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Studio 9 | Beitrag vom 25.06.2018

Erdogans Wahlerfolg in DeutschlandDem "Überlegenheitsgefühl der Mehrheitsbevölkerung" getrotzt

Moderation: Axel Rahmlow und Vladimir Balzer

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Der türkische Staatspräsident und Wahlgewinner Recep Tayyip Erdogan (l) und seine Frau Emine Erdogan winken dem Wahlvolk (Depo Photos / E PA / dpa)
Der türkische Staatspräsident und Wahlgewinner Recep Tayyip Erdogan (l) und seine Frau Emine Erdogan winken dem Wahlvolk (Depo Photos / E PA / dpa)

Die hohe Zahl der Stimmen für Präsident Recep Tayyip Erdogan bei den in Deutschland lebenden türkischen Wählern ist nach Meinung des Integrationsforscher Yunus Ulusoy das Ergebnis ganz unterschiedlicher Faktoren und Stimmungen. Bei vielen spiele auch Trotz eine Rolle.

52,5 Prozent der Stimmen - das ist das Ergebnis von Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Präsidentschaftswahl in der Türkei. Bei den Türken, die in Deutschland abstimmten, lag der Anteil der Stimmen für Erdogan gar bei 65 Prozent und damit war der Anteil der Erdogan-Wähler in Deutschland diesmal noch höher als beim Referendum im Jahr 2016. Umgerechnet auf die Zahl der in Deutschland wahlberechtigten Türken heißt das: etwa 500.000 Menschen gaben hier Erdogan ihre Stimme.

Die Anhänger Erdogans in Deutschland? - Gut organisiert!

Nach Einschätzung von Yunus Ulusoy von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg Essen ist einer der entscheidenen Gründe für die hohe Zustimmung für Erdogan die "Gastarbeitermigration": "Die Gastarbeitermigration hat Millieus nach Deutschland gebracht, die heute auch die AKP wählen." Die Opposition in der Türkei habe vor allem in den Küstenregionen sehr stark abgeschnitten. In Zentralanatolien und an der Schwarzmeerküste dagegen habe die Opposition kaum Erfolge verbucht, und genau aus diesen Regionen stammten viele der türkischen Einwanderer der ersten Generation in Deutschland.

Hinzu kommt laut Ulusoy, dass die Mehrheit der AKP-Wähler in Deutschland, also der Anhänger Erdogans, sehr religiös und sehr gut organisiert seien. "Die säkularen Wählerinnen und Wähler seien dagegen häufig nicht sehr gut organisiert und können sich auch nicht gegenseitig so gut organisieren." Wichtig sei zudem, dass vor allem ältere Wähler die Zeit in eine Ära vor und eine Ära nach Erdogan einteilten und dass die Zeit vor Erdogan mit Krisen verbunden werde und die Regierungszeit Erdogans als "Zeit der Stabilität", so Ulusoy. Ein ebenso wichtiger Faktor sei, dass es Erdogan gelinge, für vielen seiner Wähler in Deutschland das Gefühl zu vermitteln: "Ihr gehört zu uns, ihr gehört zur großen Türkei!"

Die Wahl Erdogans? - Für viele auch eine Trotzreaktion

Und bei der jungen Generation, etwa denen, die in vielen deutschen Städten auch in Autokorsos den Wahlsieg Erdogans gefeiert hätten, gebe es auch eine Art Trotzreaktion, die Erdogan hier auslöse. Die teilweise harsche Kritik in Deutschland an der Politik Erdogans sähen diese Wähler auch als eine übertriebene Kritik, die sich gegen ihr Herkunftsland richte - "eine Art Überlegenheitsgefühl der Mehrheitsbevölkerung" in Deutschland, wie Ulusoy es nennt. Allerdings: Die Zustimmung zu Erdogan sei umgekehrt nicht automatisch auch ein Votum gegen die politische Kultur in Deutschland, betont der Wissenschaftler. Ulusoy sieht hier eher Parallelen zum Verhalten großer Wählergruppen bei der Präsidentschaftswahl zuletzt in den USA oder auch bei den letzten Bundestagswahlen in Deutschland oder in andern Ländern Europas: "Es ist eine Zeit, in der Populisten oder starke Führungspersonen in einer solch schnelllebigen Zeit vielen Menschen Halt geben. Und bei den Türkeistämmigen kommt das Gefühl hinzu, [Erdogan] gibt  ihnen das Gefühl: Wir sind wieder wer! Und das gilt auch in Deutschland, gerade weil dort ihre Zugehörigkeit ständig hinterfragt wird." 

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