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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2015

Erdbeben in Nepal"Das war sehr bedrohlich"

Korrespondent Jürgen Webermann im Gespräch mit Matthias Thiel

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Eine Landschaft, übersät mit Trümmern vieler eingestürzter Häuser, nur noch wenige Gebäude stehen. (picture alliance / dpa / Diego Azubel)
Im nepalesischen Dorf Barpak im Epizentrum des Erdbebens stehen nur noch wenige Häuser. (picture alliance / dpa / Diego Azubel)

Mitten im Interview an einem Berghang in Nepal wurde unser Korrespondent Jürgen Webermann vom Erdbeben überrascht. In einem Bergdorf erlebte er die lebensbedrohlichen tagelangen Nachbeben. Mit Glück konnte er die Region relativ schnell verlassen. Vielen Nepalesen fehlt es jedoch noch immer am Nötigsten.

Matthias Thiel: Unser Korrespondent Jürgen Webermann ist an diesem 25. April in der Region des Mount Everest unterwegs und wird mit seinem ARD-Team von dem Beben überrascht. Wo waren Sie, Herr Webermann, und wie haben Sie das erlebt, als die Erde da zu beben begann?

Jürgen Webermann: Ja, wir waren draußen an einem Berghang. Wir hatten uns gerade mit Müllsammlern getroffen, also Sherpas, die Müll aus dem Basislager vom Mount Everest runterbringen oder aber auch aus den umliegenden Dörfern. Wir waren auf 3500 Metern Höhe und mitten im Interview, plötzlich begann dann die Erde zu beben, erst ganz leicht, sodass wir das erst mal für die ersten Sekunden gar nicht so ernst genommen haben, eher so ein bisschen ungläubig reagiert haben. Aber dann wurde es doch immer stärker. Und dann fingen unsere nepalesischen Begleiter auch schon an zu rennen.

Die hatten ganz schnell ein Plateau so 20, 30 Meter entfernt über uns ausgemacht, das so ein bisschen ebener war und nicht so an einer Hanglage. Da sind wir dann hinterher gerannt, weil wir dachten, vielleicht sind wir hier sicherer vor Erdrutschen, also dass uns praktisch unter den Füßen auch noch die Erde wegrutscht. Und dann natürlich ganz bange Blicke den Hang hoch, weil wir nicht genau wussten, kommt von oben vielleicht was, eine Gerölllawine oder Ähnliches, denn links und rechts von uns im Tal ging tatsächlich überall Geröll nieder. Das war schon eine sehr, sehr bedrohliche Situation, das so mitzuerleben.

Thiel: Es ging also erst mal wirklich ums Eigene-Leben-Retten, wenn da die Felsen bröckeln und die Steine einschlagen. Wie lange dauerte es, bis Sie sich sicher fühlten?

Webermann: Das hat ein paar Tage, ehrlich gesagt, gedauert, weil da oben in den Bergen, das war für mich natürlich auch eine völlig neue Situation. Da gibt es einfach keinen sicheren Ort bei Erdbeben. Und das Problem war, dass es das ganze Wochenende über immer wieder Nachbeben gegeben hat. Das heißt, selbst wenn wir wieder zurück sind … Oder wir waren dann ja wieder zurück in dem Ort, in dem wir untergekommen waren, mussten aber ständig aus diesem Gästehaus wieder rausrennen, weil wieder die Erde gebebt hatte. Wir haben mit Schuhen und allen Anziehsachen an im Bett gelegen, die Türen aufgelassen für den Moment weiterer Nachbeben in der Nacht, sodass wir auch da schnell rausrennen konnten.

Das war sehr bedrohlich, und selbst wenn man draußen stand, da wussten wir auch … Ich meine, dieser Ort, in dem wir waren, war auch an einem Hang gebaut, auch dort ging Geröll nieder, auch dort waren Häuser beschädigt und zum Teil zerstört worden, sodass wir wirklich das Gefühl hatten, es bebt ständig und es gibt keinen Ort, an dem wir uns so richtig in Sicherheit wiegen können. Das war etwas, was wirklich an den Nerven gezerrt hat, zumal es einen Tag nach dem schweren Erdbeben noch ein sehr heftiges Nachbeben gegeben hat, was in der Region am Everest gefühlt noch ein bisschen heftiger war, weil das Epizentrum näher lag. Und das war dann auch der Moment, in dem ich mich gefragt habe: Komme ich hier noch heile raus?

"Ein Schalter umgelegt"

Thiel: Sie sprechen es an, es zerrt an den Nerven. Und dann berichten Sie auch noch rund um die Uhr, sehen die schrecklichen Bilder von Verletzten und Toten. Wie geht man damit um?

