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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.09.2019

Erfindergeist dringend gesucht Deutschland malt lieber schwarz

Ein Debattenbeitrag von Jagoda Marinić

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In einem leeren Bus-Wartehäuschen in einer einsamen, grünen Berglandschaft  prangt ein großes Plakat mit der Aufschrift "Das wird nie was". (Picture alliance / imageBROKER / Thomas Sbampato)
Wer Weltuntergangsszenarien entwirft, kann sich der Angstlust der deutschen Öffentlichkeit sicher sein, meint Jagoda Marinic. (Picture alliance / imageBROKER / Thomas Sbampato)

Klimawandel, humane Arbeitsbedingungen, nachhaltige Mobilität – große Zukunftsfragen liegen vor uns. Doch Deutschland ist die Innovationskraft abhanden gekommen und labt sich lieber an Schwarzmalerei, diagnostiziert Schriftstellerin Jagoda Marinić.

Dieses Deutschland hat es schon schwer. Da ist es eines der wohlhabendsten Länder der Welt, und trotzdem sind seine Bewohnerinnen und Bewohner im Zweifelsfall lieber schlecht als gut gelaunt. Man klammert sich an Weltuntergangsszenarien fest, scheint es. Vielleicht rechtfertigt man so die schlechte Laune, mit der man schon morgens auf dem Weg zur Arbeit den Nachbarn anpflaumt.

Ist es nicht beschämend, wie wenig wir derzeit aus unserem Wohlstand machen? Gut, wir sind nicht Katar, die Schweiz oder Abu Dhabi, aber Deutschland ist nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt. Man könnte hier an innovativen Lösungen für morgen arbeiten. Stattdessen machen wir uns immer abhängiger von China, Russland oder den Tech Giganten der USA.

Deutschland bleibt sich und der Welt derzeit viel schuldig. Können wir überhaupt noch Zukunft? Haben wir noch das Handwerk, den Erfindergeist, die Disziplin? Ständig beugt man sich, von Sorgen gemartert, über die Baustellen dieser Gesellschaft. Man fördert mit kleinen Geldtöpfen noch kleinere Projekte, die Problemlöcher stopfen, statt Neues aufzubauen.

Diagnose: Dystopie-Hunger

Man hört es oft: Die jüngeren Generationen werden es zum ersten Mal nicht besser haben als ihre Eltern. Was tun wir dagegen? Fast nichts. Wir jammern. Wir machen weiter so. Die Bundesregierung gibt Geld gegen die Symptome des Klimawandels, vor dem nötigen Systemwechsel schreckt sie aber zurück. Alle reden von Innovationen, die längst fällig wären, doch wie geht humanes Arbeiten im 21. Jahrhundert? Wie geht nachhaltigere Mobilität? Wie ist überhaupt nationale Identität ohne Extremismus zu machen? Und vor allen Dingen: Wann genau?

Dystopie-Hunger ist eine Art Sucht in diesem Land. Wer Weltuntergangsszenarien entwirft, von Spengler bis Sarrazin, kann sich der Angstlust der deutschen Öffentlichkeit sicher sein. Populisten müssen diese Unsicherheit, die von Dystopikern verbreitet wird doch nur noch abräumen. Dabei wird Schwarzmalen nach Zahlen hierzulande gerne als analytischer Verstand verkauft.

Wer Verhalten durch Angstmache und Verbote beeinflussen möchte, erreicht vor allem Verunsicherung und Unmündigkeit. Im schlechtesten Fall steigen die Bürger aus den Debatten aus. Beispiel Klimakrise? Ja, sie bedroht alle. Nur: Wenn der Feueralarm Tag und Nacht dröhnt, glaubt keiner mehr an ein Feuer und noch der Letzte greift zu Ohropax. Da hilft kein Schlaumeier, der mahnt: "Für eure Taubheit zahlt ihr eines Tages einen hohen Preis!" Verdrängungsleistungen sind nun einmal günstiger zu haben als der neue Tesla.

Schluss mit den Bedrohungsszenarien

Wer Wandel will, muss mehr tun, als Bedrohungsszenarien heraufzubeschwören. Die Menschen brauchen hoffnungsvolle Zukunftsbilder. Sie müssen Ansprüche stellen können an eine hoch entwickelte Gesellschaft und ihre Eliten. Diesen Sommer besichtigte ich das Geburtshaus des Erfinders Nikola Tesla. In diesem kleinen Haus war der Geist eines Mannes spürbar, der zu jenen zählte, die man heute Elite nennt. Was ihn antrieb, war die Frage: Wie könnte er etwas erfinden, das die Menschheit voranbringt? Wie könnte er seine Talente nutzen, um einen Beitrag zu leisten. Geisteskraft als Aufgabe, die Lebenswelt der Menschen zu verbessern.

Die heutigen Eliten haben einen schweren Stand. Die Kritik an ihnen ist nicht immer unberechtigt. Sie sind auch deshalb in Verruf geraten, weil sie im Verdacht stehen, ihre Geisteskraft zu eitlen Selbstzwecken zu missbrauchen. Der engagierte Beitrag zur Gesellschaft ist längst auch ein Geschäftsmodell. Dabei ist insbesondere die Dystopie zur Ware geworden, die sich gut verkaufen lässt. Doch gerade Deutschland, das schnell in Zukunftsängsten versinkt, braucht Eliten, die sich nicht noch ratloser geben als der Rest es eh schon ist. Der deutsche Diskurs braucht ungewöhnliche Fragen, um ein Land, das festgefahren ist in der Wiederholung des Gestern, zu neuem Handeln zu befreien.

Die Autorin Jagoda Marinic. (imago / ZUMA Press / Sachelle Babbar) (imago / ZUMA Press / Sachelle Babbar)Jagoda Marinić studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik und arbeitet heute als Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Kolumnistin. Ihre Kolumnen erscheinen in der Süddeutschen Zeitung, taz und in der Internationalen New York Times. Zuletzt erschien von ihr das Sachbuch "Sheroes – neue Heldinnen braucht das Land" (S. Fischer Verlage).

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