eckhardt Schrepfer, seit 2017 der Vorsitzende des "KGV Dr. Schreber". Er muss die Jungen integrieren, ohne die Alten zu verprellen – kein leichtes Unterfangen.

"Es gibt die ganz Alteingesessenen, die haben natürlich ihre Jahrzehnte gewachsenen Vorstellungen", sagt er. "Es gibt junge Menschen, die jetzt dazu kommen, die vielleicht mehr so auf den Erholungswert setzen und gar nicht so auf das Vereinsleben. Aber eine Parzelle nach Bundeskleingartengesetz ist nie eine Parzelle, die nur der Freizeitgestaltung dient, sondern im Vordergrund steht eben die kleingärtnerische Nutzung, die ja im Urgedanken an Schreber-Hauschild zur Eigenversorgung dient. Das muss jedem Pächter bewusst sein, egal wie lange er die Parzelle gepachtet hat."

Mittlerweile ist es kurz nach zehn Uhr, Birgit Rollinger und Alexandra Bremert haben ihre Arbeitsstunden für dieses Jahr geschafft. Pause für die anderen Gartenfreunde, ein letzter Plausch am Kaffeetisch, dann verabschieden sich die beiden Frauen.

"Schönes Wochenende, ich komme heute Abend nochmal zum Gießen."
"Ich sage einfach mal danke wieder für euren Einsatz heute."

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