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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.06.2019

Erdölförderung in AserbaidschanDer Preis des schwarzen Goldes

Von Simone Reber

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Ölförderanlage in Baku. (dpa/Ryumin Alexander)
Die wartungsarmen Anlagen aus Sowjetzeiten sind noch immer in Betrieb. (dpa/Ryumin Alexander)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts deckte Aserbaidschan die Hälfte des weltweiten Rohölbedarfs. Davon profitierte zuletzt auch der Kulturbereich. Doch die Abhängigkeit vom Öl hat auch ihre Schattenseiten - damit beschäftigt sich nun eine Ausstellung.

Wenige Kilometer vom modernen Zentrum Bakus entfernt ist die Steppe durchlöchert von unzähligen Pumpen. Im Gras dazwischen stehen kleine Pfützen von Öl, es riecht wie auf einem Schiff. Ebenmäßig heben und senken sich die Bohrspitzen, von ächzenden Keilriemen angetrieben.

Längst wird in Aserbaidschan das meiste Öl von Plattformen offshore aus dem Kaspischen Meer gewonnen, aber die wartungsarmen Anlagen aus Sowjetzeiten sind noch immer in Betrieb. Gas und Öl sind allgegenwärtig in Baku.

Schon vor 300 Millionen Jahren trat das Feuer aus der Erde. Am Feuerberg züngeln die Flammen noch heute und die Anhänger des zoroastrischen Glaubens pilgern immer noch zum fünfhundert Jahre alten Feuertempel am Stadtrand.

Mit Erfindung des Autos setzte in Baku der Öl-Boom ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts deckte das Land die Hälfte des weltweiten Rohölbedarfs. An diese Vergangenheit knüpft die intensive Ausstellung in der Hauptstadt von Aserbaidschan an, die Alfons Hug gemeinsam mit Asli Samadova kuratiert hat.

Kulturbereich profitiert vom Öl-Boom

Öl, sagt der Leiter des Bakuer Goethe-Zentrums, hat in Aserbaidschan zweifellos zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen, auch im Kulturbereich:

"All die Neubauten von den Kulturzentren bis hin in die Orchester oder Theatergruppen und Ähnliches sind in diesem armen Land nur möglich gewesen durch den Öl-Boom der letzten Jahrzehnte."

Schon am Eingang der Stadt schmiegt sich das monumentale Kunstmuseum von Zaha Hadid an den Hang. Aber wer zahlt den Preis für die Vorzeigeprojekte und den Wohlstand der wenigen, fragen die Künstler in dieser Ausstellung "Von Prometheus bis Erdöl".

Abhängigkeit vom Öl

Marco Montiel-Soto hat in der hohen Halle des Kapellhauses neben der deutschen Kirche einen historischen Bohrturm rekonstruiert. Der Künstler lebt in Berlin, kommt aber aus Maracaibo, dem Ölzentrum Venezuelas. In seiner Heimat führt gerade die alleinige Abhängigkeit der Wirtschaft vom Öl in die humanitäre Katastrophe. Erst hat das Öl alle anderen Wirtschaftszweige verdrängt, nun sind die Anlagen marode:

"Ich war vor zwei Wochen zur Recherche in Venezuela. Die Situation ist dramatisch. Die Leute arbeiten nur drei Stunden am Tag, weil sie den ganzen Tag für Benzin anstehen. An den Tankstellen bilden sich riesige Schlangen. Wir haben zwar große Ölvorkommen, aber die Leute warten 23 Stunden auf Benzin oder suchen Essen. Sie haben keine Elektrizität, es ist ein großes Chaos."

Viele Arbeiter verloren ihr Leben

In Baku hat Marco Montiel-Soto alte Fotografien gefunden, die im Innern des Turms zu sehen sind. Ein Schwarz-Weiß-Foto vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt, wie ein Arbeiter in einem Eimer in das Bohrloch hinabgelassen wird, um den letzten Schlag zu tun. Die meisten starben dabei in der Ölfontäne, lernen selbst die Schulkinder in Aserbaidschan. Dem Mann ist die Todesangst ins Gesicht geschrieben.

Die beiden aserbaidschanischen Künstlerinnen Sabina Shiklinskaya und Chinara Majidov haben die Namen derjenigen recherchiert, die bei der Förderung von Öl und Gas ums Leben kamen. Die letzten Bohrunfälle auf dem Kaspischen Meer ereigneten sich 2015 und 2017, berichtet Chinara Majidova:

"Das eine war eine Gasexplosion auf der Bohrinsel, und der andere Unfall ereignete sich bei einem Sturm. Die Wetterbedingungen waren schlecht und die Arbeiter waren nicht ausreichend geschult, um damit umzugehen, so dass es sich eher um menschliches Versagen handelte als um einen Unfall."

Erst Sowjets förderten Öl im großen Stil

In Aserbaidschan begann die industrielle Ölforderung zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts, im großen Stil aber stiegen die Sowjets in den fünfziger Jahren ein. Sie bauten eine künstliche Insel ins Kaspische Meer und erste Bohrinseln auf Stelzen, die sogenannten Steine.

Auf dem Festland arbeiten die Pumpen aus dieser Zeit bis heute in den Vororten von Baku. Der in Berlin lebende Künstler Andreas Lang zeigt in einem brillant fotografierten Film dieses bizarre Nebeneinander von Alltag und Apokalypse:

"Es gab zwei Ölfelder, eines ist in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern. Da läuft dann diese Ölförderpumpe und eine Frau hängt unmittelbar daneben ihre Wäsche auf. Da geht ein Fenster auf und die kippt dann alten Kaffee aus ihrem Fenster. Und die Pumpe läuft die ganze Zeit."

In der vielschichtigen Ausstellung in Baku wird der Preis des schwarzen Goldes sehr konkret. Das Öl macht die Reichen reicher und die Armen ärmer. Den Schaden hat das ganze Land.

Der Raub des Feuers: Von Prometheus zum Erdöl
01.-30.06.2019 Kapellhaus, Baku

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