Erfindung einer eigenen künstlerischenSprache

Von Volkhard App |
César Domela wurde vor allem durch seine Zugehörigkeit zur Künstlergruppe "de stijl” bekannt. Das Sprengel Museum in Hannover zeigt nun in einer großen Retrospektive, wie sich Domela im Laufe seiner Entwicklung von dieser Stilrichtung löste und eine ganz eigene künstlerische Sprache entwickelte.
Man traut seinen Augen kaum, steht man vor diesen rasterähnlich angelegten Gemälden mit den weißen, gelben, roten und blauen Rechtecken, scheinen diese Werke doch von Piet Mondrian zu stammen. César Domela, der diese Bilder Mitte der zwanziger Jahre malte, gab sich hier als Mitglied des von Mondrian mitgegründeten Kreises "de stijl” zu erkennen, der an präzise gesetzten geometrischen Formen orientiert war Und immer wenn heute die Frage gestellt wird, ob man den Künstler Domela denn kennen müsse, ob er wirklich wichtig gewesen sei - verweisen Kunsthistoriker eben auf dessen Zugehörigkeit zu "de stijl”.

Dabei handelt diese gut bestückte Retrospektive des Sprengel Museums im Grunde doch vom großen Befreiungsschlag des Künstlers. Denn Domela löste sich bald von der "de stijl” - Gruppe mit ihren engen stilistischen Vorgaben und fand zu seiner eigenen künstlerischen Sprache. Nun fertigte er Reliefs, für die er unermüdlich nach Materialien mit vielfältigen Oberflächen und reizvollen haptischen Qualitäten suchte, setzte bizarre kleine Formen aus Metall, Plexiglas und diversen Hölzern auf monochrom bemalte Flächen und verwendete sogar Krötenhaut. Nicht mehr die präzise Geometrie bestimmte diese Kompositionen - es waren oft organische Formen, die sich übereinanderlegten und vom Untergrund ein Stück weit in den Raum vorschoben. Gebogene Messing-Leisten sorgten auf den Flächen für Dynamik. Mit diesen Reliefs erfand sich der Künstler neu, ohne das Reich der völligen Abstraktion zu verlassen. Kuratorin Karin Orchard:
"Mit seinem Stilwechsel begann er sich für fernöstliche Religion, für Philosophie und Kalligraphie und marokkanische Ornamentik zu interessieren. Diese Themen bewegten auch seine Formwelt, wie man in diesen organisch wabernden Reliefs sehen kann."
Die Übergangsphase zwischen de "stijl” und den ganz eigenen Reliefs durchlebte er auch in Berlin, wo Domela 1927 Kurt Schwitters kennenlernte, zu dessen Gruppe "die abstrakten hannover” er dann als auswärtiges Mitglied gehörte - und zu dessen "Ring Neuer Werbegestalter”. In modernem Design, mit Fotos und markanten Schrifttypen kreierte Domela Buchumschläge und entwarf Anzeigen. Die Notwendigkeit des Lebenserwerbs stand vermutlich hinter dieser Arbeit:
"Nicht ökonomischer Druck war ausschlaggebend, sondern er interessierte sich zum Beispiel für die neue Typographie. Er hat in Berlin mit anderen auch sofort ein Werbestudio gegründet und gezielt für große Firmen wie Osram und AEG gearbeitet."
"Sparen Sie Löhne! Betreiben Sie Ihre Flammrohrkessel mit einer AEG-Staubfeuerung!” ist auf einer dieser Anzeigen zu lesen. Wobei zu dieser Werbearbeit Domelas auch dessen Beschäftigung mit der Fotomontage zählte: Maschinen und Industrieobjekte aus immer anderen Blickwinkeln verschachtelte er auf geradezu filmische Weise zu großformatigen Tableaus. Er unterhielt viele internationale Kontakte. 1933 ging er aus politischen Gründen nach Paris ins Exil.
"Sein Vater war ein angesehener Anarchist und Sozialist. Der Sohn war vor diesem Hintergrund auch mit anarchistischen Künstlern befreundet und befürchtete wohl, verfolgt zu werden."
Seine künstlerische Biographie wird im Sprengel Museum eindrucksvoll vor Augen geführt, das Bild bestimmen dabei eben die Reliefs mit den bizarren Formen aus vielerlei Materialien, Werke, die Domela über Jahrzehnte, bis zu seinem Lebensende fertigte. Lie Tugaye, eine seiner Töchter:
"Wir lebten zu viert in einem Atelier, wir waren in der einen Ecke, er produzierte in der anderen. Und er hat ständig gearbeitet oder gelesen."
Auch in Domelas niederländischer Heimat gründete sich das Interesse an seiner Arbeit lange Zeit auf die "de stijl” - Phase. Die späteren Reliefs galten dagegen als dekoratives Kunsthandwerk, Kritiker bemängelten das Fehlen emotionaler Spannung. Expressive Stärke fehlt diesen Arbeiten sicherlich, aber sie rutschen andererseits nicht in schöne Belanglosigkeit ab: als Zeugnisse der Moderne gehören sie in gut sortierte Kunstsammlungen, aber nicht an die Wände einer Zahnarzt-Praxis. Sie berühren in ihrer Eigenart, sind weder den aus Alltagsmaterial gefertigten Reliefs eines Kurt Schwitters ähnlich noch den organischen Gebilden Hans Arps. Gerade die "reifen", ab 1950 entstandenen Arbeiten werden von den beiden Töchtern geschätzt, die sich zur Schenkung nachgelassener Werke an diverse Museen entschlossen haben:
"Das ist für uns traurig, denn wir lieben diese Bilder, aber wir müssen uns davon trennen, damit man mehr über unseren Vater spricht und er stärker in den Museen präsent ist."
Zehn Arbeiten Domelas besitzt nun das Sprengel Museum, 13 gehen nach Den Haag. Und die Frage, ob man diesen Künstler denn kennen müsse, lässt sich nach Besuch der Ausstellung, aufgrund seiner eigenartigen Reliefs, so beantworten: man sollte ihn kennenlernen. Karin Orchard zur Rezeption:
"In Frankreich und den Niederlanden sammelte man seine Werke frühzeitig und stellte sie aus, gekauft wurden sie auch vom Museum of Modern Art und von Peggy Guggenheim. Wir Deutschen hinken in unserer Rezeption hinterher."