Webermann: Ja, also, später, als wir es dann nach Kathmandu geschafft haben, das war nicht ganz einfach, da relativ schnell hinzukommen. Wir hatten auch da ein bisschen Glück, dass wir da zum Beispiel einen Helikopter erwischt haben, der gerade Versorgungsgüter hochgebracht hat in den Ort, in dem wir uns befanden, sodass wir mit runterfliegen konnten und von dort aus weiter nach Kathmandu kamen.

Und dort, ja, hat sich praktisch wie so ein Schalter umgelegt, ab da war ich dann tatsächlich wieder Reporter im klassischen Sinne und nicht mehr unmittelbar Betroffener, wie das oben in den Bergen der Fall gewesen ist. Und als Reporter ist man immer ein bisschen geschützt, weil alles, was wir an Informationen, an Eindrücken bekommen, können wir direkt weitergeben in Form von Reportagen oder in Form von Gesprächen mit Radiosendern oder Ähnlichem. Das entlastet natürlich unheimlich.

Und in diesem Reporter-Schutzanzug, wenn ich das mal so nennen darf, salopp, in diesem Anzug steckte ich dann sofort wieder in Kathmandu. Und habe dann natürlich die nächsten Tage einfach viel gearbeitet und wenig drüber nachgedacht. Und erst danach, nach der Rückkehr nach Neu-Delhi ins Studio, da begann eigentlich die Phase des Sacken-Lassens und auch des Realisierens, dass wir selber auch ein wenig Glück gehabt haben.

Thiel: Sie habe ein wenig Glück gehabt als Mensch, als Reporter, wie empfinden Sie das heute? Können Sie heute Nacht schlafen?

Webermann: Ja, doch, definitiv. Bisher zumindest habe ich das Gefühl, dass einfach nur die Erschöpfung so ein bisschen eingesetzt hatte, nach den zwei wirklich heftigen Wochen des Durcharbeitens ein Tag Pause einfach mal dringend angesagt war, weil es sonst auch irgendwann auf die Gesundheit schlägt. Ich glaube, dadurch, dass ich als Reporter später in Kathmandu war tatsächlich und wirklich alles, was ich selbst erlebt habe, auch wirklich dann auch loslassen konnte und auch berichten konnte, das hat zu einer sehr enormen Entlastung geführt, eine Entlastung, die viele andere Erdbebenopfer so natürlich nicht haben. Und ich glaube, das schützt wirklich ungemein.

Thiel: Die internationale Hilfe ist jetzt angeblich in vollem Gange. Immer wieder hören wir aber von entlegenen Dörfern, die noch niemand erreicht hat. Wie schätzen Sie im Moment die aktuelle Lage ein?

Webermann: Ja, ich glaube, es wird tatsächlich noch etwas dauern, bis viele dieser entlegenen Dörfer tatsächlich erreicht sein werden, weil einfach das Ausmaß so enorm groß ist. Und es gibt zwar jetzt deutlich mehr Hubschrauber und Transportmöglichkeiten als beispielsweise noch vor einer Woche oder vor zehn Tagen, aber dennoch ist es natürlich eine Herkulesaufgabe, all die Hilfsgüter jetzt wirklich zu verteilen.

Die Distriktzentren erreicht man mittlerweile ganz gut, so ist unser Eindruck zumindest, aber da entsteht dann jetzt ein weiteres Nadelöhr. Weil, von dort aus muss natürlich die Hilfe weiter verteilt werden, teilweise in Orte, die keinen Straßenanschluss haben, die man auch sonst nur durch Fußmärsche, tagelange Fußmärsche erreichen würde. Das heißt, man muss da Esel klarmachen, man muss da Yaks klarmachen, das ist so eine Rinderart, die dort im Himalaya zu Hause ist, und andere Transportmöglichkeiten, teilweise einfach die Dinge in den Rucksack stecken und dann loslaufen, anders geht es nicht.

Und dann sind die Wege teilweise unterbrochen von Erdrutschen und es drohen natürlich immer neue Erdrutsche. Das große Problem ist, den Helfern läuft die Zeit davon, weil in wenigen Wochen der Monsun beginnt in Nepal, dann beginnt es heftig zu regnen. Und man muss sich das auch so vorstellen, dass natürlich jetzt unheimlich viel Geröll sehr locker geworden ist durch die Beben. Und das kann sich natürlich, wenn jetzt der Regen dazukommt, dann jederzeit auch lösen. Und man muss die Menschen, die jetzt tatsächlich noch keine Hilfe bekommen haben, bis dahin auch erreicht haben, sonst wird es ganz bedrohlich für diese Leute. Das heißt, es ist wirklich ein Wettlauf gegen die Zeit.

