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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.08.2019

Erdölsuche belastet TiereEin Hörtest für Pinguine

Von Jan Kerckhoff

Zwei Pinguine stehen am Rand eines Gewässers, auf dem mehrere Boote fahren. (Unsplash/Derek Oyen)
Da ist es mit der Ruhe schnell aus: Pinguine am Ufer. (Unsplash/Derek Oyen)

Auf dem Meeresgrund schlummern gigantische Ölreserven. Mit Schallwellen wird nach den Vorkommen gesucht - Leidtragende sind die Meeressäuger. Und auch Pinguine könnten davon in Mitleidenschaft gezogen werden, vermuten Forscher.

Frieda will nicht so recht. Sie zögert, obwohl ihr die Biologin Helen Rößler gut zuredet. Doch dann watschelt die Pinguindame langsam in Richtung einer großen Holzbox. Frieda ist einer von vierzehn Humboldt-Pinguinen, die im Ozeaneum, dem Meeresmuseum in Stralsund leben. Dort sind sie eine Attraktion.

Frieda und ihre Artgenossen nehmen aber auch an einem Forschungsprojekt teil, in dem die Biologin Helen Rößler versucht das Gehör der Tiere zu erforschen, über das bislang wenig bekannt ist. Um dem Sinn auf die Spur zu kommen, müssen die Tiere trainiert werden. "Sie sollen uns mit dem Schnabel zeigen, ob sie einen Ton gehört haben oder nicht", so Rößler. Die Biologin will nicht nur herausfinden, wie gut die Seevögel hören, sondern auch in welchem Frequenzbereich und ich welcher Lautstärke. Bislang ist über das Gehör von Pinguinen wenig bekannt.

Training der Pinguine ist aufwendig

Frieda ist mittlerweile über eine kleine Schwelle in das Innere der etwa einen Meter großen Holzbox gehüpft. Der Kasten ist innen mit Schaustoff verkleidet, um ihn möglichst schalldicht zu machen – die Tiere sollen nicht mit anderem Lärm irritiert werden. Helen Rößler zeigt mit ihren Zeigefinger, dass Frieda den Kopf auf eine gepolsterte Platte legt, um den Versuchston gut hören zu können. Sobald sie ihn hört, soll das Tier eine runde Holzscheibe mit ihrem Schnabel drücken. Wenn kein Ton erfolgt, dann ein hölzernes, kleines Kreuz. Frieda ist eifrig dabei, schließlich gibt es nach jedem gelungenen Versuch einen Belohnungspfiff, vor allem aber Fisch.

Dann geht es los: Pinguinkopf auf die Platte, dann der Testton, schon tippt der Schnabel auf die runde Scheibe. Danach kommt der Belohnungspfiff und es gibt Fisch. Das klinge alles recht einfach, aber das Training sei anspruchsvoll, sagt der Leiter des Projektes Michael Dähne: "Die Tiere müssen es am Ende selbständig erleben, ohne dass ein Trainer anwesend ist."

Schon seit einem Jahr arbeiten mehrere Tiertrainer und Forscher mit den Pinguinen. Ein mühsames, langwieriges Unterfangen. Der Ablauf des Hörtests muss ständig wiederholt und geübt werden, damit die Tiere ihn irgendwann auch ohne Unterstützung Wissenschaftler ausführen.

Luftkanonen stören Meeressäuger

Den Forschern geht es aber um mehr, als ein bloßes Training der Tiere. Sie wollen wissen, wie sehr laute Geräusche Pinguine in freier Wildbahn beeinflussen. Ein durchaus konkretes Problem, denn am Rande der Schutzzone der Antarktis wollen Öl-Unternehmen mit "Airguns" seismische Untersuchungen starten.

Diese Luftkanonen lassen explosionsartig Luft entweichen und erzeugen so Schallwellen, die tief in den Meeresboden eindringen. Daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen, ob es Ölvorkommen im Meeresgrund gibt. Die Airguns seien eine der "lautesten Quellen, die der Mensch unter Wasser machen kann", so Dähne. Zudem fänden die Untersuchungen des Meeresgrunds über Wochen statt. "Das geht Tag und Nacht. Und das mit einem Knall alle acht bis fünfzehn Sekunden", so der Forscher.

Unterwasser-Lärm ist tausende Kilometer weit zu hören

Studien haben gezeigt, dass Wale und sogar Muscheln von dem Lärm gestört und weit vertrieben werden. Er breitet sich im Wasser über tausende Kilometer aus und könnte auch Pinguine empfindlich stören.

Dänische Forscher, die an dem Hörtestversuch in Stralsund beteiligt sind, konnten zeigen: Die Vögel zeigen unter Wasser empfindliche Schreckreaktionen bereits bei einer Lautstärke, die nur halb so groß ist wie die der Luftkanonen. Allerdings: Pinguine selbst machen auch einen Riesenkrach. Das weiß jeder, der einmal eine Kolonie aus der Nähe gesehen hat.

Doch die Tiere seien nur laut, wenn sie in der Kolonie brüten, schränkt der Verhaltensbiologe Michaël Beaulieu ein. "Aber wenn sie unter Wasser tauchen, machen die Pinguine keine Geräusche." Und deshalb gehe er davon aus, dass die Airguns die Seevögel stören und sie so etwa aus ihren Jagdgebieten vertreiben werden. Der Beweis dieser Annahme steht noch aus – mit den Hörtests soll er möglich werden.

Bis Frieda und ihre Artgenossen aber zuverlässig die richtige Taste drücken, müssen sie noch viel trainieren. Im nächsten Frühjahr hoffen die Forscher erste Ergebnisse von den Pinguinen von Stralsund zu bekommen.

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