"Verwaltungsstrukturen einfach nicht existent"

Thiel: Wir hören immer wieder davon, dass es am Nötigsten fehlt: Medikamente, Wasser, Strom. Was wird am dringendsten im Moment noch gebraucht?

Webermann: Ja, Strom, Medikamente, Wasser, das sind schon die richtigen Stichworte. Ich würde noch Zelte nennen, weil viele Menschen einfach ihre Behausungen verloren haben, ganze Dörfer, die auch wir gesehen haben, sind komplett zerstört. Die Menschen müssen sich irgendwo im Freien mit Planen, die sie vielleicht noch aus den Trümmern geholt haben, schützen; oder es haben sie notdürftige Planen erreicht von der Regierung und anderen Helfern, die aber dann auch nicht unbedingt den Regen fernhalten.

Dazu kommt, dass selbst Dörfer, die jetzt, sage ich mal, noch Lebensmittelvorräte haben, dass diese Vorräte auch bedroht werden; durch Regen beispielsweise die Lebensmittel schlecht werden können oder diese Vorräte tatsächlich unter Trümmern begraben sind. Man muss irgendwie jetzt dafür sorgen, dass die Menschen eine halbwegs trockene Unterkunft haben und dass sie auch die Möglichkeit haben, die Hilfe, die dort ankommt oder die sie vorher dort schon … die Lebensmittel, die sie dort gelagert hatten, tatsächlich auch weiterlagern zu können, damit das auch den Monsun halbwegs übersteht.

Thiel: Klappt es eigentlich inzwischen besser mit der internationalen Hilfe und der Koordination? Am Anfang ging da ja einiges drunter und drüber.

Webermann: Ja, am Anfang gab es die Chaosphase. Ich habe mir sagen lassen von vielen Helfern, dass diese Chaosphase in den ersten Tagen sogar relativ normal ist für Katastrophen solchen Ausmaßes. Dann war die große Frage, wer koordiniert jetzt hier tatsächlich. Die nepalesische Regierung hat zugegeben, dass sie komplett überfordert ist mit der Situation, war aber sehr zögerlich darin, tatsächlich dann auch Kompetenzen abzugeben. Nach und nach ist das jetzt unter der Regie der Vereinten Nationen, also beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation übernimmt den medizinischen Teil, das Welternährungsprogramm ist sehr aktiv darin, Lebensmittel zu verteilen. Das heißt, ich glaube schon, dass die Koordination tatsächlich besser läuft als noch vor zehn Tagen oder am Anfang dieser Katastrophe.

Thiel: Eigentlich war Nepal ja schon vor dem großen Beben ein Katastrophengebiet, schlechte Infrastruktur, schlechte Versorgung der Menschen, Korruption, es fehlte an dem Nötigsten, immer wieder die Regierung in der Kritik. Sie haben es schon kurz angesprochen. Wie funktioniert das jetzt, gibt es wirkungsvolle Hilfe der Regierung?

Webermann: Ja, die Regierung hat ja selbst schon gesagt, sie sei überfordert. Das Problem ist, die Regierung in Nepal ist nur eine provisorische Regierung. Das liegt daran, dass Nepal lange ein Bürgerkriegsland war bis 2006 und danach sich die Parteien erst zusammengerauft haben und seitdem aber auch überlegen, seit 2008, um genau zu sein, wie sie denn sich auf eine Verfassung einigen können. Und so lange ist diese Regierung eben nur provisorisch im Amt, was für Nepal ein Problem ist, denn die Regierung ist schwach.

Und dazu kommt, dass es in den einzelnen Distrikten überhaupt keine Kommunalwahlen oder Ähnliches gegeben hat seit mittlerweile 16 Jahren. Das heißt, so etwas wie Selbstverwaltung gibt es nicht in den Regionen und in den Distrikten in Nepal. Und das zeigt sich natürlich jetzt als eine sehr, sehr bittere Erkenntnis, weil eben die Verwaltungsstrukturen einfach nicht existent sind in den entlegeneren Gebieten und der Arm der Regierung eben überhaupt nicht so weit reicht. Und das rächt sich jetzt wirklich bitter.

Thiel: Wir haben viel Glück gehabt. Eindrücke aus dem Erdbebengebiet in Nepal, vielen Dank an unseren Korrespondenten Jürgen Webermann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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